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Anstoß

Ortstermin: Bei einem Fußballturnier in Berlin trifft der Politikbetrieb auf den Bundestrainer Jürgen Klinsmann.
• aus DER SPIEGEL 9/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er ist ein paar Minuten zu früh, niemand merkt, dass er da ist. Erkommt auf weichen Schuhen, er trägt Jeans und eine Sportjacke mit dreiStreifen auf den Ärmeln. Er guckt nach oben, Sichtbeton ragt in denHimmel, massig, unendlich, ein Bau der Macht. DasMarie-Elisabeth-Lüders-Haus ist das Hirn im politischen ZentrumBerlins, die Heimat von Wissenschaftlichem Dienst, Parlamentsarchiv,Bibliothek.

Heute ist Jürgen Klinsmann da. Im Foyer steht ein Bierstand mitLeuchtreklame von Hasseröder. Eine Frau vom Putzdienst schiebt einenWischmopp über den Boden, langsam füllt sich das Gebäude mit jungenMenschen, die Sporttaschen über der Schulter tragen.

Der Bundestag richtet ein Fußballturnier aus, es gibt unter anderemeine Mannschaft mit Abgeordneten, die kein Mensch kennt. Sie tragenTrikots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Adler auf der Brust,schwarzrot-goldene Ringel an den Stutzen. Man trägt so was wieder gern,seit Klinsmann Bundestrainer ist. Das Nationaltrikot ist einBekenntnis, es steht für Schwung, Mut, Offensive, Selbstbewusstsein. Esist die Arbeitskleidung der Reformer. Man schwitzt auch darin.

Bevor Jürgen Klinsmann Bundestrainer wurde, hatte er gesagt, umErfolg zu haben, müsse man »den ganzen Laden auseinander nehmen«, womiter den Deutschen Fußball-Bund meinte. Er zerschlug Seilschaften undsetzte Olli Kahn auf die Bank, dann feuerte er den BundestorwarttrainerSepp Maier, der ungefähr so anstrengend war wie Ursula Engelen-Kefervom Deutschen Gewerkschaftsbund.

Man kann sagen, dass Klinsmann Mut zu wirklichen Strukturreformenhatte. Gerhard Schröder nannte Klinsmann ein Vorbild für alle, diedieses Land voranbringen wollen, die sich was trauen, die Weltmeisterwerden wollen.

Im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus steht der Pate der Politik,eingeflogen aus Kalifornien, wo er wohnt, aber es sieht so aus, alspasse es gerade nicht. Als sei der Zeitpunkt ungünstig für einendeutschen Zwischenruck. Irgendwas kommt immer dazwischen.

Es ist Montagnachmittag, Gerhard Schröder muss sich auf George W.Bush vorbereiten, Schröder fällt aus. Joschka Fischer ist beschäftigt,außerdem ist die Zeit vorbei, in der Fischer noch Fußball spielte. UndWolfgang Thierse ist krank. Thierse sollte eigentlich den ersten Anstoßdieses Turniers treten, ausgerechnet Thierse, dem der Bart vollerBedenken hängt. Aber Thierse hat die Grippe.

Jürgen Klinsmann macht kleine, behutsame Schritte. Er sucht nachGesichtern, die er kennt. Ein Sportreporter von einerNachrichtenagentur fragt nach Olli Kahn und dem Schiedsrichter Hoyzer,es hat alles wenig mit Aufbruch zu tun.

Neben dem Bierstand steht ein Mann mit einem Hasseröder-Gesicht, dereinen grauen Anzug trägt. Das ist Peter Rauen von der CDU, der inseinem Leben so oft verloren hat wie Berti Vogts. Er verlor den Postenim Parteipräsidium, er verlor den Posten als stellvertretenderFraktionschef, er verlor sein Baugeschäft, und als er Spit-

zenkandidat seiner Partei in Rheinland-Pfalz werden wollte, verlorer auch. Er sagte Sätze wie: »Es muss wieder mehr angeschafft werden inDeutschland.« Jetzt ist er Vorsitzender desBundestags-Sportausschusses.

Seine Haut ist braun, sie sieht nach Kalifornien aus. Rauens Handkracht auf Klinsmanns Schulter. Klinsmann lächelt vorsichtig. Es gibtnichts, worüber sie reden könnten.

Dann heißt es, den Anstoß werde jetzt Frau Kastner von der SPDtreten. Zwei Journalisten blättern im Volkshandbuch des DeutschenBundestags. Kastner. Auf Seite 140 steht: Dr. h. c. Kastner, Susanne,Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. Blond mit Brille.

»Schön«, sagt Klinsmann. Er guckt auf die Uhr.

Peter Rauen schiebt den Bundestrainer hinter einen Tisch, auf demsieben Mikrofone stehen. Jemand fragt, ob es eine Parallele gibtzwischen Sport und Politik, ob man etwas vom einen ins andereübertragen kann. Klinsmann redet von Selbstbewusstsein, Offensive, vongeduckter Haltung, von einer Vorstellung, die man haben muss bei dem,was man tut. Von einer Spielidee.

Er könnte viel dazu sagen, aber es muss weitergehen hier. Rauendrängt auf den Anstoß. Er ist schon etwas wuschig, am Abend werde esnoch eine Siegesfeier geben, sagt er. Es soll nicht zu spät werden.

Unten dampft die Turnhalle. Susanne Kastner tritt den Anstoß indunkelroten Pumps. Die Mannschaft des Bundestags trägt dasNationaltrikot und spielt 2:2 gegen eine Mannschaft, die für eineKreditkarte wirbt.

Unentschieden. Nicht gewonnen, nicht verloren, nichts passiert.Peter Rauen trinkt ein erstes Bier. Er sieht schon nach Siegesfeieraus.

Jürgen Klinsmann schließt die Trainingsjacke bis zum Kinn. Er steigteine Treppe hoch und sucht den Weg nach draußen. Er geht durch denNotausgang.

MATTHIAS GEYER

* Mit Klaus Riegert (CDU, r.) und Schiedsrichter WalterEschweiler (in Schwarz).

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