Armut in Deutschland: Letzte Ausfahrt Billbrook - DER SPIEGEL
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Armut in Deutschland Letzte Ausfahrt Billbrook

Versteckt in einem Industriegebiet, unterhält Hamburg, Deutschlands reichste Stadt, eine Art Endlager für die Verlierer der Wohlstandsgesellschaft. Unter staatlicher Aufsicht leben dort Verwahrloste, Verwirrte, Flüchtlinge ­ und manchmal lässt man sie auch sterben.
Von Gabor Steingart
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Video: Tod in Billbrook - der SPIEGEL TV-Beitrag zum Thema

Sie telefonierten über "Maßnahmen" und "Zuständigkeiten", aber einen Arzt riefen sie nicht

Lesen Sie in Teil 2: Warten auf ein kleines Wunder

Mürbe gewordene Plattenbauten, vier links, zwei rechtseiner Straße, die im Nichts endet. "Vorsicht, keineWendemöglichkeit", steht auf einem rostigen Schild.Wie hingestreut wirken die kleinen Hütten ausMetallschrott, Plastik und Holz, die irgendwann wie vonselbst dazukamen. Im Sommer und an den wenigen trockenenWintertagen brennen hier die Lagerfeuer, gefüttert vomMüll, der herumliegt, als wäre ein Wagen der Müllabfuhrexplodiert. Schränke, Sofas, Autoreifen. EinigeKloschüsseln, viele Babywindeln, zwischendrin suchenHühner, Puten und Gänse ihre Nahrung. Erwachsene und vieleKinder hocken vor den Feuern, einige schwatzen, die meistenstarren vor sich hin. Am Ende der Straße steht ein mit Graffiti besprühterFlachbau, in dem die Unterkunftsleitung ihr Büro unterhält.Hinter schwerer Stahltür und vergitterten Scheiben wirdAkte geführt. Auf der Tischplatte des Lagerleiters befindetsich der Druckknopf zum Öffnen der Stahltür, unter derSchreibtischplatte der Druckknopf zum Rufen der Polizei."Rudolf du Aschloch" hat einer an die Hauswand gesprüht.Rund 160 Menschen leben heute in der Berzeliusstraße. "Eshandelt sich um Menschen aller Altersgruppen, allerNationalitäten und Hautfarben", heißt es in einer internenStellenausschreibung, "die hier auf engstem Raum langjährigund meist ohne Perspektive auf Veränderung ihrer Situationleben müssen." Ihre "äußere Ausgrenzung" lasse sich auchdaran erkennen, "dass ihre Unterbringungsstandorteversteckt in Industriegebieten am Stadtrand liegen".Radomir Adzovic, 42, ist einer von denen, die hier leben.Mehr als 2000 Kilometer weit ist er gereist, von Montenegroüber Albanien, Italien und Österreich nach Hamburg. Als imKosovo der Krieg tobte und in Montenegro die Barackenseiner Roma-Siedlung Feuer fingen, wurde der gelernteKesselbauer zum Flüchtling. Der Fiat, die Ziegen, dieKupferkessel, all seine Reichtümer hat er hergegeben, umdiese Reise für sich und seine Familie bezahlen zu können.Es ist teuer, ein Flüchtling zu sein.Zusammen mit seiner Frau Stanka hat er elf Kinder. Vierdavon sind gehörlos von Geburt an, Jasmina, 15, Danijela,11, Andjela, 5, und Stefan, der bald 4 Jahre alt wird.Die Familie hatte nicht auf das Paradies gehofft, aber aufden Hauch einer Chance. Stattdessen bekamen sie dieEinweisung in die Wohnunterkunft Berzeliusstraße, auf Grundder vielen Kinder sei die Familie woanders nicht tragbar.In Deutschland sind sie ohnehin nur "geduldet", ihramtlicher Berechtigungsschein zum Hierbleiben wird imDrei-Monats-Rhythmus verlängert, und das bedeutet: nichtumziehen, nicht arbeiten, nur warten. Und so warten sieeben: Auf freundlichere Gesetze, auf den richtigen Stempel,auf ein kleines Wunder.Bisher kamen nur die Kakerlaken. Erst einzeln, dann inScharen krabbelten sie aus den anderen Wohnungen über dieHeizungsrohre bis in den Schlafraum der Familie. Sogar insOhr der kleinen Liza, eineinhalb Jahr alt, haben sie esgeschafft.Sie kommen von überall her. Aus der Wohnung von Hans-PeterBöttcher zum Beispiel, ehemals Seemann und seit seinerBeinamputation ein Gestrandeter, 20 Jahre lang wohnte er inder Berzi. Wie in einem Käfig saß er am Fenster, traurigvor sich hin grinsend, neben ihm baumelte eine großeMarionettenpuppe, die er sich aus seinem vorherigen Lebenals Seemann mitgebracht hatte. "Ich hab mich an dasUngeziefer gewöhnt", sagt er. Kurz vor Weihnachten mussteBöttcher die Siedlung verlassen.Auch Heinz-Peter Eriksdotter musste gehen, er hinterließHunderte von Kakerlaken. Auf dem Boden, an der Wand, imHundenapf und in jenem Knäuel aus Holzlatten undSchaumstoff, das ihm als Nachtlager diente. Zuweilenkrabbelten sie dem freundlichen Einzelgänger, der mitseinem Mischlingshund Jerry die Siedlung durchstreifte, anden Hosenbeinen entlang.Die Lagerleitung half nicht, sie schimpfte. "Ihre Wohnungist ein Brutherd und Massenlager für Kakerlaken", hatte ihmRudolph geschrieben. Auf Verständnis oder gar Hilfe durfteder Mann, der in seiner eigenen Welt zu Hause ist, nichthoffen. Wer das Gelände jenseits der Bahnschienen betritt,hat für Rudolph "die bürgerliche Welt verlassen".Am Ende musste auch Rudolph gehen. Zufall oder nicht:Pünktlich zum Prozessbeginn sind damit alle weg, die sichan Aschberg erinnern könnten. Eriksdotter und Böttcher,seine Nachbarn von einst, wurden in andere Einrichtungenverschoben. Die beschuldigten Sozialarbeiter ­ versetzt.Das stinkende Wohnhaus des Toten ­ abgerissen.Doch die Unterlagen, die dem Gericht vorliegen ­Verhörprotokolle, Tagebuchnotizen, Aktenvermerke undAschbergs Unterkunftsakte ­, zeichnen präzise nach, wasdamals, im Frühjahr des Jahres 1999, geschah. Wie einemMenschen, der Hilfe brauchte, vieles verweigert wurde:Anerkennung, Mitleid und am Ende eben auch ein Anruf beimArzt, der sein Leben hätte retten können.Aschberg, ein Obdachloser, wurde im Juli 1994 eingewiesen.Woher er kam, was er vorher getrieben, wo er gelebt hatte,niemand weiß es. Er war ein stiller Mann, krank und alt,kein Trinker. So ganz schlecht kann es ihm in früherenJahren nicht gegangen sein. Die Polizei fand in der Wohnungdes Toten 36 000 Mark in bar.Gesundheitlich war er schon angeschlagen, als er in derBerzi ankam. Die Unterkunftsakte, die über ihn geführtwurde, notiert ein knappes Jahr nach seiner Aufnahme,am 12. Juni 1995, dass der "Bewohner Aschberg sehr kranksei, vor sich hinsieche und alles nicht mehr auf die Reihebekomme". "Ihre Wohnung", schrieb Rudolph an einen der Bewohner, "ist Massenlager für Kakerlaken" Wenig später, am 4. Juli, wurde festgehalten, dass der Mannnun auch "offene Wunden an Armen und Beinen habe". Er seiinsgesamt "sehr abgemagert und halte sich nur noch in derungepflegten und spärlich ausgestatteten Wohnung auf". DieWohnung, das war ein 17-Quadratmeter-Etwas mit Tisch undStuhl. Sein ehemaliger Mitbewohner im Haus, Peter Schulz,der arbeitslos ist und vor Gericht leicht beschwipstscheint, hatte ihm eine Matratze besorgt ­ "sonst hätteOtto auf dem Boden schlafen müssen".Schon zu diesem Zeitpunkt, also knapp vier Jahre vor seinemTod, notierte eine der beiden beschuldigten Sozialarbeiter,dass Aschberg die "Tätigkeiten des täglichen Lebens nichtselbst besorgen könne". Vom Personal der Siedlung hatte derHilfsbedürftige nicht allzu viel zu erwarten. KeinePutzfrau. Keinen Arzt. Keine übermäßige Anteilnahme.Hausbewohner Schulz machte für ihn kleinere Besorgungen,brachte Lebensmittel, "vor allem Cola und gelbe Brause",mit.Eine Krankenhauseinweisung wurde diskutiert, ohne Folgen.Auch Hausbewohner Schulz drängte immer wieder, ihm waraufgefallen, dass bei Aschberg die Kräfte schwanden. "SeinZustand wurde immer weniger."Am 19. März des Jahres 1999, 14 Tage vor seinem Tod, bekamOtto Aschberg erneut Besuch von den Sozialarbeitern. Der"erkennbar gesundheitlich stark angeschlagene und physischgeschwächte" Mann, so der Staatsanwalt, dem bereits zudiesem Zeitpunkt "die Einsichtsfähigkeit in Bezug aufseinen schlechten Gesundheitszustand fehlte", lehnteoffenbar Hilfe ab. Also zogen die Behördenmitarbeiterunverrichteter Dinge davon.Für ihre Unterlagen notierten sie: "Wir haben dendringenden Verdacht, dass Herr Aschberg zunehmend nichtmehr in der Lage ist, sich selbst zu versorgen. Bei ihmliegt unseres Erachtens keine geistige Störung vor, und erist in der Lage, die möglichen Konsequenzen seinerWeigerung (der Inanspruchnahme von Hilfe) zu überblicken."Am Vormittag des 1. April 1999, also keine 24 Stunden vorAschbergs Tod, besuchten erneut die beiden Sozialarbeiterdie Wohnung des Mannes. Sie trafen "einen bereits unterSchmerzen leidenden und zu diesem Zeitpunkt bereits inakuter Lebensgefahr schwebenden Mann", so der Staatsanwalt,der "stark verkotet und durchnässt in seinem Bett lag". DieSozialarbeiter entfernten sich dennoch aus der Wohnung ­"ohne menschliche Zuwendung und Hilfeleistung", so dasErmittlungsergebnis.Auch der Unterkunftsleiter, der einen Zweitschlüssel besaß,machte an jenem 1. April, es war der Gründonnerstag desJahres 1999, einen Besuch bei Aschberg. Dieser Besuch,hielt er Tage später in einem Vermerk fest, habe"Erschrecken" bei ihm ausgelöst. Doch statt den Notarzt zurufen, rief er die zuständige Sozialarbeiterin an. Inseinem Vermerk ("Mitteilung über besondere Vorkommnisse")fasste er die Vorgänge aus seiner Sicht zusammen. Danachteilte sie ihm mit, dass "im Augenblick keine Maßnahmennötig seien".Später dann kam sie in sein Büro. Wieder sprach er sie aufdie "extreme Notlage" an. Er wolle wohl der Sozialarbeit inder Einrichtung "ans Bein pinkeln", erwiderte sie, so derVermerk. "Ich sollte mich um meine Arbeit kümmern",notierte Rudolph.Für Aschberg hatten unterdessen die letzten Stundenbegonnen. Der "zunehmend eintrübende Geschädigte", dasergab die Rekonstruktion des Staatsanwalts, hatte zu dieserStunde bereits "auf ungeklärte Weise" das Bett verlassenund lag nun "auf dem blanken und kalten Zementboden ineiner großen Pfütze aus Fäkalien".Rudolph hatte sich derweil bei der Vorgesetzten derSozialarbeiter beschwert, die am Nachmittag schließlich inder Siedlung eintraf. Gemeinsam mit der eigentlichzuständigen Sozialarbeiterin betrat sie gegen 15 Uhr "dasentsetzlich stinkende Haus", so ihre Erinnerung. Den Mann,dem der Besuch galt, fand sie auf dem Boden. Und endlichgeschah etwas: Über Handy ließ sie einen Notarzt rufen.Der Rettungshubschrauber kam, umringt von den Bewohnern derSiedlung hob Aschberg ab, er wurde um 15.40 Uhr imKrankenhaus eingeliefert. Morgens um 6.15 Uhr hörte seinHerz auf zu schlagen. Der ärztliche Befund: chronischeEntzündung der Luftröhre und der Bronchien, chronischeBlähungen, hochgradige Lungenüberwässerung, Verdacht aufakute Lungenentzündung, flächiges Wundsein der Haut imGenitalbereich, Wundliegegeschwür über der rechten Hüfte.Der Mann wog bei einer Körpergröße von 179 Zentimetern nurnoch 48 Kilo.Die Beteiligten schauen im Gerichtssaal noch einmal dieBilder aus der Klinik an, als wollten sie sich versichern,dass das, worüber hier eben geredet wird, auch tatsächlichgeschehen ist. Die Beschuldigten winden sich oderschweigen.Der Unterkunftsleiter, der rechtzeitig vor Prozessterminauf einen Posten außerhalb der Siedlung abgeschoben wurde,berichtet immer wieder vom internen Kompetenzgerangel. Aberwas ihm damals am meisten zu schaffen machte, war dieFrage, ob "man mir ein Problem machen könnte, wenn ich denNotarzt rufe". Dass er dauernd nur Vermerke schrieb,anstatt endlich zum Telefonhörer zu greifen, kann er aucherklären: "Ich bin groß geworden mit Vermerkeschreiben."Stille. Der Richter schaut ins Nichts."Innerlich mitgenommen" habe ihn das Ganze dennoch,versichert Eckhart Rudolph da schnell: "Es gab durchausdiese normalenRegungen."

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