Anschlag in Rom Rätsel um Bombenleger
Rom - Bei der Detonation, die gegen 4.30 Uhr die Innenstadt erschütterte, wurden etliche Autos und Häuser beschädigt, verletzt wurde aber niemand. Nach Angaben des staatlichen italienischen Fernsehens zersplitterten zahlreiche Fensterscheiben durch die Wucht der Explosion. Vermutlich war der Sprengsatz an einem Motorroller befestigt, der in der Nähe des Innenministeriums und des Sitzes der Linksdemokratischen Partei abgestellt war. Bisher hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt.
Vor allem in den siebziger und achtziger Jahren litt die italienische Bevölkerung unter der ständigen Bedrohung durch Bombenattentate. Immer wieder kam es in den Innenstädten zu Explosionen, die insgesamt Hunderte Menschenleben forderten. Bei dem wohl brutalsten Anschlag starben am 2. August 1980 in Bologna mehr als 85 Menschen, rund 200 Personen wurden verletzt, als mitten in der Wartehalle des viel frequentierten Hauptbahnhofs ein Sprengsatz explodierte.
Lange war damals angenommen worden, dass Anarchisten und Kommunisten für die blutigen Anschläge verantwortlich seien, auch die Behörden ermittelten vor allem in diese Richtung. Erst später war bekannt geworden, dass vornehmlich Neofaschisten hinter den Attentaten steckten. Ziel der Bombenleger war es, die politische Lage zu destabilisieren, ein Erstarken der Linken zu verhindern und besonders die Kommunistische Partei in Verruf zu bringen. An den Anschlägen waren die italienischen Geheimdienste in der Regel beteiligt - zumindest beim Verwischen der Spuren.
Dass es sich bei dem Anschlag von Dienstag nun ebenfalls um ein italienisches Phänomen handelt, ist nicht ausgeschlossen. Justizminister Roberto Castelli hatte erst kürzlich vor Gewaltakten gewarnt. In den vergangenen Wochen hatte sich der Konflikt zwischen der italienischen Linken und der Rechtsregierung von Ministerpräsident Silvio verschärft. Berlusconi rief am Dienstag zur Mäßigung auf, allerdings sagte er: "Es wäre ein Fehler, die Tat zu unterschätzen."
Eine Verbindung zu möglichen Gefolgsleuten von Terroristenführer Osama Bin Laden scheint dagegen nicht gegeben. In der vergangenen Woche waren in Rom vier Marokkaner verhaftet worden, die offenbar einen Anschlag auf die US-Botschaft und die Wasserversorgung der Millionenstadt geplant hatten. Unter der Botschaft hatte die Polizei Gänge entdeckt, die angeblich dazu dienen sollten, Bomben zu platzieren.
In einem Kanal, der drei Meter unter der Erdoberfläche zur US-Botschaft in der zentralen Via Veneto führt, wurde in einer Mauer eine 60 Zentimeter große Öffnung entdeckt. Der vermutlich von den Terroristen herausgebrochene Tunnel sei groß genug, dass eine Person sich hätte hindurchwinden können, hieß es am Sonntag. Die Behörden gehen davon aus, dass die Terroristen dort ein Gemisch aus Sprengstoff und giftigen Chemikalien explodieren lassen wollten.
Ein Sprecher der Polizei sagte laut "Hamburger Abendblatt": "Wir konnten den Anschlag in letzter Sekunde verhindern. Es hätte unter den Angestellten der Botschaft und in der Umgebung mehr als tausend Tote und Verletzte geben können."
Nach Medienberichten gehen die Behörden davon aus, dass die Festgenommenen nur die Vorarbeiten geleistet hätten. Vermutlich sollte ein weiteres Terrorkommando das Attentat durchführen, das aber noch nicht vor Ort gewesen sei. Der "Corriere della Sera" schrieb am Montag unter Berufung auf Ermittler, der Anschlag sei möglicherweise Tage, wenn nicht Stunden entfernt gewesen.