Angstfrei bechern - DER SPIEGEL
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Getränke Angstfrei bechern

Promillesenkende Limonade wird als sommerlicher Modedrink angepriesen: Vier verschiedene Produkte kommen auf den Markt.
• aus DER SPIEGEL 30/1995
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Lesen geht jetzt nicht mehr«, sagt Ronald Wimmer, 35, und legt die Zeitung weg. Dem TV-Nachmittagsprogramm widmet der Krankenpfleger nur einen kurzen Blick, dann sitzt er wieder teilnahmslos auf seinem Stuhl. Achteinhalb Wodka hat Wimmer auf nüchternen Magen gekippt - 53,6 Gramm Alkohol, genau 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Sein Promillewert liegt bei 0,96.

Der Mann braucht also eine Ernüchterung: Volker Schmidt, 47, Rechtsmedizinprofessor an der Freien Universität Berlin, gibt ihm deshalb vor dem Trinken und zwei Stunden danach je ein 0,33-Liter-Fläschchen der Zitronenlimonade »Partie-Plus« - ein angebliches Wundermittel unserer Zeit.

Es ist nicht das einzige. Gleich vier Promillesenker sollen künftig deutschen Zechern das angstfreie Bechern ermöglichen. Getränkehersteller erhoffen sich von den Fructosedrinks satte Gewinne. Die Wirkung der Limonade ist jedoch ziemlich fraglich.

Professor Schmidt zapft alle halbe Stunde dem Krankenpfleger Wimmer und sieben weiteren Versuchspersonen Blut ab. Am Ende des fünfstündigen Tests steht fest, was Schmidt schon vorher wußte: »Genuß ohne Reue gibt es nicht.« Die angepriesene Wirkung des Zuckerwässerchens, den Alkoholabbau im Körper auf 0,35 bis 0,45 Promille pro Stunde zu erhöhen (üblich sind rund 0,14), erweist sich als Hochstapelei.

Mit Mineralwasser bauten die Testtrinker im Schnitt 0,12 Promille pro Stunde ab. Nach 660 Milliliter »Partie-Plus«, das auf der Wirkung des Zuckers Fructose basiert, verarbeiteten sie durchschnittlich jede Stunde 0,16 Promille. Prozentual bedeutet das zwar eine Steigerung um 33 Prozent, die Differenz beträgt aber nur 0,04 Promille. Damit läßt sich in fünf Stunden gerade ein Schnapsgläschen Wodka mehr abbauen.

Im Herbst soll »Pro+Fit«, mit den gleichen Inhaltsstoffen wie »Partie-Plus«, auf den Markt kommen; die Limonade »Partie-Plus« ist bisher nur über Bierverlage zu haben, soll aber bald unter dem Namen »Exit« europaweit vertrieben werden. Auch andere haben die Markteinführung von ähnlichen Getränken schon versucht: Mit »Alcosan« wollte die Treuchtlinger Privatbrauerei Schäff-Bräu der »Partie-Plus« den Kampf ansagen - mußte aber ihr Produkt wieder vom Markt nehmen; die Regierung von Mittelfranken hatte den Vertrieb verboten, weil »Alcosan« kein Lebens-, sondern ein Arzneimittel sei.

Der Rechtsmediziner Schmidt hält die Getränke, von denen eine Flasche bis zu fünf Mark kostet, für Geschäftemacherei. Lediglich die Wirkungen der Fructose will er ihnen nicht absprechen - Wirkungen, die mit Zuckerwasser auch zu erzielen seien: Fructose beeinflußt unter anderem den enzymatischen Abbau in der Leber und sorgt »für eine Stimulation der Verstoffwechselung in bescheidenem Rahmen«, so Schmidt.

Bei Wimmer war dieser Rahmen am größten. Die Alkoholmenge eines Schnapsglases Wodka, das die anderen Versuchsteilnehmer dank »Partie-Plus« in durchschnittlich fünf Stunden zusätzlich abbauten, schaffte Wimmer in nur drei Stunden. Bei einem anderen Probanden aber wirkte das Wundermittelchen so gut wie gar nicht. Er konnte mit Hilfe von »Partie-Plus« stündlich nur 0,008 Promille mehr abbauen. Y

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Blutalkoholwerte im Vergleich

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