Apotheken Grippe-Impfstoff wird knapp
Nach Schreckensmeldungen über die Ausbreitung der Grippe in Europa wird in Deutschland der Impfstoff knapp. Großhändler in fast allen Bundesländern erklärten, ihre Reserven gingen zur Neige. In Schleswig-Holstein übersteige die Nachfrage das Angebot um das Zehnfache, sagte Dr. Thomas Friedrich, Leiter des Apothekerverbands in Kiel, zu SPIEGEL ONLINE. Das liege unter anderem daran, dass Apotheken ihre Bestellung bei mehreren Großhändlern gleichzeitig aufgäben.
Auch die Pharma-Hersteller müssen passen. Chiron-Bering in Hamburg erklärte, die letzten 240.000 Dosen Impfstoff würden am Donnerstag ausgeliefert. Der Hersteller Pasteur Merieux MSD in Leimen teilte mit, sie hätten die letzten Ampullen bereits im Dezember ausgegeben. Nachschub ist in dieser Saison nicht mehr zu erwarten. "Die Herstellung des Impfstoffs ist langwierig und muss weit im voraus geplant werden", sagte Dr. Helmut Uphoff von der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) in Marburg. Der Prozess dauere mindestens drei Monate. Dann wäre die Grippewelle jedoch schon vorbei.
Impfstoff aus dem Ausland
Unter den Umständen bleibt nur die Hilfe von außen: Weitere Chargen seien aus dem Ausland unterwegs, bestätigte eine Sprecherin des für die Zulassung zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts im hessischen Langen am Dienstag. Dies ist keineswegs ungewöhnlich: Schon im vergangenen Jahr habe man Nachschub aus dem Kontingent der Nachbarländer erhalten, und man sei sicher, dass dies auch in diesem Jahr ohne bürokratische Hürden gelingen werde, sagte die Sprecherin. Das Serum, dass in den verschiedenen EU-Ländern lagert, werde immer bei Bedarf umverteilt.
Die Herstellung und Verteilung der Impfstoffe erfolgt strikt nach marktwirtschaftlichen Prinzipien. Weil die Lagerung teuer ist, produzieren die Hersteller ihren Impfstoff immer nur in einer Menge, die auf der Nachfrage des Vorjahres innerhalb der gesamten Europäischen Union basiert. Denn "jede überschüssige Ampulle muss weggeschmissen werden", sagt Uphoff. Schon im Vorfeld wird also eher knapp kalkuliert. Dennoch sei die derzeitige Knappheit keine "ideale Situation", räumte Uphoff ein. Von einem Notstand könne allerdings keine Rede sein.
Noch keine echte Grippewelle
Nach Ansicht des Leiters des Nationalen Referenzzentrums für Grippe in Hannover, Rolf Heckler, kann zurzeit noch nicht von einer echten Grippewelle in Deutschland gesprochen werden. Dennoch sei ein Anstieg zu verzeichnen, der bereits erheblich höher sei als der erste kurz vor Weihnachten. Damals waren von den Patienten, die wegen Atemwegsinfektionen eine Arztpraxis aufsuchten, fünf bis sechs Prozent nicht nur an einer Erkältung, sondern an einer von Viren verursachten Grippe erkrankt. Inzwischen sind es laut Heckler 20 bis 30 Prozent, wobei es hier starke regionale Unterschiede gibt. Am häufigsten sind die Grippefälle immer noch in Süddeutschland. Selbst dort handele es sich aber noch nicht um eine Epidemie. Der Anstieg entspreche den üblichen Bedingungen um diese Jahreszeit. Allerdings wollte Heckler nicht ausschließen, dass Deutschland am Anfang einer Grippewelle stehen könnte.