Andreas Lorenz "Die Situation ist absolut furchtbar"
Hamburg/Manila - Die Entführer würden die übrigen Geiseln nicht alle auf einmal freilassen. Die Situation für die Entführten sei "absolut furchtbar", sagte Lorenz. "Die müssen da schnellstmöglich raus." Lorenz war von einer Splittergruppe der militanten Moslemrebellen Abu Sayyaf auf Jolo festgehalten worden.
"Die Entführer und auch meine Geiselnehmer rechnen fest mit einer Militäraktion", sagte der 47-Jährige am Freitag auf dem Hamburger Flughafen. Seiner Einschätzung nach versuchten die Moslemrebellen, "dies zu verhindern und so schnell wie möglich wegzukommen". Sichtlich erleichtert, aber erschöpft ist der Reporter nach knapp vier Wochen Gefangenschaft auf Jolo am Freitagmorgen in Hamburg gelandet.
Angst um sein Leben habe er nicht gehabt, sagte Lorenz. Die Geiselnehmer, die noch 31 Menschen in ihrer Gewalt haben, seien "unberechenbar, schwerbewaffnet, die will man nicht zum Freund haben". Ihn hätten die Rebellen zwar nicht körperlich misshandelt, aber ausgeraubt und ihm sogar seine Brille gestohlen, sagte Lorenz weiter.
Er sei sehr erleichtert und fühle sich gut, sagte Lorenz. Seine Frau Jutta, die kurz nach der Entführung auf die Philippinen gereist war, atmete ebenfalls auf. Sie habe die ganze Zeit seine Freilassung herbeigesehnt und hoffe nun für die anderen Geiseln, unter denen auch noch Werner und Marc Wallert aus Göttingen sind. Renate Wallert war am 17. Juli freigelassen worden.
Lorenz schilderte kurz die Umstände seiner Entführung. Als er sich mit einem Kontaktmann habe treffen wollen, sei er in eine Falle gelockt worden. "Ich habe einen Fehler gemacht", räumte der erfahrene Auslandskorrespondent ein, zu dessen Lebensstationen Moskau, Warschau und Peking zählen. Er habe einige Sekunden zu spät geschaltet und bemerkt, dass seine Informanten auch seine Entführer seien.
In der Gefangenschaft auf Jolo sei er nervös und unruhig gewesen. Der eigentlich in Peking arbeitende Korrespondent wurde in Hamburg von SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust begrüßt und in die Redaktion begleitet, wo er gerade an einem Artikel für die nächste Ausgabe schreibt. "Ich bin Journalist und muss meine Arbeit tun. Das hat nichts mit Psychologie zu tun", sagte Lorenz auf die Frage, wie er es nach 25 Tagen Geiselhaft und 20 Stunden Flug noch schaffe, zu schreiben. Danach will Lorenz Urlaub machen und dann an seinen Korrespondenten-Platz nach Peking zurückkehren.
Der Journalist war am Donnerstagabend mit einer Maschine der Lufthansa in Manila gestartet und am Freitagmorgen mit seiner Frau in Frankfurt am Main angekommen. Von dort hatte er den nächsten Flug nach Hamburg genommen.