"Ally" und der Bundestag Blonder Leidensengel
Berlin - Ally McBeal ist eine Frau mit Problemen. Genauer gesagt hat sie Hunderte davon. Die Protagonistin der gleichnamigen amerikanischen Sitcom ist Anwältin, überarbeitet, einsam und frustriert. Immer auf der Suche nach dem Mann fürs Leben, immer voller Angst, dass sie eben diesen schon aus ihrem Leben gehen sah oder er nie kommen wird.
Der humorige und rotznasige Umgang mit Alltagsproblemen und sonstigen Neurosen hat die Sitcom selbst in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen zur Kultserie gemacht. Auch im deutschen Bundestag schätzt man die virtuelle Anwältin offenbar über alle Maßen. Grund genug für die Volksvertreter und den Fernsehsender Vox, eine "Ally-McBeal-Nacht" im Reichstagsgebäude zu veranstalten.
"Es ist immer so schön chaotisch", kommentierte Hubert Hüppe, CDU-Bundestagsabgeordneter und Schirmherr der Veranstaltung, die Sendung. Nach einem anstrengenden Tag im Plenum gebe es nichts Schöneres, als sich daheim auf das Sofa zu legen und sich an den Problemen von Ally zu ergötzen. Was sind schon Rentendiskussion und Spendenaffäre, wenn die Fernseh-Anwältin boxend, tretend und auch sonst recht wütend durch die Büroräume stampft.
Die Geschichte des Abends ist schnell erzählt. Eine ganze Menge gewählter Repräsentanten versammelten sich im edlen Dachrestaurant des Berliner Reichstags, tranken perlende Getränke aus länglichen Gläsern, lachten über Ally und verbreiteten über unzählige Kameras ihre persönliche Einordnung der Kultserie in die Geschichte des Abendlandes. Andere wie CDU-Frau Rita Süssmuth bekannten nicht weniger medienwirksam ihre totale Absenz vom Zeitgeschehen, "weil ich immer bis spät in die Nacht arbeite". Danach gingen alle zusammen in eine Berliner Disco. Vereint von einer Anwältin. So weit die Fakten. Ende. Punkt. Aus.
Warum nicht "Chaos City"?
Bleibt die Frage: Was fasziniert die Volksvertreter an der Anwaltsserie? Warum sind sie nicht allesamt Fans der - ebenfalls sehr witzigen - Sitcom "Chaos City", in der sich alles um die Arbeit von politischen Pressesprechern und die Beeinflussung der öffentlichen Meinung dreht? Und was verbindet Merkel und Co. mit der rotznasigen Ally McBeal außer das Juradiplom, das extrem ausgeprägte Geltungsbedürfnis und das graue Arbeitsgewand?
Vermutung eins: das Hinterbänklersyndrom. Hubert Hüppe mag "Ally", weil er von Berufs wegen - er ist Ethik- und Drogenexperte der CDU - den Journalisten immer deprimierende Sätze, die sich irgendwie um den Untergang des Abendslandes drehen, in den Block diktieren muss. Als Schirmherr der "Ally-McBeal-Nacht" war er froh, auch mal etwas Humoriges in der Öffentlichkeit verbreiten zu dürfen. "Ich bin so beliebt wie nie zuvor", erzählte er dieser Tage jedem, der es hören wollte, "alle wollten Eintrittskarten von mir." Endlich: Hubert Hüppe, ein Mann aus der neuen Mitte des Volkes. "Wir sind auch normale Menschen", betonte der Schirmherr immer wieder. Und normale Menschen sitzen abends nach einem harten Tag auch zu Hause vor dem Fernseher, schwänzen die "Tagesthemen" und lachen über die amerikanische Anwaltsserie.
Ally lebt, was alle Frauen sind
Vermutung zwei: Nur Ally versteht die Frauen. Zusammen mit Hertha Däubler-Gmelin und Claudia Roth diskutierte CDU-Frontfrau Angela Merkel über die viel besungene Sensibilität der Kultfigur. Denn Ally ist eine von ihnen. Sie vergisst die Lockenwickler im Haar, hält ihre Phantasie manchmal für süße Realität und prügelt sich im Supermarkt um die letzte Packung Pringles. Sie hält Männer für krankhaft penisgesteuert und insofern "berechtigt, einen Behindertenparkplatz zu benutzen". Sie ist die Fleisch gewordene Gedankenwelt der Frauen dieser Welt. Sie lebt, was alle Frauen sind. Eine Frau, die es sich einfach herausnimmt, auch mal Mann zu sein.
Vermutung drei: Die Sendung ist einfach nur komisch. Skurrile Gestalten geben sich hier die Klinke in die Hand. Ein Serienpaddelschläger, der sich für den römischen Liebesgott Amor hält; ein achtjähriges Genie mit Juradiplom; ein Anwalt, der, um die Staatsanwaltschaft zu verwirren, in Zimmerlautstärke den Magen knurren lässt; eine Anwältin, die - nicht schwanger - einen Geburtsvorbereitungskurs besucht, weil sie, wenn "ich schwanger bin", keine Zeit mehr haben wird, "um mit einem Haufen fetter Kühe zu hecheln."
Außerdem gibt es in der Fernsehserie oft auch mal einen guten Tipp für das politische Alltagsgeschäft. Allys Therapeut rät der Anwältin einmal: "Wenn Sie sich gestresst fühlen: Treten Sie einfach einen Zwerg." Oder - ein wenig praxisorientierter - ein Aphorismus zur Teamarbeit: "Wir sind alle irgendwie alleine - es ist nur einfacher zu zweit zu ertragen." Ach Ally, dein Wort in Friederich Merzens Ohr.