Anstoß in Köln: "Eine einzige große Party" - DER SPIEGEL
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Anstoß in Köln "Eine einzige große Party"

Eine Messe wie ein Fußballspiel, Gesangsduelle, Hunger und Verkehrschaos: Zur Eröffnung des Weltjugendtags in Köln wurde die Geduld der Pilger auf die Probe gestellt – aber die Jugendlichen aus allen Nationen waren zu beschäftigt mit Feiern, um es zu merken.
Von Sandra Fomferek
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Köln - Mit "Ben-e-detto"- und "Ole ole"-Rufen versuchen sich auf den Treppen vom Kölner Hauptbahnhof zum Dom eine Gruppe aus Mexiko in gelben "Benedikt 16"-Shirts und rund zwanzig Italiener gegenseitig zu übertreffen. Auf die Melodie von "We will rock you" stimmen mehrere Polen ihr "We love Benedikt" an. Das können sich die Mexikaner nicht bieten lassen und legen an Lautstärke noch ein bisschen zu.

Auf der Domplatte ist die Tanzfläche eröffnet: Eine Gruppe italienischer Erzieher hüpft im Kreis und macht dabei lautstark Tiere nach. "Es ist phantastisch hier", erzählt Enrico Giovanni aus Rom, "eine einzige große Party." Selbst die Kölner steckt das Tanzfieber an: Helga Grau aus Bensberg macht spontan bei einem ausgelassenen Kreistanz mit. "Ich find' das toll." Wie sie bleiben viele Kölner stehen, gucken zu, wippen mit. Eine Gruppe aus Wuppertal hat sich bereits mit italienischen Pilgern verbündet und erteilt ihnen eine Lektion in kölschem Liedgut: Der Refrain des Karnevalsschlagers "Viva Colonia" klappt fast fehlerfrei.

Selbst das Wetter scheint sich der Stimmung in der Stadt anzupassen: Wegen der Regenfälle der letzten Tagen musste die italienische Gruppe ihren Zeltplatz am Fühlinger See gegen eine Unterkunft in einer Sporthalle tauschen. "Es hat selbst in die Zelte rein geregnet, alles war matschig und nass", erzählt Agnes Troccolu. Da hatten es Dorin Langeveld, 21, und ihre Freunde aus Rotterdam besser, sie kamen per Boot nach Köln und auf dem Schiff übernachten sie auch. "Wir liegen wie die Fische nebeneinander", beschreibt sie fröhlich. Gegen 11 Uhr warten die Niederländer an der Messehalle noch immer auf ihr Frühstück und überbrücken die Zeit mit einem Kartenspiel.

"Mehr, als ich erwartet habe"

Vor dem Dom schwenkt John Johannes aus Chicago mit einem entrückten Blick eine Angel, an der die Flagge von Deutschland und vom Vatikan baumeln. "Ich war 1993 beim Weltjugendtag in Denver", erzählt er, aber Köln - Johannes zeigt auf den Dom - sei einfach die Nummer eins. Um sich dem Gastland anzupassen hat er sich eine Tischdecke mit weiß-blauem Rautenmuster, um die Schultern gebunden, in der Mitte prangt ein Bild von Papst Benedikt XVI.

Auch Schwester Ruth aus London fällt in der Menge auf. Von ihrem T-Shirt lächelt der Papst und auf der Schulter trägt sie eine Marienfigur. Durch unzählige Länder ist sie schon gereist, um ihre Botschaft unter das Volk zu bringen: "Ich liebe den Papst, denn er spricht die Wahrheit", sagt sie. Und der Libanese Michel Chraim, 23, ist überwältigt: "Das ist mehr, als ich erwartet hatte." Nicht nur das Kölsch hat ihn nach dem ersten Testtrinken überzeugt, ihm gefällt es in Köln auch besser als beim Weltjugendtag in Rom.

Bei den Essensausgaben müssen die Pilger eine Engelsgeduld beweisen. Vor den Messehallen in Deutz stehen sich Menschenmassen die Beine in den Bauch. Müde und hungrige Pilger sitzen und liegen auf dem Pflaster und warten. "Das ist nicht organisiert hier", ärgert sich Elisa Colombo, 24, aus Mailand und löffelt Reis mit Gemüse aus der Plastikschale. Fast eine Stunde brauchte ihre Sechser-Gruppe, um Essen zu bekommen - eine Freundin steht immer noch an, diesmal für die Dinner-Pakete. Auch eine Gruppe aus Bayern wartet seit zwei Stunden auf ihr Essen. "Wir haben es schon einmal probiert und dann war das Essen alle", erzählt Julian Friesling, 22.

Weihrauch im Stadion

Andere Pilger geben genervt auf und gehen zur Bahn, um direkt zur Eröffnungsmesse im Kölner Rheinenergie-Stadion zu fahren. Doch schon weit vor der U-Bahnstation herrscht Stau, es gibt absolut kein Durchkommen mehr. "Das hat keinen Sinn, sucht euch Leinwände", schreit jemand. Zu Fuß oder über Umwege gelangen die Pilger, die nicht aufgeben, schließlich zur Messe.

"Wir hatten kein Essen", sagt die 19-jährige Französin Marie-Laure Bernart, "aber dafür sitzen wir im Bus." Der rauscht vorbei an winkenden Pilgern, direkt zum Heimstadion des 1. FC Köln, wo es ganz untypisch nach Weihrauch riecht. "Jesus Christ, you are my Lord" singt die Masse und reckt die Hände zum Himmel. Tobender Applaus und trommelnde Brasilianer statt andächtiger Stille - gegen Ende ähnelt die Messe von der Stimmung immer mehr einem Fußballspiel.

Bei der Rede von Bundespräsident Horst Köhler kennt die Menge schließlich kein Halten mehr. "La Olas" kreisen über die Ränge, keiner mag mehr zuhören, die Party soll endlich anfangen. Ein Teil der Pilger strömt zu den Essenständen, die restlichen ziehen in Polonaisen durch das Stadion, schwenken Flaggen, tanzen und singen.

"Wir sind alle eins"

Ob die Roten Funken tanzen, die Bläck Fööss ihre kölschen Klassiker spielen oder eine Samba-Gruppe den Rhythmus vorgibt - die Musik spielt für die Pilger keine Rolle. "Es ist egal, welche Hautfarbe man hat - wir sind alle eins", ruft Hrvoja Vukelic-Lika aus Kroatien aufgeregt und stürzt sich wieder in die Menge zum Tanzen. Die Stimmung ist ausgelassen. Die Nachricht vom gewaltsamen Tode Frère Rogers bei einer Abendmesse in Taizé hat hier noch niemanden erreicht.

Mit langen Gesichtern stehen Joe Fahed und seine Freunde vor den Security-Männern am Eingang des Stadions - ohne schwarze Bändchen dürfen die Libanesen nicht rein. "Wir waren in Aachen bei der Welcome-Feier und dann ist unser Zug für den Rückweg nicht gekommen", ärgert sich Raja Mhanna. Extra zum Tanzen sind sie zurück nach Köln gekommen. Die Sicherheitsbeamten zeigen Erbarmen und raten, sich von den gehenden Pilgern die Bändchen geben zu lassen.

Dunkel ist es mittlerweile über dem Stadion - es herrscht Aufbruchstimmung. Aponte Hildantith, 32, aus Puerto Rico, will ins Bett. "Ich muss meine Batterien aufladen", meint sie. Am nächsten Morgen will sie um 6 Uhr wieder aufstehen.

Doch der Rückweg stellt die Geduld der Pilger erneut auf die Probe. Die Bahnen Richtung Innenstadt sind überfüllt. Ganz langsam und mit langen Pausen ziehen die Züge vorwärts. Nach wenigen Stationen bricht schließlich alles zusammen, viele Pilger versuchen ihr Glück zu Fuß oder per Taxi. Katherine Fuller aus Chicago und ihre Mitreisenden haben die Hoffnung, schnell zurück ins Hotel zu kommen, aufgegeben. Sie sitzen in einer Kneipe neben dem Bahnhof. "Wir bleiben noch etwas und nehmen dann ein Taxi", meint sie, "dann sind wir eben morgen müde."