Agoraphobie Drinnen vor der Tür
Berlin - Am letzten Tag seines ersten Lebens schaffte es Thomas Krug* nicht mehr bis zum Briefkasten. Mattgrau war dieser Berliner Morgen, die Wolken hingen träge über Reinickendorf, und es waren nur sechzig Schritte. Die Haustür fiel hinter ihm ins Schloss, Mist, dachte Krug noch, aber der Brief musste weg. Er konnte das, es war ja nur über die Straße.
Noch fünfzig Schritte, Krug starrte auf den Briefkasten, das Herz schlug schneller und drückte gegen die Brust wie eine Faust, da waren Menschen und der Bordstein und ein Hund und das Licht. Krug keuchte, konnte nichts mehr fixieren. Er würde jetzt sterben, ganz sicher, das dachte Thomas Krug, und auch, dass sie später schreiben würden, er sei mit dieser blöden Steuererklärung in der Hand krepiert. Er drehte um.
Ein paar Minuten später schloss sich die Wohnungstür hinter Thomas Krug, nur hier oben war er sicher. Das wusste er jetzt.
Krug ging nicht mehr zum Briefkasten, er ging gar nicht mehr raus. Zehn Jahre lang.
Jetzt sitzt er an einem Holztisch, der sehr lang ist und massiv, und Krug, ein kleiner, runder Mann mit weichem Gesicht, wirkt etwas verloren. Er hat ein schwarzes Hemd an und eine schwarze Hose, er saugt an einer Pall Mall und lächelt matt. Es ist immer noch nicht leicht, über das alte Leben zu sprechen, über die letzte Panikattacke draußen und das Jahrzehnt drinnen. 3676 Tage auf 120 Quadratmetern mit weißen Wänden, offener Küche, Balkon, vier Fenstern raus zur Straße. Zur Normalität.
Der Körper brach aus, aber die Worte fanden den Weg nicht
Thomas Krug gilt als geheilt, er hat heute keine Angst mehr vor der Normalität da draußen. Vor ein paar Monaten hat er seine Wohnung wieder verlassen, der Briefkasten war kein Problem mehr in diesem neuen, alten Leben. Nicht mal die Eröffnung dieses riesigen Elektro-Marktes in Reinickendorf, die Krug sich als Mutprobe vorgenommen hatte. Womöglich ist alles gut, aber die Agoraphobie ist kein Mantel, den man einfach ablegen kann, und Krug weiß das. Er nennt sich immer noch einen Komplett-Agoraphobiker, vorsichtshalber. "Angst vor belebten Plätzen, Straßen, Reisen, öffentlichen Verkehrsmitteln" - es klingt wie die Aufzählung von ein paar schlechten Charaktereigenschaften. Man hat sie eben.
Schon vor fünf Stunden saß Krug in seinem Wohnzimmer, dieser Abend war noch grau und kühl, und es schien, als würde der Mann in schwarz den Kampf wieder verlieren. Er wollte über seine Krankheit reden, er wollte das seit zwei Jahren. Er hatte es geschafft, aus diesen 120 Quadratmetern Schutz und Gefängnis auszubrechen. Aber jetzt fanden Krugs Worte den Weg nicht. Er sprach stattdessen über die Große Koalition, die WM und die Frage, ob man Nudelwasser Öl beigeben soll.
Dann redete Krug über Filme. Über Jack Nicholson und "Einer flog übers Kuckucksnest" und einen Traum, den er letzte Nacht hatte.
"Ich war Robert De Niro in Taxi Driver."
In welcher Szene?
"Als er in seinem Zimmer steht und diese Holzschiene für die Waffe ausprobiert. Klackklack." Krug macht die Bewegung nach, streckt den Arm aus und winkelt ihn wieder an. Er grinst.
Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
"'Ein Freund von mir' mit Jürgen Vogel und, wie heißt der andere noch?"
Daniel Brühl. Sie waren im Kino?
"Ja, ich war im Delphi mit einem Kumpel. Wie lange ich nicht mehr im Kino war, ich weiß das gar nicht mehr."
Und in diesem Moment begann Thomas Krug doch noch, über sein altes Leben zu reden.
Es hat lange gedauert, sich überhaupt zu verabreden. Krug hasst Termine noch immer, er hat sie schon damals als unangenehm empfunden, als alles angefangen hat, nach der Sache mit seiner Frau und dem Kind. "Ich habe mich schlecht gefühlt, wenn jemand anrief. Ich habe abgesagt, wenn sich jemand treffen wollte", erzählt er. Damals dachte Krug noch, dass er vielleicht keine Lust auf Gesellschaft habe. Als die ersten Panikattacken kamen, dachte er, dass der Grund dafür "zu viel Input" sei. Das Licht, die vielen Menschen. Er setzte eine Sonnenbrille auf, auch wenn es dunkel war. Irgendwas stimmte nicht, Krug wusste das. Aber er hoffte, dass es irgendwann aufhören würde.
Dabei ging es gerade erst los.
Krug lief zum Augenarzt, doch der sagte, alles sei in Ordnung. Krug ging zum Allgemeinmediziner, aber auch der konnte nichts finden. "Meine Blutwerte waren top, mein physischer Zustand bestens", sagt Krug, "er hat mir nur einen Rat gegeben: Ich solle mal über eine Therapie nachdenken." Er wippt auf dem Stuhl. "Der hat mir das damals so deutlich gesagt." Doch ein Mann braucht keine Therapie, das dachte Krug damals, 34 Jahre alt, selbständig, Vater einer Tochter. Okay, er war geschieden nach der Sache mit seiner Frau und dem Kind, aber ein Mann wird nicht psychisch krank wegen so was. Oder?
Acht Jahre in der Wohnung, aber Thomas Krug wusste immer noch nicht, dass er krank war.
Zweifel waren nie die Sache von Krug gewesen. Er ist Programmierer, und in der Welt der Zahlen gibt es nur ein richtiges Ergebnis oder ein falsches. Bei Problemen werden Zahlenfolgen geändert, bis das Ergebnis wieder stimmt. Und am Ende stimmt das Ergebnis immer. Krug hatte auch einen Plan für sein Leben gemacht, er wollte arbeiten und eine Frau, die sich um den Rest kümmert. Doch seine Frau wollte weiter Krankenschwester sein und Freiheiten haben und auch ein Kind. "Nach der Geburt meiner Tochter bin ich nachts schweißgebadet aufgewacht - ich wusste, das ist das erste Ding in meinem Leben, aus dem ich nicht einfach rauskomme ohne Flurschaden", sagt Krug.
Dann erzählt er, dass das Kind an der Brust seiner Frau ruhig war und bei ihm schrie, bis es blau wurde. Dass er sich überflüssig vorgekommen sei und in Arbeit flüchtete. Dass seine Frau erst fremdging und ihn schließlich verließ. "Ich hätte eine Therapie machen sollen, damals", sagt er.
Vor zwei Jahren trafen wir uns das erste Mal, als diese helle Wohnung im fünften Stock noch sein Gefängnis war mit Holzboden und dem dicken roten Teppich im größten Zimmer. Krug war gefangen, der Körper und auch der Wille, zu reden. Er lebte sein zweites Leben, das auf 120 Quadratmetern, verdiente sein Geld mit Servern und virtuellem Speicher und den vielen Computern im Arbeitszimmer. Freunde im Haus holten ihm Lebensmittel und seine neue Frau kaufte ihm Hemden und Hosen und Schuhe und brachte alles zurück, was Krug nicht passte. Diese Wohnung war wie ein Boot, das auf dem Meer trieb, und Krug wusste nicht, wann er wieder an Land gehen könnte. Er lebte, und das gar nicht so schlecht. Aber er rührte das Steuer nicht an.
"Meine Frau hat mir irgendwann ein Buch mit nach Hause gebracht und es provozierend hier irgendwo hingelegt", sagt Krug heute. Das Buch heißt "Am liebsten ginge ich gar nicht mehr aus dem Haus", und darin wird Agoraphobie mit Heuschnupfen verglichen. Es ist eines dieser Bücher, das Männern wie Thomas Krug klarmachen kann, dass sie krank sind. Sie müssen es nur lesen. "Aber es lag wochenlang rum, bis ich es aufschlug. Dann dachte ich: Verdammt, da hat einer meine Geschichte aufgeschrieben. Ich bin krank, das war eine Erlösung für mich." Seit acht Jahren lebte er jetzt hier oben. Nun wusste Thomas Krug, dass er krank war.
"Verdammt, da hat einer meine Geschichte aufgeschrieben"
Auf dem Holztisch liegen jetzt drei Bilder. Krug will zeigen, was die Krankheit aus ihm gemacht hat, er legt die Fotos nacheinander auf den Tisch wie dieser Typ aus "CSI Miami", wenn er dem Verdächtigen die wasserdichten Beweise präsentiert. Zack, zack, zack. "Da, das bin ich, mit 20." Krug tippt auf einen schlanken Mann mit Turnhose, T-Shirt und einem Speer in der Hand. Auf dem zweiten Bild läuft der Mann an, der Speer ist angestellt. Auf dem dritten schnellt der Arm nach vorn und der Speer fliegt aus dem Foto. "Ich habe in den letzten zehn Jahren Tausende Speere in Gedanken geworfen", sagt Krug leise. 120 Quadratmeter können sehr klein sein, wenn man mal Speerwerfer war.
Die Rettung war ein Anruf von einem alten Schulfreund, der Arzt ist und ihm Tabletten verschrieb. Doch auch die Tabletten lagen Monate zu Hause herum wie das Buch. "Ich dachte, sie würden meine Persönlichkeit verändern. So, dass ich nach einer Panikattacke auf der Straße sitze und nicht mehr weiß, wer ich bin, während mir der Schleim aus dem Mund sabbert." Er nahm sie dann doch, Antidepressiva, "selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, SSRI", sagt Krug, und auch, dass sein Problem wohl hauptsächlich eins des Stoffwechsels sei.
Morgens dreht Thomas Krug meistens seine Runde um den Block. Manchmal fährt er auch mit dem neuen 3000-Euro-Fahrrad durch den Park, jeder Tag ohne den Kreislauf aus Angst vor Panik und Vermeidung ist ein Geschenk. Es geht so schnell, und man kann die Zeichen auch falsch deuten. "Ich beobachte die Menschen auf der Straße genau, ob sie nahe an der Hauswand laufen und ihre Schrittfrequenz ändern, wenn sich ein großer Platz auftut", sagt Krug. "Viele ahnen nicht, wozu sich das auswachsen kann."
Krug ist müde, diese Party vor ein paar Tagen ging sehr lange. Als ein Freund ihn am nächsten Tag auf eine Messe mitnehmen wollte, musste er absagen. Er braucht noch Erholung von draußen. Menschen planen wieder mit ihm, das sei gut, aber er plant noch nicht mit den Menschen. Lieber schaut er nachts eine dieser Kochsendungen, er kann mittlerweile in Gedanken schmecken und Sauerteig selbst machen und Nudeln. Er kocht sie ohne Öl. "Eigentlich will ich das alte Leben gar nicht zurück, nicht eins zu eins", sagt Thomas Krug.
Es sei ja nicht so, dass er nicht gelebt hätte in den vergangenen zehn Jahren.
* Name von der Redaktion geändert