Alabama: Der Gestank der Apokalypse - DER SPIEGEL
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Alabama Der Gestank der Apokalypse

An der US-Golfküste hat "Katrina" ganze Orte ausradiert. Nun wälzt sich eine Karawane der Heimatlosen ins Landesinnere. Bei der Flucht vor Elend und drohenden Epidemien nützen manchmal nicht einmal Autos - der Sprit wurde rationiert.
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Mobile - "Du stinkst", raunt Jay Evans seinem Sohn Jason zu. "Du stinkst wie die Bay of Mobile." Jason, fünf Jahre alt, schnuppert an seinem verschwitzten T-Shirt-Ärmel, rümpft die Nase und lacht. "Die Bay of Mobile stinkt!", kräht er und klatscht fröhlich in die Hände. Recht hat er, nur lustig ist das natürlich nicht. Doch zum Glück begreift Jason das noch kaum.

Ganz Mobile stinkt, selbst hier, ein paar Meilen landeinwärts, wo Evans und Jason am Rande der Interstate 65 neben ihrem Geländewagen stehen, am Ende einer endlosen Autoschlange vor der einzigen offenen Tankstelle im Landkreis. Nur eine Tanksäule ist in Betrieb, fünf Stunden die Wartezeit, sagt der Tankwart. Fünf Stunden für den letzten Sprit im Staat, streng rationiert und zum Wucherpreis: drei Dollar pro Gallone.

Es stinkt, nicht nur im Hafen- und Urlaubsort Mobile, wo "Katrina" ganze Stadtviertel ausradiert hat. An der gesamten US-Golfküste beginnt es in diesen Stunden zu stinken, von Louisiana bis hinüber nach Alabama: Es stinkt nach Brackwasser, nach totem Fisch, nach verwesendem Geflügel und Fleisch, Öl, Müll - und nach Leichen, immer mehr Leichen, unter Trümmern, in überfluteten Häusern, im offenen Wasser treibend.

In einem Atemzug mit 9/11

Hier in Mobile im Südstaat Alabama, wo der Mardi Gras erfunden wurde und sich "Katrinas" östlichsten Ausläufer austobten, da dachten sie anfangs ja noch, sie seien mit einem blauen Auge davongekommen. Doch auch hier haben sie sich getäuscht, so wie am anderen Ende des Golfs - einst so nahe, jetzt so gänzlich unerreichbar - die armen Seelen des langsam im Kloakengift versinkenden New Orleans.

Evans, seine Mutter und sein Sohn haben sich also resigniert auf die Flucht nach Norden gemacht, wie Tausende andere an diesem Tag, da sich das ganze Ausmaß der Katastrophe überhaupt erst anzudeuten beginnt. Die Flutwelle hat ihr Haus unbewohnbar gemacht. Nach außen hin, sagt Evans, könne man zwar kaum etwas sehen. Drinnen aber habe das Wasser alles "durcheinander gewirbelt wie in einem Mixer", selbst die schwersten Möbel. "Unser Tsunami", sagt Evans dazu. Worte, die man hier immer wieder hört - in einem Atemzug mit dem Vergleich zum 9/11-Leiden.

Sie stolperten vom Dachboden zurück in eine unwirkliche Welt: "Alles weg, nass, kaputt, verdorben, unbrauchbar", sagt Evans und deutet auf die Mülltüten auf dem Rücksitz, zwischen denen seine Mutter eingeschlafen ist. "Das ist alles, was übrig ist. Und unser Leben. Wir sind dankbar." Die Nachbarn hatten nicht so viel Glück: Von ihnen fehle jede Spur. Als am dritten Tag immer noch keine Hilfe kam, kein Trinkwasser, keine Lebensmittel, kein Strom, kein Eis, kein Telefon, keine ärztliche Versorgung, da beschloss Evans auf eigene Faust sein Glück. Nun versucht er sich mit einem Mietwagen nach Birmingham durchzuschlagen, mehrere Autostunden im Landesinneren - die erste Stadt von hier aus gesehen, die noch halbwegs bewohnbar ist.

"Die Garde ist im Irak!"

Im gesamten Golfküstenland nämlich, in drei Bundesstaaten und auf Aberhunderten Quadratkilometern, geht nichts mehr. Während alle auf New Orleans starren, auf die untergegangene Schönheit, herrscht das Elend auch hier in Alabama, am anderen Ende der Zerstörungsschneise. "Katrina" begrub Mobile, an drei Seiten von Wasser umgeben, unter den höchsten Fluten, die die Stadt je erlebt hat. Schulen sind bis aufs Fundament vernichtet, Kirchtürme umgestürzt, am Hafen liegen Krabbenkutter übereinander gestapelt auf dem Trockenen. Straßen sind meterhoch unter Schlamm begraben. Rund 200.000 Menschen im Bezirk haben keinen Strom, keine Kühlung bei über 35 Grad Tagestemperatur, und die Stromgesellschaft Alabama Power vermeldet übers Radio, es werde Wochen dauern, bis die Oberleitungen wieder halbwegs funktionierten.

Auf dem Dauphin Island, das durch einen nur wenig beschädigten Damm erreichbar ist, sind alle Häuser zerstört, nur noch die Grundrisse übrig und grotesk aussehende Holzsplitter. Im Vorort Bayou la Batre, wo die Flutwelle fünf Meter Höhe erreichte, liegen 80 Prozent der Gebäude in Trümmern. Die Vergnügungsdampfer, die an der Mobile Bay verankert waren, sind gesunken, umgestürzt oder aufs Land geworfen. Das "Old Wharf Restaurant", das auf einem Stelzenpier stand, ist ganz verschwunden, einfach weggespült. Öllachen schimmern auf dem stillen Wasser.

"Ich habe seit Montag nicht Ordentliches mehr gegessen oder getrunken", sagt Betsy Foreman, eine ältere Dame, die auf der Veranda ihres lädierten Holzhauses sitzt - in Lockenwicklern. "Alles, was wir haben, sind eine Tüte Kartoffelchips und noch etwas Wasser." Zum nächsten Versorgungsort, der Suppenküche einer Kirche am anderen Ende des Viertels, schafft sie es nicht ohne Auto. Ihr Mann Jasper liegt auf einer Matratze. Er ist Diabetiker, hat keine Medikamente mehr. Die Frustration wächst - und mit ihr die Wut auf die Regierung. "Wo sind sie, wenn wir sie brauchen?", ruft Betsy Foreman. "Keiner kommt, keiner hilft." Auf den Hinweis, die US-Katastrophenschutzbehörde FEMA und die Nationalgarde habe Zehntausende in Marsch gesetzt, schnaubt sie: "Die Garde ist im Irak!"

Sternenbanner in den Trümmern

Auch weiter landeinwärts lässt sich "Katrinas" Spur verfolgen: ein Kriegsgebiet, ein Schlachtfeld der Natur. Entwurzelte, zerfetzte Bäume, überall auf den Straßen Trümmer und abgerissene Stahlschilder, zerknüllt wie Papier. An der Airport Road liegt ein riesiges, wie ein Blechspielzeug verbogenes "Burger King"-Neonzeichen. Manche Häuser sind halbiert, andere unversehrt - verlassen, doch ordentlich verbarrikadiert, noch von vor dem Sturm. Die meisten Ampeln funktionieren nicht, Nationalgardisten in Felduniform regeln den chaotischen Verkehr.

Je weiter sich die Bergungstrupps von Mobile aus nach Westen durchkämpfen, nach Mississippi und Louisiana, desto schlimmer ist die Zerstörung. Biloxi, das "Las Vegas am Golf", ein Schutthaufen. Die schwimmenden Casinos dahin - und mit ihnen eine halbe Million Dollar Steuereinnahmen am Tag: "Das kann uns ruinieren", fürchtet der Abgeordnete Bobby Moak aus Biloxi.

Auch der Nachbarort Gulfport ist zerstört, eine Geisterstadt aus weißen Holzveranden - ohne Häuser dahinter. Treppen, die ins Leere führen, halbe Regale, unversehrte Türen, noch im Rahmen. Dazwischen Kühlschränke, Fotoalben, Flaschen, Sternenbanner, ein Teddybär. Am Mittag brechen Brände aus. Und überall der ähnliche Eindruck: Wo sind nur all die Leute?

Wucherpreis für Trümmerbeseitigung

Doch in Mobile hören sie davon nur im Radio oder in einem der wenigen mit Notstrom brummenden Fernseher: Die meisten Straßen und Brücken gen Osten sind unpassierbar, im Wasser versunken, eingestürzt, unter Schutt vergraben. Auch die Interstate 10, die Ost-West-Achse und einzige Verkehrsader für Hilfsgüter, bleibt auf weiten Strecken blockiert.

Und hier sind sie, all die Leute: Über die anderen Straßen wälzt sich eine Karawane der Heimatlosen, auf der Suche nach Unterkunft - Richtung Norden, nach Birmingham und Atlanta, oder gen Osten, ins sichere Florida. Zehntausende sind obdachlos geworden, die provisorischen Zeltlager und Auffangstätten des Roten Kreuzes sofort überfüllt. Die Motels an der Interstate 65 quartieren ihre regulären Gäste aus, um Platz zu machen für die "Flüchtlinge", wie sie schnell heißen.

Im Super 8 Motel, wo gerade erst der Notaggregator angelaufen ist und die dunkle Luft so dick ist wie Ölschleim, warnt ein Schild: "Swimming Pool bis auf weiteres geschlossen". In dem Becken treiben Trümmerreste und ein Baum. Die Flüchtlinge sind nicht die Einzigen, die die Zimmer notbelegen. "Wir sind komplett ausgebucht, für die nächsten Wochen", sagt die Concierge im Hampton Inn. "Und zwar mit einer Versicherung."

Die Versicherungsagenten verlieren eben keine Zeit: Zu Hunderten schwärmen sie über das Notstandsgebiet am Golf aus, Abermilliarden stehen auf dem Spiel. Andere suchen das schnelle Geld: So feuerte die Stadtverwaltung Biloxi prompt eine Baufirma, weil die für die Trümmerbeseitigung Höchstpreise forderte. "So was gibt's nicht", sagt Stadtsprecher Vincent Creel im Radio.

Spöttische Regentropfen

Die Behörden riefen für die gesamte US-Golfküste Seuchengefahr aus. Auch für die Stadt Mobile, wo man anfangs dachte, man sei noch mal glimpflich davon gekommen. Schlackiges Wasser, darin Chemieabfälle, faule Lebensmittel - und kein funktionierendes Dränagesystem mehr: In der hoch entwickelten Welt herrscht jetzt Cholera- und Typhusgefahr.

Am Nachmittag bricht zu aller Unbill auch noch ein Regenguss über Mobile los. Ein allerletzter Gruß von "Katrina", ein hämisches Goodbye: fette, spöttische Tropfen aus grünschwarzen Wolken. Nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei, und die heiß brennende Sonne bricht wieder hervor. Der Gestank aber, der bleibt.

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