Auf Wiedersehen
Um 11.13 Uhr steigt weißer Rauch auf hinter den Ehrenformationen, acht, neun, zehn Kanonenschläge krachen in den Vormittag, sie klingen nach Krieg. Aber dies ist Heidelberg, Campbell Barracks, Hauptstützpunkt der US-Streitkräfte in Europa, erster Dienstag im Advent.
Ehrengäste sitzen unter weißen Zeltbauten, die in perfekter Symmetrie links und rechts eines hölzernen Pavillons aufgebaut stehen, in seine Mitte sind die Generalsflaggen gepflanzt, blau und rot, je vier Sterne darauf, sie zeigen ein seltenes Gipfeltreffen an. Eine Wachablösung. Eine gute Show. Kommandoübergabe.
General Montgomery C. Meigs tritt ab, es kommt General Burwell B. Bell, zwischen ihnen steht General Joseph W. Ralston im erdigen Rot-Braun des Exerzierplatzes, zwei Fußballfelder, Pappeln ohne Blätter greifen in den grauen Himmel wie große Reisigbesen. Zwölf Sterne haben diese drei Soldaten in Kampfanzügen auf den Helmen, das ist unglaublich viel auf einem Haufen, und jetzt wird das Kommando übergeben.
Mit beiden Händen, mit markigem Griff, nach einem kleinen Stampfschritt vorwärts übergibt Meigs das Banner der US-Landstreitkräfte in Europa an Ralston, dieser gibt weiter an Bell. Den gleichen Weg geht die Fahne der 7. US-Armee, das dauert zwei, drei Minuten, dann ist General B. B. Bell, geboren in Oak Ridge (Tennessee), einer der mächtigsten Militärbefehlshaber dieses Erdballs.
Kommandeur von nun an über 9000 US-Soldaten in Heidelberg, 57 000 US-Soldaten in Deutschland, 62 000 in Westeuropa. Zuständig für ein Einsatzgebiet vom Nordkap bis Südafrika, von Lissabon bis Wladiwostok. Das ist seine »Area of Interest«, 93 Staaten, drei Kontinente. Und manchmal, in Zukunft, wenn es schlechter steht, wird es seine »Area of Operations« sein.
Zum Festakt ist Heidelberger Rathausprominenz gekommen, Abgesandte einiger Bundesländer, Beamte aus deutschen Staatsapparaten, alles zweite, dritte Reihe, in langen Wintermänteln, kein Bundesprominenter ist zu sehen, auch das Pressekorps bleibt klein.
Eingepfercht in ein Quadrat in der Mitte des Platzes steht die organisierte Öffentlichkeit, ein gutes Dutzend Leute mit Fotoapparaten und Stiften, sie machen Bilder und Berichte für ihre Lokalteile wie von der Eröffnung eines Weihnachtsmarkts oder einer Gesellenfreisprechung. Wer ist schon, fast 60 Jahre nach dem Krieg, ein Mr. Meigs gegen Mr. Möllemann, ein Mr. Bell gegen Mr. Müntefering? Was sind die USA in Germany im Herbst 2002?
Der scheidende General, er spricht ein paar Sätze auf Deutsch und klingt wie damals Elvis Presley, er sagt, die Unterstützung der Deutschen sei »großartig«, sie seien für Amerika seit je ein verlässliches »Bollwerk«. Seine Rede klingt wie vor 20 Jahren aufgesetzt, sie fühlt sich an nach guter, alter Zeit. Am Ende werden sie für den Chef »Auf Wiedersehen« singen, und das wird ein rührender Moment sein, weil die Macht der Musik viele Bilder wachruft, jedem die eigenen, wenn es um Amerika geht. Denn dann geht es immer gleich um sehr viel in Deutschland.
Es geht für die Alten um Erleichterung und Aufatmen, um Zimt-Kaugummis und Hershey-Schokolade, von Panzern geworfen, es geht um Rosinenbomber, um Abschreckung und »Sowjetrussland«, es geht um Kalten Krieg. Und dann, später, geht es um politische Erweckung, um Abscheu vor Vietnam, Kambodscha, es geht um 1968 und 1989, um Mauerfall und Vereinigung, es geht, wenn es um Amerika geht, immer gleich ums Große und Ganze für Deutschland, der ganze Staat, seine Gesellschaft sind undenkbar ohne die USA.
Aber dies ist der Herbst des Missvergnügens, es geht um Transitrechte und Überflugerlaubnisse, um Einsatzpläne für Spürpanzer, um Bündnistreue und drohende Angriffskriege und um Deutschlands großes Nein. Niemand spricht in Heidelberg von Eiszeit, das tun sie in Berlin, und sie schauen dabei, zum ersten Mal vielleicht, nicht nach Osten, sondern nach Westen, und dabei fürchten sie sich, gleichzeitig, vor Anfragen aus Washington, vor Briefen aus dem Pentagon. Es ist eine andere Zeit, Herbst 2002, schon Epoche oder nur Episode, wer kann es wissen?
Nach den Donnerschlägen nehmen die Generäle um 11.15 Uhr die Parade ab, die zwölf Sterne umkreisen den Platz. Panzerdivisionen, Fernmelder, Infanterie, Nachschubeinheiten haben Ehrenformationen geschickt, auch die Bundeswehr ist angetreten, 500 Paar Stiefel spiegeln mattschwarz das Dezember-Licht.
Das Musikkorps bedient leichtes Gerät und lässt heitere Märsche hören, »Spirit of the 1st Division«, »Bayerischer Defiliermarsch«, »Dogface Soldier«, über den Köpfen stehen 60, 70 Flaggen, in der Mitte Schwarz-Rot-Gold und Stars and Stripes, ein Sprecher sagt, auf Deutsch und auf Englisch, die Nähe der Banner hier auf dem Platz zeige die »tiefe Verbundenheit beider Nationen und ihre Treue zueinander«.
Die Soldaten führen dazu eine Stunde lang ihr Ballett auf aus »Rührt Euch« und »Stillgestanden«, sie präsentieren ihre Waffen, sie grüßen, salutieren, sie marschieren im Kreis, Deutsche und Amerikaner in einer Kaserne, 60 Jahre nach dem Krieg, in Heidelberg. Sie haben das lange geübt, immer wieder, nicht nur in den Wochen vor dieser Zeremonie; eigentlich üben sie das alles schon seit vielen Jahren, seit Jahrzehnten. Damit alles klappt, wenn es darauf ankommt. Damit nichts schief läuft, im Großen und Ganzen. ULLRICH FICHTNER