EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Aladins Wunder
Um aus wenig Geld viel Geld zu machen, braucht man ein bisschen Alufolie, einen Spritzer Wundertinte sowie Mundschutz und einen weißen Kittel. Vor allem aber braucht man ein paar Dummköpfe, die alles glauben, was ihnen erzählt wird.
Vor dem Landgericht in Hannover standen jetzt drei, die haben das gern geglaubt: dass man durch eine Art Zauberei Geldscheine verdreifachen kann und dass die beiden Schwarzafrikaner, die den Magierjob erledigen wollten, kompetente und vertrauenswürdige Burschen sind.
Nadim A.(*), Osman P. und Elvis C. heißen die drei, algerischer Abstammung der Erste, Bosnier die anderen beiden, alle knapp über 20 Jahre alt. Sie sind angeklagt, weil sie die schwarzen Geldvermehrer vermöbelt und erpresst haben, nachdem der Zauber sich als Betrug erwies.
Kennen gelernt haben sie die Kameruner im Winter 2000 in einer Wolfsburger Discothek. Die beiden Schwarzen erzählten merkwürdiges Zeug, sie wüssten, wie man gesperrte Scheckkarten wieder entsperren und damit einkaufen kann, zum Beispiel.
Und sie behaupteten, aus einem Hundertmarkschein könnten sie drei machen, das sei aber ein ziemlich komplizierter chemischer Prozess.
Der eine Kameruner nennt sich Aladin, wie der Junge aus dem Märchen mit der Wunderlampe. Die drei Jungs lassen ihn quatschen. Unsinn, so was.
Dann kommt der Tag vor Silvester. Nadim, Osman und Elvis brausen wieder von Hannover nach Wolfsburg, die Jungs wollen in die Disco. Nadim hat den 7er BMW seines Bruders geliehen. Tolles Auto, damit lässt sich in Wolfsburg vielleicht was ritzen. Es hat geschneit, die Straße ist glatt, der Wagen schnell und Nadim kein sehr guter Fahrer. Es dauert nicht lange, da ist der BMW nur noch Schrott. Nadim hat jetzt 20 000 Mark Schulden.
Er denkt an Aladin und die Geldvermehrung. Nadim ist Wirtschaftsstudent und sollte es besser wissen. Aber vielleicht ist ja doch was dran. »Ich war total verzweifelt, Mann«, sagt er heute.
Am 2. Januar kommen die beiden Kameruner nach Hannover. Osman stellt seine Wohnung zur Verfügung.
Die Kameruner sollen ihre Fähigkeiten erst mal im Kleinen beweisen. Sie nehmen einen Hundertmarkschein, decken ihn unten und oben mit einem schwarzen Papier ab, wickeln Folie herum und spritzen eine geheimnisvolle Flüssigkeit in das Paket.
Nach dem Öffnen liegen dort drei Hunderter. Die beiden schwarzen Papiere sind, o Wunder, verschwunden.
»Wenn du das gesehen hättest«, sagt Nadim heute, »dann wärst du auch drauf reingefallen.«
Nadim und seine Freunde jedenfalls sind überzeugt. Aladin bietet an, das Ganze in großem Maßstab zu wiederholen. Allerdings habe er nur noch schwarze Papiere in Tausendergröße, und weil die Zutaten so teuer seien, lohne sich die Sache erst ab 50 000 Mark.
So viel hat Nadim nicht. Aber sein Freund treibt 30 000 Mark auf, und Aladin willigt ein, ausnahmsweise die Prozedur auch mit 30 000 durchzuführen.
Zwei Tage später ist es so weit. Wegen der »fototechnischen Prozesse«, so behaupten die Kameruner, müsse die Wohnung abgedunkelt werden. Sie tragen Laborkittel, Mundschutz und Stöpsel in der Nase. Gegen die giftigen Dämpfe, wie sie sagen. Nadim, Osman und Elvis sind sehr beeindruckt.
Sie werden auch nicht stutzig, als sie aus dem Zimmer geschickt werden, erst, um Klebeband zu kaufen, dann um
Milch zu trinken. Milch neutralisiere die Dämpfe, behauptet Aladin.
Aber dann fällt Nadim doch etwas auf: Er hat durchsichtiges Klebeband besorgt, aber plötzlich ist das Paket mit farbigem Band umwickelt. »Unser Adlerauge«, lobt Freund Elvis.
Jetzt wird es ungemütlich. Die drei Gastgeber wollen ihr Geld zurück. Aladin verweist auf die komplizierten chemischen Prozesse, die man nicht unterbrechen dürfe. Er warnt davor, das Paket bei Tageslicht zu öffnen. Das würde den Inhalt mit Sicherheit zerstören.
Doch der Zauber wirkt nicht mehr. Die drei entdecken im Hosenbund Aladins ein identisches Paket. Sie sind jetzt ziemlich sauer. Und sie gehören nicht zu den Leuten, die einen Konflikt lange ausdiskutieren. Elvis ist von Beruf Eisenflechter, und er sieht auch so aus.
Was nun folgt, trägt ihnen eine Anklage wegen räuberischer Erpressung ein: Erst gibt es eine kleine Schlägerei, dann verlangen die drei eine Entschädigung von 4000 Mark, und weil die Afrikaner kein Geld dabei haben, nehmen sie ihnen Pässe, EC-Karten, Uhren und Ringe ab.
Die Afrikaner werden losgeschickt, mehr Geld zu besorgen - stattdessen gehen sie zur Polizei, was für jemanden, der gerade einen satten Betrugsversuch hinter sich hat, auch nicht gerade pfiffig ist. Den Beamten sagen sie, Unbekannte hätten sie entführt und ausgeraubt, woraufhin die Polizei ein Spezialeinsatzkommando zur Wohnung schickt.
Es ist mitten in der Nacht, als das SEK die Tür aufbricht - und auf ein völlig harmloses Ehepaar trifft. Die Polizei hat sich in der Tür geirrt, was sie erst korrigiert, als aus Osmans Wohnung gegenüber eine verschlafene Stimme fragt, was denn das für ein Lärm sei.
Nadim, Elvis und Osman wurden jetzt verurteilt. Auch die Afrikaner bekamen ihr Urteil, allerdings in Abwesenheit. Sie zogen es vor, nicht zu erscheinen, einer der beiden ist ganz abgetaucht.
Die drei Betrugsopfer hingegen geben ihre Erpressung zu, ihre Dummheit ist ihnen peinlich, und weil alle drei reuig, höflich und einsichtig sind, wird ihre Strafe - zwischen sechs Monaten und einem Jahr - zur Bewährung ausgesetzt.
Jeden Tag, der über das Mindestmaß von sechs Monaten hinausgeht, sagt der Richter, sollen sie als »Dämlichkeitszuschlag« verstehen. ANSBERT KNEIP
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(*) Name von der Redaktion geändert.