Algerien Die Trauer schlägt in Wut um
Corso - In der besonders schwer betroffenen Stadt Boumerdes warfen Einwohner den Behörden vor, diese hätten schwerwiegende Baumängel ignoriert und Rettungsmaßnahmen viel zu spät eingeleitet. Trotz der Hilfe aus dem Ausland fehlten in vielen Dörfern Lebensmittel, Wasser, Strom, Medikamente und Decken. "Niemand hat uns besucht, noch nicht einmal, um die Toten zu zählen", sagte der 34-jährige Yoscef Manel aus Corso.
Die algerische Zeitung "Le Matin" berichtete am Samstag, Innenminister Nourredine Yazid Zerhouni sei während einer Fahrt durch die Ortschaft Bordj Menaiel am Vortag mit Steinen beworfen worden. "Der Staat hat versagt", hieß es in dem Zeitungsbericht. Hunderte Überlebende hätten aus den Trümmern gerettet werden können, wenn entsprechende Maßnahmen eingeleitet worden wären. Die algerische Regierung "spielt mit dem Leben der Menschen", schrieb die Zeitung "al-Watan" in Algier.
Der Architekt Mohamed Laichaoui aus Algier machte betrügerische Baufirmen für die schlechte Qualität der Häuser im Erdbebengebiet verantwortlich. Die Firmen hielten sich nicht an technische Normen und sparten beim Beton. "Viele Menschen sind deshalb tot", sagte Laichaoui. Ministerpräsident Ahmed Ouyahia kündigte an, Ingenieure sollten bestraft werden, wenn ihnen Fehler beim Bau nachgewiesen werden könnten. Er versprach, jedes Opfer werde 700.000 Dinar (5900 Euro) erhalten, außerdem solle eine Unterbringung für die Obdachlosen gefunden werden.
Helfer im Stau
Die Regierung entsandte am Samstag Bulldozer, Bagger und Kräne in das Katastrophengebiet. Außerdem folgten Busse mit freiwilligen Helfern sowie Decken, Zelten und Gasöfen. Es kam zu einem Stau auf der Hauptstraße in die Region. Ein Rettungsteam aus Österreich traf am Samstag in Algerien ein. Es wollte sich in der Stadt Boumerdes drei Tage nach dem heftigen Erdbeben um die Rettung Überlebender bemühen. Auch aus Südafrika brachen Rettungskräfte nach Algerien auf.
Die Retter stehen in einem Wettlauf mit der Zeit. Generell wird es nach drei Tagen (72 Stunden) ohne Wasser für Menschen kritisch, und Hunderte werden noch vermisst. Immer wieder lassen Erfolgsmeldungen Hoffnung aufkeimen. Suchhunde des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) entdeckten zwei Verschüttete in der Region Boumerdès. Dank des Einsatzes der Suchhundestaffel konnten die beiden von einheimischen Helfern lebend geborgen werden, sagte der DRK-Sprecher Lübbo Roewer am Samstag. Am Freitag hatten Retter in der Ortschaft Corso ein zweijähriges Mädchen lebend aus den Trümmern ihres Elternhauses gerettet. Sie war von einer umgefallenen Tür vor dem tonnenschweren Schutt bewahrt worden und wurde offenbar nicht verletzt. Auch ihre Eltern überlebten das Beben, ihre vierjährige Schwester starb.
"Es hat unsere Herzen gewärmt und uns Hoffnung gegeben", sagte der freiwilliger Helfer Amirouche Istanbule. "Als sie herausgeholt wurde, war sie mit Staub bedeckt und ein Retter hat ihr die Hand über die Augen gehalten, um sie vor dem Sonnenlicht zu schützen." Allerdings hatten die Retter kaum noch Hoffnung, weitere Überlebende zu finden. Über den Trümmern lag der Geruch von Leichen.
Erste Plünderer gefasst
Inzwischen kommt es zu ersten Plünderungen. In Boumerdes wurden zwei Männer gefasst, die aus den Trümmern eines Elektronikgeschäfts Computer stehlen wollten. Sie wurden der Polizei übergeben, wie Augenzeugen berichteten.
Das Innenministerium gab die Zahl der Todesopfer mit 1759 an. Bei dem verheerenden Erdbeben vom Mittwochabend wurden außerdem 7658 Menschen verletzt. Die Behörden gingen davon aus, dass die Zahl der Opfer noch weiter steigt.
Kim Housego, AP