Agentenposse Operation Sweety
Sie nannten sie "die Französin". Keine flirtete so unverschämt über alle Barrieren hinweg mit den DDR-Grenzposten wie die attraktive Studentin aus dem französischen Sektor des geteilten Berlin. Die wegen ihrer dunklen, ungezähmten Lockenmähne südländisch anmutende Frau war für die Soldaten ein heimlicher Star zugleich Verlockung und Bedrohung aus dem Westen.
Von der Koloniestraße 71 im Berliner Wedding lief sie beinahe täglich zehn Minuten zu Fuß bis ans Ende der westlichen Welt. Dann kam die Mauer. Dahinter, dort, wo bewaffnete Grenzer vor dem Todesstreifen patrouillierten, suchte Ariane Damerow, damals 21, Romantik und die Liebe.
Stattdessen fand sie ein Abenteuer, wie es eben nur an der Grenze zwischen Ost und West möglich war. Die Studentin, die sich eigentlich nur für einen bestimmten Grenzsoldaten interessierte, geriet ins Visier der Stasi. Und aus dem harmlosen Flirt wurde ein ungewöhnliches Dokument des Kalten Kriegs rund 1000 Seiten umfasst die Akte AP 7109 / 89G in der Gauck-Behörde, die das papierne Erbe der Stasi verwaltet.
Damerow wurde als mögliche Westspionin bis in die intimsten Gewohnheiten ausgeforscht und als "Perspektiv-Kader" (Stasi-Jargon) bearbeitet, um sie eventuell langfristig als Agentin für die DDR zu gewinnen. Weil im Niemandsland keiner dem anderen traute, hatten auch der Verfassungsschutz, der französische Geheimdienst und schließlich sogar der sowjetische KGB ein Auge auf die geheimnisvolle Frau mit den vitalen Ostkontakten geworfen. Für Ariane Damerow ist deshalb der Kalte Krieg bis heute nicht zu Ende, sie wurde in den geheimdienstlichen Computern des östlichen Bündnissystems, intern Soud genannt, gespeichert in der Datei "Agenten".
Dabei war sie doch nur verliebt, damals, im Sommer 1985.
Auf dem grauen, unwirtlichen S-Bahnhof Friedrichstraße lernt Ariane Damerow beim Umsteigen einen DDR-Unteroffizier kennen: Stefan. Über ein Jahr lang verständigt sich das Paar wegen der strengen Kameraüberwachung lediglich durch Mittelsmänner. Mitunter wartet die junge Frau stundenlang auf eine einzige Geste des vorbeipatrouillierenden Geliebten, der stets von zwei NVA-Angehörigen flankiert ist. "Wie zwei Königskinder, die nicht zusammenkommen durften, schmachteten sich die beiden an", erinnert sich Ost-Reichsbahner Siegfried Celmer, 78, der in Zeiten der Liebe als Überbringer amouröser Nachrichten behilflich war.
Als Stefan, das Objekt ihrer Sehnsucht, eines Tages spurlos verschwindet, weil sein Armeedienst abgelaufen ist und er auch nicht den Mut für eine gemeinsame Zukunft aufbringt, will ihn die enttäuschte Ariane unter allen Umständen wiederfinden. Gezielt sucht sie deshalb den Kontakt zu anderen DDR-Grenzern.
Die extrovertierte Studentin ist den Soldaten vom Mauerabschnitt Wollankstraße, wo die Stadtteile Pankow (Ost) und Wedding (West) aneinander stoßen, bald gut bekannt. Regelmäßig erscheint sie auf dem Balkon im dritten Stock eines Hauses in der Wollankstraße, gleich über der Kneipe "Zur Molle". Es ist das letzte Gebäude auf Westseite und bietet freie Sicht auf die Grenzanlage.
Der Wehrdienstleistende Christian John, 24, wirft immer öfter einen Blick zurück. "Pass auf, dass Dir nicht die Linse platzt", schreibt sie eines Tages auf einen großen Zettel, als John "die Französin" mal wieder lange und intensiv durch den Feldstecher beobachtet. Später nennt sie so auch ihre Adresse.
Da kann der verlobte Elektroinstallateur aus dem sächsischen Schmölln nicht widerstehen. "Sende Dir auch einen Kuss mit rüber, und vielleicht sehen wir uns mal?", wirbt er in seinem ersten Brief, den er mit Illustriertenbildern eines verliebten Pärchens und seines Idols, DDR-Schlagerstar Frank Schöbel, dekoriert.
Er erhält prompt Antwort, bald auch ein Foto: Ariane in Shorts. Freizügig, mit schulterfreiem Shirt und offenem Haar, lächelt sie verführerisch in die Kamera.
John, der nicht ahnt, dass er nur bei der Suche nach Stefan helfen soll, klebt es an die Innenseite seiner Spindtür. In dem Metallschrank versteckt er auch sein geheimes Tagebuch, in dem der Soldat von seiner unerreichbaren Liebe schwärmt: "Ich bin hingerissen von Deiner Schönheit."
Im Oktober 1987 ist das Geheimnis keines mehr. Bei einer Spindkontrolle im NVA-Grenzregiment 35 werden Tagebuch und Foto entdeckt John gesteht den verbotenen Briefkontakt. Seine Vorgesetzten bedrängen ihn, stellen ihn vor die Wahl, entweder im Militärgefängnis zu landen oder sich einen Straferlass als Stasi-Spitzel zu verdienen. Der Verehrer John entscheidet sich für eine Karriere als Romeo.
Das Bild aus dem Spind, das wie ein Schwarzweiß-Pin-up aus den fünfziger Jahren wirkt, beflügelt zudem die Phantasie der Geheimen. "51 Prozent der Motivation im Fall Damerow wurden durch dieses Foto geweckt", sagt Ex-Stasi-Major Hans-Jürgen Tyra, 49. Bis heute hegt Tyra, der inzwischen in Erfurt Autohäuser in Wirtschaftsfragen berät und früher die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) in der Operation "Sweety" gegen Damerow führte, eine "gewisse Verehrung". Ariane Damerow ahnte damals nicht einmal, was das bedeutet. Das begriff sie erst, als sie 1990 begann, ihre eigene Geschichte in kriminalistischer Kleinarbeit aufzudecken. Jede Person, jeden Inoffiziellen Mitarbeiter, jeden Geheimdienstmann, von dem sie bearbeitet wurde, hat Damerow ausfindig gemacht, aufgesucht und ihnen die Frage nach dem Warum gestellt.
Die Regale in ihrer 45 Quadratmeter großen Single-Wohnung im zweiten Stock eines Berliner Hinterhauses sind voll gestopft mit den Antworten Aktenordnern, Fotokisten, Tonbändern.
Die Operation "Sweety", erklärte ihr der ehemalige Stasi-Oberstleutnant Hans-Jürgen Fischer, 58, der den Fall anfangs bearbeitete, habe offiziell nur klären sollen, ob die Studentin "im Auftrag" eines feindlichen Geheimdienstes Kontakt zu Grenzsoldaten sucht. Aber sie sei wohl auch "ein Ergebnis krankhaften Ehrgeizes und überzogenen Feinddenkens der Staatssicherheit" gewesen. Fischer war einer der Ersten in der Reihe verantwortlicher Geheimdienst-Mitarbeiter, die Damerow nach der Wende aufsuchte.
Am 23. Oktober 1987 unterschrieb der Gefreite John eine IM-Verpflichtungserklärung. Er sollte nun seinen Schwarm aus dem Westen ganz offiziell treffen und ausspionieren. "Da bin ich zusammengeknickt", schämt sich John, 38, ein etwas grobschlächtiger Mann mit dickrandiger Brille, heute.
Bei ihrem ersten Treffen Anfang November 1987 begleitet ein Tross von Stasi-Mitarbeitern Christian und Ariane, als sie in Ost-Berlin im Restaurant "Prag" für 42 Ost-Mark speisen, U-Bahn fahren und nachts an der Bar im Palast der Republik Cocktails schlürfen. Doch mehr als Freundschaft wird zum Leidwesen der Beobachter im Hintergrund nicht daraus.
Dennoch glauben die Geheimen an einen großen Fang: Die Studentin der Sinologie und Romanistik spricht fließend französisch und kennt Gott und die Welt. Der Schwager ist französischer Soldat, und ein Freund arbeitet als Regierungsdirektor im Forschungsministerium, Abteilung Raumfahrt. Die "operative Prägnanz" habe sich dadurch verschärft, erklärte der ehemals leitende Stasi-Offizier Gerhard Gropp, 53, als Damerow ihn nach der Wiedervereinigung kontaktierte.
Also inszeniert die Staatssicherheit den Glamour des Sozialismus. Ein großer Blonder, der aussieht wie ein Posterboy und sich Ariane als Grenzsoldat Jens Schuster und Freund des Gefreiten John vorstellt, soll nun ihr Herz erobern. Der neue Romeo ist vom Fach, ein Hauptamtlicher.
Zusammen mit Arianes West-Berliner Freundin Chrissy ziehen die jungen Leute nachts auf Stasi-Kosten durch die Bonzenpaläste Ost-Berlins. Im Ermeler-Haus, dem Treffpunkt der sozialistischen Polit-Society, mit Stuck, Kronleuchtern und Samttapete, direkt an der Spree, horcht IM Jens die Mädchen bei Wein und Hähnchenbrust in Orangensauce über ihr Studium, politisches Engagement und persönliche Kontakte aus. "Zielstellung wurde erreicht", meldet er danach in seinem achtseitigen "Treffbericht" vom 19. Dezember 1987: "Ich konnte mir volles Vertrauen und Glaubwürdigkeit zusichern."
Im "Jahresplan" 1988 bereitet Stasi-Offizier Tyra nun die "Überleitung des bestehenden persönlichen Kontakts in einen nachrichtendienstlichen" vor. Als geeigneter Rahmen erscheint ein romantisches Juni-Wochenende in einer Datscha bei Dresden. Doch die Sache läuft aus dem Ruder: Nicht Ariane verliebt sich in Romeo Jens, sondern ihre Freundin Chrissy. Die "Zielperson" dagegen verliert zunehmend das Interesse.
Die Studentin ist weiterhin auf der Suche nach Stefan, ihrer Liebe vom Bahnhof Friedrichstraße. Als sie schließlich tatsächlich Post von ihm erhält, ist es ein Abschiedsbrief: "Es war eine schöne Zeit, alles erdenklich Gute, vor allem Gesundheit und Erfolg beim Studium." Eine Adresse fehlt.
Was folgt, lässt sich nur aus den Gepflogenheiten des Kalten Kriegs erklären: Weinend wird Ariane nachts auf einer Brücke nahe der Grenze von einer West-Berliner Polizeistreife aufgegriffen. Als sie ihre Geschichte von der unglücklichen Liebe zu einem Ostgrenzer erzählt, landet sie beim Verfassungsschutz. Die West-Berliner Beamten sind sich nicht sicher, ob vor ihnen nicht eine Ostspionin sitzt.
Am Ende eines intensiven Gesprächs gibt Ariane Damerow das einzige nachrichtendienstlich bedeutsame Geheimnis preis, das sie kennt: Bei ihren Balkonsitzungen hatte sie eine der etwa 20 Agentenschleusen in der Mauer entdeckt.
Kurz darauf bittet der Verfassungsschutz um ein Treffen. Eine Dame Ende Dreißig, in Jeans und grünem Jackett, kommt mehrfach zu Besuch. Sie stellt sich als Monika Quant vor und will alles über Damerows Ostverbindungen und die Schleuse wissen. Die Studentin soll außerdem ihre alten Kontakte zu Ost-Reichsbahnern und -Grenzposten aufleben lassen.
Von den Deutschen alarmiert, schalten sich nun auch die Franzosen ein. Der Schwager, ein Berufsoffizier aus Bordeaux, wird verhört. Arianes Schwester Jacqueline ruft völlig aufgelöst aus Frankreich an: "Die haben dich schon die ganze Zeit im Blick und wissen, wann du wo mit wem im Osten warst", schluchzt sie ins Telefon. Jahre später liest Damerow in ihrer Stasi-Akte, dass es ausgerechnet ihre Freundin Chrissy war, die sowohl Arianes Kontakt zum Verfassungsschutz als auch die Vernehmung des Schwagers sofort an ihren damaligen Liebhaber Jens und so an die Stasi verriet. Damit änderte sich die Lage auch in Ost-Berlin. Weil nun alliierte Westmächte beteiligt sind, wird der Fall im Juni 1989 den Russen übergeben. Die letzte Anweisung, mit der die Akte an den Soud-Speicher geht, lautet in Kyrillisch: "Ständige Kontrolle".
Gequält vom schlechten Gewissen, steht kurz nach Maueröffnung der Ex-Grenzer Christian John vor Arianes Tür in der Koloniestraße und gesteht: "Ich war der Mittelsmann, und dass der Jens bei der Stasi war, habe ich verschwiegen."
Anstatt den jungen Mann aus der Wohnung zu werfen, nimmt die damals 26-Jährige sein Geständnis auf Kassette auf. Lange bevor die Stasi-Akten den Betroffenen zugänglich gemacht werden, hat Damerow Namen, Dienstgrade und Adressen sämtlicher verantwortlicher Geheimdienstler herausgefunden. Am 17. November 1991 sitzt sie in der Shakespearestraße in Leipzig in der Wohnung des hauptamtlichen IM Jens. Der windet sich und versucht sich herauszureden: "Wenn ich's nicht getan hätte, wär's ein anderer gewesen."
Ex-Stasi-Major Hans-Jürgen Tyra zeigt statt Unrechtsbewusstsein nur Ärger über den fehlerhaft bearbeiteten Fall: "Aus dir hätten wir einen Spitzenkader auf der Auslandsschiene machen können." Der Verfassungsschutz-Frau Quant ist sehr unwohl, als Damerow von ihren detaillierten Nachforschungen berichtet. "Nie", verlangt sie, dürfe Damerow die Verbindung zu Quants Dienststelle erwähnen, sie droht Ariane mit "Strafanzeige, falls Sie plaudern".
Im März 1992 trifft Damerow sogar den französischen Oberst, der für ihre Bearbeitung zuständig war: "Ein Austausch zwischen Alliierten ist doch normal", versucht er den Fall bei einem Kaffee im Irish Pub nahe dem damaligen französischen Hauptquartier, der heutigen Julius-Leber-Kaserne in Berlin, charmant herunterzuspielen.
Für Ariane Damerow waren diese Gespräche eine Art Therapie, der Versuch, sich die eigene Vergangenheit endlich anzueignen, auch jenen Teil, von dem sie lange nichts ahnte. Ariane fertigt Gedankenprotokolle, manche Dialoge nimmt sie heimlich auf. Diesmal ist sie die Jägerin, verbunden vielleicht mit jenen Gefühlen, die Menschen beschleichen, die sich in ihrem Haus neu orientieren, nachdem die Einbrecher weg sind.
Es hat geholfen, ihr persönlich.
Die Frau mit dem dunklen Wallehaar arbeitete 2001 fast ein Jahr lang als Sachbearbeiterin im Büro des SPD-Bundestagsabgeordneten Peter Enders, 59. Er schätzt sie als eine "kluge tatkräftige Person", ein "zuverlässiger Charakter". Der Senat verlieh ihr Ende vergangenen Jahres den Berliner "Präventionspreis" für Zivilcourage. Zusammen mit ein paar Bewohnern hatte sie sich kriminellen Bosniern entgegengestellt, die das Viertel terrorisierten und Bewohner mit Mord und Totschlag bedrohten.
Und doch hockt Ariane Damerow, heute 38, oft in Hippie-Klamotten, einer Cord-Latzhose und rotem Puschelpullover, in ihrer Wohnung zwischen Korbstühlen, gelbem Schlafsofa, den Leuchtsternen im Fenster und dem Regal voller Antworten und möchte endlich "unbescholtener Bürger" sein, und nicht mehr in der ständigen Angst leben, bei der Einreise in andere Länder als vermeintliche Agentin festgenommen zu werden. "Ich will, dass diese Sache jetzt mal zu Ende geht."
Das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben. Aus der Datei gelöscht zu werden ist nach Ansicht von Experten der Gauck-Behörde praktisch unmöglich: Die interne Soud-Regel schreibt strikt die Aufbewahrung der Informationen vor "bei Frauen bis zur Vollendung des 75. Lebensjahres".
Und mit der Liebe hat es sich am Ende auch nicht wirklich gelohnt.
Ariane machte auch Stefan, den ehemaligen Grenzer vom Bahnhof Friedrichstraße, ausfindig, den sie so lange gesucht hatte. Sie traf ihn in einem Siedlung hundert Kilometer südöstlich von Neubrandenburg.
Als sie eines Abends im dritten Stock des Neubaus klingelte, öffnete dessen Frau. Stefan saß im Wohnzimmer auf einer Fünfziger-Jahre-Couch, hinter ihm eine Schrankwand, auf dem Velourteppich spielte ein kleiner Junge.
Und ohne seine stolze Grenzer-Uniform sah Stefan, um den es zumindest Ariane Damerow all die Jahre gegangen war, plötzlich "ganz blass und gewöhnlich aus".
SUSANNE KOELBL