Klüger werden mit: Andreas Marneros
SPIEGEL: In Ihrem Buch »Blinde Gewalt« behaupten Sie, dass es rechtsradikalen Tätern völlig egal sei, ob ihre Opfer Ausländer sind oder Deutsche. Wie kommen Sie darauf?
Marneros: Rechtsextremistische Gewalt ist eine Gewalt von Losern, die sich gegen alles richtet, was anders ist. Nicht gegen einen bestimmten anderen; jeder von uns kann Opfer werden. Ich arbeite seit 25 Jahren als Gutachter für deutsche Gerichte, in 80 Prozent der von mir untersuchten Fälle sind die Opfer von rechtsradikalen Gewalttätern Deutsche. Es trifft Obdachlose, aber auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft.
SPIEGEL: Was treibt die Täter zur Tat?
Marneros: Sie nehmen das rechte Umfeld, die Gruppendynamik und die Musik rechtsradikaler Bands als Legitimation für das Ausleben ihrer Gewalt. Leider werden bei uns die meisten Taten nur dann als rechtsextremistisch beurteilt, wenn die Opfer Ausländer oder Juden sind. Daher ist auch die öffentliche Nichtwahrnehmung von solchen Taten oft groß. Gegen rechtsextremistische Gewalt zu sein sollte nicht bloß ein Gebot demokratischen Denkens sein - es ist auch eine Sache des Selbstschutzes.
SPIEGEL: Sind die Taten der Neonazis brutaler geworden?
Marneros: Nein, aber im Laufe der Jahre wurde ich immer wieder mit Taten konfrontiert, die mich extrem erschüttert haben. Da werden Opfer gezwungen, Urin zu trinken, oder ihnen wird ein Auge ausgestochen. Das sind die Momente, in denen der Mensch den Psychiater besiegt.
SPIEGEL: Was würden Sie tun gegen Rechtsradikale?
Marneros: Ich wünsche mir eine stärkere Ausschöpfung der gesetzlichen Rahmen, eine sparsamere Anwendung von Bewährungsstrafen. Meine Gespräche mit rechten Gewalttätern haben gezeigt, dass sie eine Bewährungsstrafe als Freispruch empfinden.