Asienexperte: Eine Hinrichtung kann auch Europäer treffen - DER SPIEGEL
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Asienexperte Eine Hinrichtung kann auch Europäer treffen

Die Drohung der Rebellengruppe Abu Sayyaf, einige ihrer Geiseln zu köpfen, ist für Günter Siemers vom Hamburger Institut für Asienkunde auf jeden Fall ernst zu nehmen. Die Geiselnehmer machten im Zweifelsfall keinen Unterschied in der Nationalität ihrer Opfer, sagte der Philippinenexperte im Interview mit SPIEGEL ONLINE.
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SPIEGEL ONLINE:

Die Entführer haben philippinischen Militärangaben widersprochen, wonach zwei Geiseln bei Gefechten zwischen ihnen und der Armee ums Leben gekommen seien. Wem kann man glauben?

Siemers: Der Chefunterhändler und Gouverneur der Autonomen Region in Muslim Mindanao (ARMM), Nur Misuari, hat auf Grund seiner Vergangenheit sehr gute Kontakte in die Bevölkerung. Er war immerhin Anführer der ehemaligen Separatistenbewegung Moro National Liberation Front (MNLF), die bei den Menschen akzeptiert war und ist. Es waren Beobachtungen aus der Bevölkerung, die auf die Spur der Entführer geführt haben und keine Aufklärungsflugzeuge oder ähnliches der Armee. Wenn Misuari jetzt sagt, alle Geiseln seien am Leben, dann ist das glaubwürdig.

SPIEGEL ONLINE: Was für eine Organisation ist Abu Sayyaf?

Siemers: Im Unterschied zur MNLF hat die Abu Sayyaf auch kriminelle Züge. Sie weist zwar keine familiären Strukturen wie die Mafia auf, erpresst aber ebenso Schutzgelder, ermordet und entführt Menschen, um an Geld heranzukommen. Die MNLF hat sich klar von Abu Sayyaf distanziert. Gleichzeitig verfolgen die Rebellen das Ziel einer unabhängigen islamischen Republik auf Mindanao. Ungewöhnlich ist allerdings, dass Abu Sayyaf nun Touristen gekidnappt hat. Bislang waren es meist Einheimische oder Ausländer, die auf den Philippinen leben. Es ist meines Wissens das erste Mal, dass die Rebellen die Philippinen verlassen haben, um Geiseln zu nehmen. Das spricht dafür, dass sie dringend Geld brauchen. Denn Ausländer sind für sie aus finanzieller Sicht wertvoller als Einheimische. Nur gibt es in der Gegend, in der Abu Sayyaf aktiv ist, keine Touristenzentren, also drangen sie in malaysisches Staatsgebiet ein.

SPIEGEL ONLINE: Was ist von der Todesdrohung von Abu Sayyaf gegen die Geiseln zu halten?

Siemers: Laut philippinischen Presseberichten haben sie bei einer anderen Entführung bereits zwei Geiseln enthauptet, als ihre Forderungen nicht erfüllt wurden. Ich glaube auch nicht, dass die Rebellen bei den jetzt verschleppten Ausländern Unterschiede bei deren Herkunft machen. Eine mögliche Hinrichtung kann auch Europäer treffen.

SPIEGEL ONLINE: Abu Sayyaf verfolgt separatistische Ziele. Inwieweit bedrohen die Rebellen die Regierung in Manila?

Siemers: Abu Sayyaf kaum, das ist eine kleine extremistische Gruppe, die kaum Rückhalt in der Bevölkerung hat. Sie terrorisieren auch Einheimische, was ihnen keine Sympathien einbringt. Sie achten kaum auf die religiöse Zugehörigkeit ihrer Opfer, sondern vielmehr auf deren Geldbeutel. Viele ihrer Mitglieder haben bei den Autonomiekämpfen seit den siebziger Jahren Angehörige verloren, die ihrerseits auf Rebellenseite die Zentralregierung bekriegten. Rache spielt also eine gewisse Rolle in der Motivation.

SPIEGEL ONLINE: Besteht denn die Gefahr, dass die Philippinen auseinander brechen?

Siemers: Kaum. Der Staat besteht zwar aus rund 7100 Inseln und Inselchen, gilt aber im Großen und Ganzen als stabil. Für den Süden kann man aber eine gewisse Gefährdung nicht von der Hand weisen. Insofern werden die Philippinen nicht in viele Einzelstaaten zerfallen, sondern maximal könnte sich ein kleiner Teil abspalten, konkret sehe ich diese Gefahr derzeit nicht.

SPIEGEL ONLINE: Könnten die Geiseln zum Spielball der politischen Kräfte in Manila werden?

Siemers: Präsident Estrada will innenpolitisch Stärke beweisen. In diesem Zusammenhang stehen auch die Kämpfe auf Mindanao mit einer anderen Separatistengruppe. Außerdem hat er es mehrmals abgelehnt, Lösegeld zu zahlen. In der Vergangenheit ist allerdings auch von Behördenseite Geld an Kidnapper gezahlt worden - als Aufwandsentschädigung in kleiner Summe. Doch diesmal ist es Estrada ganz sicher ernst. Die Opposition hat ihm in jüngster Zeit vorgeworfen, Schwäche zu zeigen. Aus diesem Grund will der Präsident keinesfalls eine Intervention von Außen. Er will das Problem selbst lösen. Der Nationalstolz als politische Triebfeder ist auf den Philippinen nicht zu unterschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Estrada könnte also Stärke beweisen wollen. Besteht die Gefahr eines militärischen Eingreifens?

Siemers: Das glaube ich nicht. Erst vor kurzem hat es in einem anderen Entführungsfall einen gewaltsamen Befreiungsversuch durch die Armee gegeben, aber erst nach vier Wochen Verhandlung. Doch die Rebellen sind mit ihren Geiseln, die meisten von ihnen sind Kinder, zunächst entkommen. Estrada kann nicht riskieren, dass bei einer Befreiungsaktion viele Opfer getötet würden. Passend dazu hat die Armee ein Angebot eines Antiterrorkommandos der Polizei abgelehnt, die verschleppten Urlauber zu befreien.

Das Interview führte Alexander Richter