Agnes Sassoon "Ich kann gar nicht hassen"
SPIEGEL: Frau Sassoon, wie sind Sie von Ihren Eltern getrennt worden?
Sassoon: Damals, im Oktober 1944, ging ich in eine jüdische Schule in Budapest, die in einer Synagoge untergebracht worden war. Und eines Tages, als der Unterricht vorbei war, standen mehrere große Lastwagen der Pfeilkreuzler, also der ungarischen Nazis, vor der Schule. Die Männer scheuchten uns auf die Wagen, die Kinder auf den einen, junge Frauen, Mütter und Lehrer auf den anderen. Und da war auf einmal eine große, schöne Frau, die ich gar nicht kannte, Aranka, und sie nahm mich an die Hand und flüsterte mir zu, ich solle sagen, dass ich zu ihr gehöre. So kam ich mit ihr zusammen auf den Wagen mit den Erwachsenen. Von den Kindern auf dem anderen Wagen hat man nie wieder etwas gehört.
SPIEGEL: Wurden Ihre Eltern informiert?
Sassoon: Natürlich nicht. Man ließ uns wochenlang marschieren, mal wurden wir gefahren, mal in Viehwaggons gesteckt, es war schrecklich, ohne Toiletten, ein Wunder, dass wir keinen Typhus bekamen. Wir froren, neben mir starben die Alten und Schwachen. Auch Aranka sah immer elender aus, und eines Tages wurden wir voneinander getrennt.
SPIEGEL: Können Sie sich an die Ankunft in Dachau erinnern?
Sassoon: Ja, ja, wir sahen schon vor dem Tor einen Mann, der unbeschreiblich aussah, so elend, so abgemagert, dann die bellenden Hunde. Und die Männer brüllten "Los! Los! Los!", es war schrecklich. Ja, und dann begann diese ganze Aufnahmeprozedur, die Desinfektion, die Haare wurden abgeschnitten, man steckte mich in eine große Holzwanne mit Wasser, das weder richtig warm noch kalt war. Die Aufseher schlugen wahllos die Häftlinge. Irgendwie geriet ich in Panik, ich fing an zu schreien, ich verstand das alles nicht, ich war ja gerade elf Jahre alt. Und dann kam dieser große Junge auf mich zu, er hieß Alex, ganz mager und bleich, mit großen Augen. Und er sagte: "Du darfst nicht schreien, sie bringen dich um." Also war ich still. Später habe ich mich mit ihm angefreundet. Die Aufseher schrien ständig, sie verhielten sich wie Tiere.
SPIEGEL: Können Sie sich an Deutsche erinnern, die Mitleid mit Ihnen empfanden?
Sassoon: Nein, im Gegenteil. Einmal musste ich bei Bauern in einem Schweinestall arbeiten. Eines Tages habe ich gesehen, wie die Hühner gefüttert wurden, und mir dann schnell ein paar Körner in den Mund gesteckt. Die Bäuerin hat es beobachtet und gleich den Soldaten gemeldet. Und ein Soldat hat mir dann den Mund aufgerissen und die Körner herauszuholen versucht, ganz brutal.
SPIEGEL: Wir sprechen jetzt vom Winter 1944/45. Wo haben Sie das Kriegsende erlebt?
Sassoon: In Bergen-Belsen. Wie und wann ich dahin gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, wir sind den ganzen Weg gelaufen. Eines Tages konnte ich nicht mehr. Ich bin so beim Marschieren ganz langsam aus der Reihe getorkelt. Ein Soldat kam zu mir und sagte scheinbar ganz freundlich: "Komm Kleine, setz dich hin und ruh dich aus." Und kaum saß ich am Straßenrand, da hat er geschossen.
SPIEGEL: Einfach geschossen?
Sassoon: Ja. Vielleicht dachte er, ich sei zu schwach. Aber ich konnte auch wirklich nicht mehr. Ich wurde ohnmächtig und wachte erst wieder auf, als die nächste Marschkolonne vorbeikam, französische Kriegsgefangene, die mich entdeckten. Der Soldat hatte mir ins Bein geschossen, ich blutete. Sie wollten mich tragen, aber die Deutschen wollten es erst nicht erlauben. Dann ging es aber doch, ich wurde in einen Sanitätswagen gelegt und notdürftig versorgt. Hier, da sehen Sie die Narbe, es ist nie richtig behandelt worden (Frau Sassoon zeigt die große Narbe an ihrem rechten Unterschenkel).
SPIEGEL: Und nach Bergen-Belsen hat man Sie dann im Krankenwagen gebracht?
Sassoon: Ja, meine Erinnerungen sind hier nur noch sehr verschwommen, ich hatte starke Schmerzen. Ich kann mich noch an die Leichenhaufen erinnern, an den Gestank, an Brandgeruch. Alles war schon in Auflösung begriffen.
SPIEGEL: Wie haben sich die deutschen Aufseher verhalten?
Sassoon: Brutal. Einmal fand ich eine Kartoffel und wollte sie in einem Feuer, in der Asche backen. Eine Aufseherin sah mich und befahl mir ganz freundlich, meine Hand doch näher ans Feuer zu halten, um mich zu wärmen. Es war eine große, blauäugige Frau, sehr eindrucksvoll, ich sehe noch heute ihre schönen weißen Zähne. Und in diesem Moment trat sie mit ihrem Stiefel auf meine kleine Hand, sie zerquetschte meine Finger, die ganze Haut verbrannte, ein furchtbarer Schmerz durchfuhr mich. Später sagte man mir, dass das die berüchtigte Irma Grese gewesen sein müsse, ich weiß es nicht, es gab viele solcher Frauen.