Als Madonna vor drei Monaten in Los Angeles ihre Welttournee startete, sah es für kurze Zeit so aus, als würde ihre Toilettenbrille für mehr Schlagzeilen sorgen als der Star selbst. »Sie muss an jedem Auftrittsort mit einer brandneuen Toilettenbrille versorgt werden«, schrieb die Feministin Germaine Greer. »Das Ding muss vor ihren Augen aus der Plastikverpackung gezogen werden, und wenn sie wieder abfährt, muss es jemand abschrauben, damit es nicht bei Ebay verkauft werden kann.«
Aber dann kam die Sache mit dem Kreuz, und die berühmteste Sängerin der Welt hatte endlich eine Kontroverse, die mehr Leute zu betreffen schien als ein paar Hausmeister. »Warum hat es jemand mit so viel Talent nötig, so viele Menschen zu beleidigen«, klagte ein Sprecher der Anglikanischen Kirche in London. Spätestens jetzt klingelten in den Gotteshäusern die Alarmglocken. »Sich aus Spaß kreuzigen zu lassen, und das in der Stadt des Papstes, ist ein Akt offener Feindseligkeit«, schimpfte ein Kardinal namens Ersilio Tonini. Der Vatikan war verstimmt. Eine Freikarte für Papst Benedikt XVI. ließ jener verfallen.
Der Skandal hatte funktioniert, und das war erstaunlich. Denn Reitpeitsche und Kreuz gehören zur Grundausstattung der Sängerin, so wie bei anderen Popkünstlern Gitarre und Schlagzeug - sie sind Madonna-Classics. Trotzdem setzen sie das Publikum anscheinend noch derart unter Spannung, dass Madonna für ihre »Confessions-Tour« Eintrittspreise verlangen konnte, die rekordverdächtig sind. Um die 200 Euro kosteten gute Plätze und sorgten so dafür, dass sich auf einmal im Fußballstadion von Hannover Leute wiederfanden, die Popkonzerte sonst für eine schmuddelige Angelegenheit halten, bei der Menschen durch Bierlachen stampfen.
Jahrelang war es Madonna genauso gegangen. Aber seit Konzerte das letzte große Geschäft in der jammernden Musikbranche sind und alte Recken wie die Rolling Stones und U2 Hunderte Dollar-Millionen auf diese Art in ihre Steuerfreihäfen schaffen, ist sich auch Madonna nicht mehr zu fein dafür. Was hätte die Königin des Glamour-Videos wohl vor zehn Jahren gesagt, wenn jemand ihr prophezeit hätte, dass sie im Alter von 48 Jahren in einer nasskalten Sommernacht in der Hauptstadt Niedersachsens, in der Heimat der Scorpions, auftreten würde? Wahrscheinlich wäre ein Klaps mit der Reitgerte eine der angenehmeren Strafen gewesen.
Dass Konzerte wieder »in« sind, ist für Madonna nicht unbedingt eine gute Nachricht. Sie hat nicht das Talent eines Robbie Williams, der mit seinem Geplauder ein Fußballstadion so unterhalten kann, als säße er zu Hause auf seinem Sofa, und ein paar Freunde lägen davor auf dem Teppich. Sie kann nicht wie Bruce Springsteen noch einmal eine mitreißende Führung durch das Museum des Rock'n'Roll unternehmen.
Es roch nach Regen und Bratwurst im Niedersachsenstadion als Madonnas Spiel begann. Sie stieg aus einer Discokugel, und man war schnell froh, nicht mit ihr verheiratet zu sein. Wie es wohl ist, mit einer Frau zu frühstücken, die davon träumt, Männern Pferdezaumzeug in den Mund zu legen?
Nach dieser bekannten Macht- und Männerpose folgte der große Klassiker: der Held am Kreuz. Man wünschte, die Kirche wäre ein bisschen entspannter geblieben. Das Kreuz sah aus, als wäre es bei einem Gucci-Lagerverkauf liegengeblieben. Teuer, glitzernd, aber scheußlich. Sie trug eine Dornenkrone und glitt mit einem Fahrstuhl auf die Bühne hinab. Die christliche Kirche hat in ihrer Geschichte auch viel Unsinn angestellt. Aber über eine Installation, die sich Caligula ausgedacht haben könnte, Bilder von leidenden Kindern in Afrika zu projizieren und das Ganze als wohltätig zu verkaufen - darauf ist noch niemand gekommen. Not in Afrika als Modeaccessoire einer Frau, die noch nie einen ihrer teuer gepflegten Füße auf diesen Kontinent gesetzt hat - abgefahren.
Der Disco-Beat raste weiter - hinüber zur Politik. Botschaft: Die Welt ist schlecht, und Politiker machen sie noch schlechter. Dazu hintereinander Bilder von Kim Jong II, Osama Bin Laden, Tony Blair und George W. Bush. Alle gleich böse. Man musste an ein Madonna-Interview vor ein paar Monaten denken, in dem sie sagte, es gebe zu Hause bei ihr keine Zeitungen und keine Fernseher. Wahrscheinlich informiert sie sich in der Vorschule ihrer Kinder darüber, was jenseits der Laufstege so los ist.
Madonna wirkte erschöpft, als sie in die letzte große Männerrolle des Abends schlüpfte. Sie trat als Rockgitarrist auf, sie spielte ein Solo. Das Instrument konnte einem leid tun. Ebenso gut hätte man es, sagen wir mal, Heide Simonis, in die Hand drücken können.
Es war eine kleine Erlösung, dass es am Ende der Disco-Beat doch noch schaffte die vermeintlich großen Botschaften von der Bühne zu fegen. Auf einmal wirkte Madonna wieder leicht und frech und jung und ein wenig verwegen und nicht wie eine gestresste Frau, die eine sauteure Einkaufsliste abarbeiten muss.
»Papa don't preach«, hatte sie damals gesungen. Papa, halt mir keine Predigt. Vielleicht sollte sich Mama den Song mal wieder anhören. THOMAS HÜETLIN,
CHRISTOPH DALLACH