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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Alles wird gut

Warum eine Arzthelferin 888 Tage unschuldig im Gefängnis saß
• aus DER SPIEGEL 32/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war ein Mittwoch, drei Wochen nach dem Brand, es klingelte an der Tür des Freundes, bei dem sie jetzt wohnte, sie solle mitkommen, hieß es. Man habe Fragen, sagten die Kriminalbeamten.

Monika de Montgazon nahm ihre Jacke und ging mit. Sie hatte ja nichts gemacht.

Sie beantwortete die Fragen, manchmal sehr ausführlich, sah auf die Uhr zwischendurch, sie wollte noch einkaufen. Sie verstummte, als der Beamte sagte: »Ihnen wird vorgeworfen, Ihren Vater umgebracht zu haben.«

Monika de Montgazon ist nicht der Typ, der sich wehrt, sie dachte, nee, das kann jetzt nicht sein, aber sie schwieg. Sie glaubt an das Gute und an die Gerechtigkeit. Die nächste Nacht verbrachte sie in einer Zelle.

Am Ende wurden es 888 Nächte. Tagsüber wischte sie, verteilte Essen an andere Frauen, Betrügerinnen und Mörderinnen waren das, denen sie sagte: »Alles wird gut.«

Daran glaubte sie fest, auch dann noch, als der Richter sie verurteilt hatte, im Januar 2005, lebenslänglich.

Es ist früher Nachmittag, und sie sitzt jetzt zu Hause in ihrer Wohnung in Berlin-Neukölln und erzählt ihre Geschichte, lehnt ihren kräftigen Körper mit beiden Armen auf den Wohnzimmertisch, sie ist 52 Jahre alt, trägt ein schwarzes T-Shirt, dazu Jogginghose.

Dass sie Zeit hat, dass sie mehr raucht und Kaffee trinkt als früher, hat auch etwas mit ihrer Geschichte zu tun.

Früher hatte sie wenig Zeit, arbeitete als Arzthelferin, besaß ein Auto, und mittwochs hatte sie frei. Mittwochs machte sie sauber oder kaufte ein.

Der Tag, der in ihrer Erinnerung der letzte normale Tag in ihrem Leben gewesen ist, war auch ein Mittwoch und liegt fast fünf Jahre zurück. Am Abend stand sie bei ihrem Vater am Bett, der sehr krank war, bei dem sie wohnte, weil sie ihn pflegte.

Der Vater erzählte, was er im Fernsehen gesehen hatte, etwas über Sarotti, die Schokoladenfirma, bei der er als Schlosser gearbeitet hatte. Zuletzt sagte seine Tochter zu ihm: »Gute Nacht, Papa, und schlaf schön.« Der Fernseher lief noch.

Kurz nach Mitternacht brach das Feuer aus, die Feuerwehr kam schnell, für den alten Mann zu spät. Warum es damals erst rauchte und dann brannte, erfuhr Monika de Montgazon lange nicht.

Sie erfuhr, dass LKA-Beamte Hinweise auf Brennspiritus im Haus gefunden hätten und auch an ihren Schuhen. Monika de Montgazon habe Geldprobleme gehabt und in der Versicherungssumme des Hauses die Lösung gesehen. Alles passte. Zumindest sah es so aus.

Sie sitzt da, raucht, trinkt Kaffee und überlegt, wer schon über sie berichtet hat. »RTL«, sagt sie, »Sat.1, das Zweite, MDR«. Nach jedem neuen Sender, den sie nennt, kräuselt sie ihre Lippen zu einem Lächeln. Monika de Montgazon ist ein bisschen berühmt mittlerweile. Sie genießt diesen kleinen Ruhm.

Dann sagt sie, dass sie diesen Ruhm nie gewollt habe, dass sie ihn auch heute nicht wolle und dass sie weitermache, weil sie eigentlich eine andere Geschichte erzählen will, nicht nur die, nach der man sie im Fernsehen immer fragt.

Nach dem Urteil ging ihr Anwalt in Revision. Er hatte andere Gutachten eingereicht, solche, die nicht vom LKA stammten und in denen kein Brennspiritus nachgewiesen wurde, weder im Haus noch an Schuhen, und die der Richter nicht genügend berücksichtigt hatte.

Im neuen Verfahren untersuchte das BKA die Brandursache. Auch das BKA fand keinen Hinweis auf Brennspiritus. Auslöser des Feuers war offenbar eine brennende Zigarette im Zimmer des Vaters. Am 9. April 2008 wurde Monika de Montgazon freigesprochen.

Sie hat lange keine eigene Wohnung gefunden, sie fand keine Arbeit und hatte viel Zeit. Sprach viel mit ihrem Schwager, der zum Gericht in Berlin ging, der nach anderen Fällen suchte, nach welchen, bei denen auch wegen Brandstiftung mit Spiritus verhandelt worden war.

Er stieß auf einen Mieter, der berichtete, er sei in erster Instanz verurteilt worden, weil er seine Wohnung in Brand gesteckt haben sollte, aber in zweiter Instanz freigesprochen, weil es den Spiritus nicht gegeben habe.

Der Schwager fand auch einen Postbeamten, der ein behindertes Kind umgebracht haben sollte, auch durch einen Brand, auch gezündet mit Spiritus. Auch er sei nach einem weiteren Gutachten freigesprochen worden.

Immer sei dieselbe Abteilung vom LKA beteiligt gewesen, KT 43 heißt sie, Kriminaltechnik Naturwissenschaften, Allgemeine Chemie.

»Vor ein paar Wochen war ich bei Maischberger«, sagt Monika de Montgazon. Sie wollte über KT 43, wollte über unschuldig Verurteilte sprechen, ein großes und neues Thema. Es war aber wieder mehr um ihre Geschichte gegangen, um die alte Geschichte.

Sie steckt sich die nächste Zigarette an, schenkt Kaffee nach, sagt, dass sie in Zukunft weniger in Talkshows gehen werde, es bringe nichts; in der Abteilung KT 43 arbeite man weiter wie bisher, sagt Monika de Montgazon.

Die Berliner Polizei bestätigt nur den Fall de Montgazon. Sie lässt wissen, man sei nun dabei, die Methoden der Abteilung KT 43 durch externe Gutachter zu überprüfen.

Monika de Montgazon will ihre Zeit jetzt wieder nutzen, um Arbeit zu finden. BARBARA HARDINGHAUS

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