Afrikanische Odyssee: Wer sein Wasser teilt, stirbt - DER SPIEGEL
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Afrikanische Odyssee Wer sein Wasser teilt, stirbt

Die Sahara verzeiht keine Fehler. Das Schlimmste für viele der Millionen afrikanischer Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa ist der Weg durch die Wüste. Als John Ekow Ampan den gefährlichen Weg durch die glühende Hitze der Sahara antrat, waren sie noch 88 Menschen. Nur wenige überlebten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Morgens um sechs wird der Himmel über der Sahara orange. Dann verblasst das Orange, und der Himmel wird rot dort hinten am Horizont, zunächst ist es ein blasses Rot, dann wird es dunkler und kräftiger. Die Sterne verschwinden in wenigen Minuten, das Rot verblasst wieder, und nun ist der Himmel blau. Etwas mehr als eine halbe Stunde dauert dieser Sonnenaufgang.

Es ist kalt und klar hier am Ende der Nacht, es ist die schönste Stunde des Tages in der Wüste, weil die Sonne jetzt noch nicht brennt und nicht tötet.

Der Sand der Sahara ist lila, wenn die Sonne aufgeht, dann wird er orange, und erst am Ende der halben Stunde ist er gelblich wie Wüstensand. Und die Felsen, grau und gewaltig, geschmückt mit kleinen Gravuren von Elefanten, Giraffen und Kühen, liegen im Sand wie hingeworfen, Murmeln der Götter.

Als John Ampan in der Sahara unterwegs war, 1993, betrat er die Stadt Arlit nicht; der Fahrer hielt draußen vor der Stadt an, bei den Felsen. Sie warteten. Drei Pickups hatten sich in Agadez auf den Weg gemacht, 88 Flüchtlinge saßen und standen auf drei Ladeflächen. Morgens um 6.30 Uhr, kurz nach Sonnenaufgang, waren sie in Agadez aufgebrochen, John hatte eine Gallone Wasser, knapp fünf Liter, dabei, außerdem Kekse und Gari, ein Mehl, hergestellt aus der Cassava-Knolle; man mixt das Puder mit Wasser, und es wird zu Brei, schmeckt nicht besonders, aber es nährt.

Abgemacht war, dass die drei Fahrzeuge die 88 Flüchtlinge in der Nähe von Assamaka, der Grenze zwischen Niger und Algerien, absetzen und dass dort drei algerische Fahrzeuge warten würden; bezahlt hatten die 88 Menschen, 73 Männer und 15 Mädchen, auf dem Busbahnhof von Agadez eine Fahrt nach Tamanrasset in der algerischen Hochebene. Hier in der Wüste rund um Arlit sammelten sich nun die drei Wagen, und dann fuhren sie weiter.

Es war ein ständiges Streiten zwischen Fahrern und Passagieren: Die Fahrer wollten keine Pausen einlegen, es waren zwei Fahrer pro Wagen, sie wechselten sich ab und schliefen im Auto - die Menschen auf der Ladefläche aber saßen verkrampft, hielten sich fest, konnten sich nicht bewegen und mussten alle paar Stunden mal absteigen und sich strecken und einige Schritte gehen. Darum schlugen sie mit flacher Hand auf die Fahrerkabine. Und die Fahrer drehten drinnen die Musik auf und taten so, als hörten sie die Passagiere nicht. Es war wackelig auf dem Dach.

Niemand balanciert das Gewicht eines Flüchtlingslasters aus, die Mühe macht sich keiner vor der Abfahrt; das Fahrzeug hatte Schlagseite, hin und wieder fiel einer runter. Es war auch eine Jagd und ein Versteckspiel. In jenen Tagen, als John Ampan unterwegs war, begann die Flucht aus Afrika erst, sie war noch nicht organisiert wie 14 Jahre später, und die Polizisten des Niger waren noch nicht kassierender Teil der Reiseindustrie. Sie hetzten die Flüchtenden.

Auf der Ladefläche sprachen sie Englisch und Französisch und einige Stammessprachen; sie kamen aus Ghana, Nigeria, Kamerun und Mali und redeten über ihre Träume. "Ich werde zwei Jahre lang in Europa bleiben, Geld verdienen und sparen, und dann werde ich nach Hause gehen und ein Haus bauen", so etwas sagten die meisten. Ein Junge saß neben John, ein Junge aus Ghana, der Ashanti sprach und erzählte, dass er bereits in Holland gewesen sei, dass er ein Kind in Holland habe, dass sie ihn trotzdem ausgewiesen und deportiert hätten, weil ihm die Papiere fehlten, und jetzt war der Junge auf dem Rückweg zu seinem Kind. Der Junge war 20 Jahre alt. Sie nannten ihn Kweku, das heißt "Geboren an einem Mittwoch". Kweku sagte, es sei schon wahr, Europa sei wirklich das Paradies, denn es gebe dort Arbeit und Krankenhäuser.

Kontinent der Bewegung

Sie beteten auf der Ladefläche des Pick-up, der sich meistens mit 40, 50 Stundenkilometern durch den Sand schleppte und hin und wieder 70, 80 Stundenkilometer fahren konnte - wenn der Sand der Sahara in Geröllflächen überging, flach und hart und gerade. Kweku sagte, es gebe lächelnde Menschen in Europa, und die Menschen würden dort alt, doppelt so alt wie in Afrika.

Es gibt auf den Ladeflächen die Chefs, wie in der Schule, die sich mit ihren Kumpels die besten Plätze gesichert haben; dort oben sind die besten Plätze jene am Rand und nahe am Führerhaus, wo man die Beine baumeln lassen kann; und in der Mitte der Ladefläche sitzen die Schüchternen, die Stillen, die Schwächlinge - die anderen steigen über die Schüchternen hinüber, stützen sich auf ihnen ab, und manche der Schwächlinge finden nicht einmal mehr Sitzplätze; sie stehen dann auf der wackelnden Ladefläche und lehnen sich gegeneinander und halten sich gegenseitig und schwanken gemeinsam.

Das Schlimmste ist der Dreck: Alle hier oben tragen Jacken und Turban, aber der Wind und der Sand schaffen sie doch; sie sehen schon nach ein paar Stunden und damit sieben Tage vor der Ankunft aus wie Penner. Leere Augen haben sie, sie lassen geschehen, was geschehen wird. Und alle haben aufgeschürfte Hände, weiße Flecken auf zerkratzter Haut. Flüchtlinge sind keine schönen Menschen, Flüchtlinge haben nichts Strahlendes, und das wird es nicht einfacher für sie machen in der Ferne.

Assamaka ist eine Stadt ohne Entwicklung, Stadt ohne Lachen, mitten in der Wüste. Die Grenze ist hier, 50 Häuser haben sie rund um den Schlagbaum gebaut, und die Menschen hier leben nur deshalb in Assamaka, weil hier eben der Schlagbaum ist. Die Soldaten kontrollieren Pässe und lassen sich Aus- und Einreise bezahlen. Ihre Frauen nehmen das Geld und kochen, was sie finden können. Die Kinder verkaufen Zigaretten, eine Schule gibt es hier nicht. Wracks von Lastwagen liegen herum, Müll liegt hier, und Flüchtlinge schleichen durch die Stadt, deren Autos liegen geblieben sind.

Afrika war ja immer ein Kontinent in Bewegung: Über Jahrhunderte, Jahrtausende wanderten Afrikaner von Ost nach West und von Nord nach Süd und irgendwann wieder zurück - wenn ein Quelle austrocknete, ein Krieg begann, eine Seuche ausbrach, begann die nächste Wanderung. Afrikaner kannten das Rad auch lange nach seiner Erfindung noch nicht, weil dieser Kontinent zu groß und zu träge war für den Fluss von Daten und Wissen. Darum wanderten sie. In der Sahara gab es Zugtiere, Kamele vor allem. Im Süden gingen diese Generationen von Migranten der Vergangenheit barfuß auf Sand und barfuß durch den Dschungel.

Natürlich erschwerte dies auch den Aufbau von Infrastruktur im 20. Jahrhundert: Es gab keine Straßen, wieso auch? Wofür? Damals, 1993, erreichten 88 Flüchtlinge auf drei Pick-ups die Dünen vor Assamaka, und hier stiegen sie um. Drei algerische Wagen warteten auf John und die anderen, und nachdem sie die neuen Wagen beladen hatten, alle Taschen und Bündel festgeschnürt hatten, all das, was übrig war von ihrem alten Leben, konnten sie sich ein paar Stunden hinlegen, auf dem Boden schlafen, erst dann ging es weiter. Sie hofften, dass die Fahrer wussten, was sie taten. Fehler verzeiht die Sahara nicht.

Ausgesetzt in der Sahara

Sie verstummten, wenn es Mittag wurde. Dann saßen sie auf der Ladefläche, um sie herum die Glut der Wüste, weiß und gleißend, selbst der Fahrtwind brannte. Sie fuhren 36 Stunden lang in Richtung Tamanrasset, abseits der Pisten, durch die Berge, durch Schlaglöcher, durch den Sand der Sahara. In Assamaka hatte John Wasser gekauft, zwei Kanister, zehn Liter. Es war 10 Uhr morgens, das Datum weiß John nicht mehr, als ein Auto liegen blieb mit Motorschaden. Alle stiegen ab, die Fahrer standen zusammen und diskutierten, dann versuchten sie, das defekte Fahrzeug zu reparieren. Und scheiterten.

Wieder standen die Fahrer zusammen, und die Flüchtlinge hockten auf dem Boden und warteten, und dann verschwand ein Auto, schnell und ohne Ankündigung. Holte der Mann Hilfe? Sie warteten zwei Tage lang. Sie waren müde, es war 40 Grad heiß, sie lagen im Sand und taten nichts. Man kann einen ganzen Tag verbringen, ohne ein Wort zu sagen, Flüchtlinge lernen das schnell. Und man kann derart ausgezehrt sein, so durstig, träge, müde, erschöpft, dass man nicht mehr gehen kann, nicht zehn Meter weit, dass man nichts mehr denkt, nicht redet, dass man nicht mehr glaubt, dass es anders werden kann, nichts mehr will, nicht hofft, dass man nur noch immer durstiger, träger, müder und erschöpfter wird.

Einmal stritten sie. Ihr wollt uns verrecken lassen, sagten die Flüchtlinge. Wir haben die Verantwortung für euch übernommen, sagten die Fahrer. Niemand hatte ein Satellitentelefon, kein Dorf war in der Nähe, John hatte keine Ahnung, wo er war. Und am dritten Tag war das zweite Auto weg, plötzlich. Niemand hatte es bemerkt, auf einmal hatten die Fahrer drinnen gesessen, und Sekunden später waren sie fort.

Es vergingen zwei weitere Tage, seit fünf Tagen hockten die Flüchtlinge inzwischen hier. Einige der Männer hatten kein Wasser mehr. Einige tranken Benzin, weil sie nichts anderes mehr hatten, nach ein paar Minuten waren sie bewusstlos, und dann starben sie. John hatte noch Wasser, und er war diszipliniert; er spürte die Gier, aber er bewegte das Wasser im Mund hin und her, befeuchtete die Lippen, ließ das Wasser überall hinkommen, bevor er es schluckte. Und er verschenkte nichts.

In der Kirche hatten sie etwas anderes gelehrt, teile, mein Sohn, aber wenn er geteilt hätte, wäre er gestorben. 88 Flüchtlinge, die vergessen wurden, allein gelassen von den Leuten, denen sie trauten und denen sie ihr Geld gaben, 88 Menschen auf der Suche. Warten? Gehen? Aber wohin? John und ein paar andere gingen. 25 Männer waren sie, Tony, Dapo und Ade waren dabei, an diese Namen kann John sich erinnern. Sie schlichen durch die Wüste, aber Kweku, der Junge, der auf dem Weg nach Holland war, zu seinem Kind, schaffte es nicht, er konnte nicht mehr. Er sank zu Boden, konnte nicht mehr gehen, konnte nicht mehr reden, und es dauerte nicht lange, dann war Kweku tot.

Dann kamen die Soldaten

Sie schaufelten ein Grab mit bloßen Händen, nicht tief, nur so tief, dass die Geier nicht an Kweku herankamen, und bevor sie ihn beerdigten, nahmen sie seine Schuhe und sein Geld. Es wäre Verschwendung gewesen, ihm das zu lassen, und das letzte, was sich irgendwer in der Wüste leisten kann, ist Verschwendung.

John wollte nicht sterben. Nicht hier. Noch nicht. Er dachte an seine Familie. Er hatte ihre Gesichter verloren, erinnerte sich an Schemen, an Haarfarben, aber die Gesichter und die Körper seiner Frau und seiner Kinder waren unscharf geworden. Er sah sich ihre Fotos an. Er spürte, wie verschwamm, was sein Leben gewesen war.

Am achten Tag wurden sie entdeckt, ein Lastwagen des algerischen Militärs fuhr vorbei, und die Flüchtlinge versteckten sich nicht mehr, sie schrien um Hilfe. Die Soldaten brachten sie in ihr Lager, sperrten sie ein, ein Zaun markierte das Gefängnis, Wüste unter blauem Himmel, doch die Soldaten brachten einen Topf Suppe. Heißes Wasser mit Gemüse, mehr war es nicht, aber für John und die anderen war die Suppe ein Festmahl.

Und die Soldaten stahlen Johns Portemonnaie und seine Sonnenbrille und die goldene Kette, die ihm seine Mutter geschenkt hatte. Im Portemonnaie waren seine einzigen Fotos von Vida und den Kindern. Dann brachten sie John zurück nach Assamaka, auf die andere Seite der Grenze, zurück nach Niger. Ihn und die übrigen 24. John ist nicht sicher, aber er glaubt, dass 50 von 88 Flüchtlingen gestorben sind. "Ich habe versucht, herauszufinden, was aus ihnen geworden ist", sagt er, "aber ich konnte nirgendwo etwas erfahren. Niemand hat je wieder von ihnen gehört."