EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Arm dran
Der Räucherofen, der das Leben von Shannon Whisnant verändert hat, steht in einer Halle. Wer ihn sehen möchte, muss zahlen. Erwachsene drei Dollar, Kinder einen Dollar, Amputierte können umsonst gucken.
Im Moment kommen nicht mehr viele Besucher zu ihm, dem Schrotthändler in Maiden, North Carolina, und das hängt mit einer Geschichte zusammen, die etwas unappetitlich ist und viel erzählt über ein Land, in dem jeder und alles zum Ereignis werden kann.
Es geht um ein Bein, das diesen Ofen berühmt machte, um ein Bein, um das nun zwei Männer streiten.
In den Besitz des Beins kam Whisnant durch einen Zufall. Der Ofen, in dem es lag, war zwangsversteigert worden, zusammen mit der restlichen Habe eines Mannes, der verschwunden war. Whisnant kaufte alles, den Ofen öffnete er das erste Mal in seiner Halle.
Hinten, auf dem Rost, lag etwas, eingewickelt in Papier. Brennholz, dachte Whisnant, nahm das Ding, wickelte es aus und sah zuerst fünf Zehen, dann einen Fuß komplett mit Unterschenkel. Angewidert ließ Whisnant das Bein fallen.
Er rief die Polizei. Der Polizist am anderen Ende der Leitung fragte: »Wie kann ich helfen?« Whisnants Antwort: »Ich habe hier einen Fuß gefunden.« Nachdem zwei Polizisten das Bein im Kofferraum ihres Wagens verstaut hatten, glaubte Whisnant, die Sache habe sich für ihn erledigt. Doch ein paar Tage später riefen Journalisten an. Sie fragten Whisnant, ob er John Wood jemals gesprochen habe. Whisnant fragte zurück: »Wer ist John Wood?«
John Wood ist ein Mann Mitte dreißig, der das Unglück anzieht. Zweimal stürzte Wood mit einem Flugzeug ab, einmal wurde er von einem Müllwagen überfahren, einmal starb er fast an einem elektrischen Schlag. Sein Bein verlor Wood bei Flugzeugabsturz Nummer zwei, im Jahr 2004, es musste amputiert werden. Er behielt es, aus »religiösen Gründen«, wie er sagt. Er will als ganzer Mann bestattet werden, wenn es so weit ist.
Zunächst lagerte Wood sein Bein in seiner Tiefkühltruhe. Doch dann verlor er seinen Job, kurze Zeit später stellte man ihm den Strom ab. Um sein Bein zu konservieren, dörrte Wood es in der Sonne, wickelte es in Papier und lagerte es schließlich in seinem Räucherofen. Ein paar Monate später verschwand er.
Die Polizei von Maiden machte Wood, nachdem sich Whisnant bei ihr gemeldet hatte, ausfindig. Wood lebt im Nachbarstaat, in South Carolina, und er sagte, er wolle sein Bein wiederhaben. Kein Problem, lautete die Antwort der Polizei, er könne es abholen. Was John Wood tat.
Während all das geschah, riefen bei Whisnant immer mehr Journalisten an, und jeder Anruf, jede Einladung in eine Nachmittags-Talkshow bewies ihm, dass er einen Fehler gemacht hatte.
Er hätte das Bein nicht zurückgeben dürfen. Es gab einen Markt für das Bein und seine Geschichte. Mit ihr, so hoffte Shannon Whisnant, ließe sich Geld verdienen. Geld, das er brauchte. Das Schrottgeschäft lief schlecht.
Woods Bein sollte ihm ein besseres Leben ermöglichen. Er wollte es ausstellen, mit dem Ofen. Jedes Jahr zu Halloween. Das war sein Plan. Die Leute würden Schlange stehen, und sie würden nicht läppische 3 Dollar zahlen, sondern 10, vielleicht sogar 20. Maiden würde zur umschwärmten Gruselstätte werden.
Um seinen Plan Wirklichkeit werden zu lassen, musste Whisnant das Bein wieder in seinen Besitz bringen. Das, glaubte er, könnte so schwer nicht sein. Immerhin hatte er den Ofen rechtmäßig erworben und mit ihm auch seinen Inhalt.
Whisnant ging zur Polizei, legte dar, wie er die Sache sah, und erfuhr, dass die Polizisten es ganz anders sahen.
Als Nächstes rief Whisnant Wood an und fragte ihn, ob sie sich nicht irgendwie einigen könnten. Ob nicht ein Kompromiss möglich wäre. Eine Art geteiltes Sorgerecht für das Bein. Er, Whisnant, würde sich um das Bein kümmern, solange Wood lebe. Im Gegenzug dürfe Wood das Bein mit in den Sarg nehmen. Wood lehnte ab.
Whisnant war kurz davor, seinen Plan aufzugeben, als sein Telefon wieder mal klingelte. Der Anruf kam aus Chicago, am Apparat war ein Mitarbeiter der »Judge Mathis«- Show. Die Produzenten der Gerichtsshow wollten Whisnant und Wood einladen, damit Mathis, ein ehemaliger Richter, über ihren Fall urteilen könne. Das Urteil sei verbindlich, erklärte der Anrufer. Es müsse von Wood und Whisnant akzeptiert werden. Entsprechende Verträge seien vor der Show zu unterschreiben.
Whisnant sagte zu. Er kennt die Show. Und auch Wood sagte zu, überraschenderweise. Auch er wollte seine 15 Minuten im Scheinwerferlicht.
Die Sendung wurde vor ein paar Tagen aufgezeichnet und wird am 1. November ausgestrahlt. Bis dahin müssen Whisnant und Wood über das Urteil des Richters schweigen. So schreiben es ihre Verträge vor, und beide halten sich daran.
Und so warten nun zwei Männer in diesem Land, in dem alles und jeder zum Ereignis werden kann, darauf, dass ein TV-Richter einen von beiden ins Vergessen schickt und den anderen wieder in die Schlagzeilen. UWE BUSE
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DER SPIEGEL vom 05.11.2007:
Der SPIEGEL berichtete ...
... in Nr. 43/2007 »Eine Meldung und ihre Geschichte - Arm dran« über den makabren Rechtsstreit zweier Amerikaner um ein amputiertes Bein.
In einem Fernsehgerichtsurteil wurde nun entschieden, dass Shannon Whisnant, der das Bein in einem Räucherofen entdeckte, den er ersteigert hatte, das Körperteil an den ursprünglichen Besitzer zurückgeben muss. John Wood, dem das in Frage stehende Bein nach einem Flugzeugunglück amputiert wurde, wollte es aufbewahren, um später einmal als »ganzer Mann« beerdigt werden zu können. Er ist sehr zufrieden mit der Entscheidung. Whisnant erhielt als Entschädigung rund 3450 Euro von der Gerichtsshow. Die Kontrahenten sagten zu, den Streit ein für alle Mal ruhen zu lassen.