Augenzeugen: "Nur noch Ruinen, Schutt und Asche" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Augenzeugen "Nur noch Ruinen, Schutt und Asche"

Dem ersten Erstaunen über ein vermeintliches Feuerwerk folgte schnell die Panik: Die gewaltige Explosion hat die Bewohner Enschedes in Schock versetzt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Enschede - Die Detonation im Feuerwerkslager erschütterte Enschede, als viele Einwohner gerade beim nachmittäglichen Einkaufsbummel in der Innenstadt waren. Ein 27-jähriger Wachmann besuchte ein Kaufhaus, als es plötzlich knallte.

Viele Menschen seien in Panik und schreiend auf die Straße gelaufen, berichtet der junge Niederländer. Er selbst habe im ersten Augenblick an einen Überschallknall oder an die Explosion einer Blindgänger-Bombe gedacht. Er sei dann in den dritten Stock des Kaufhauses gehastet, um sich vom Restaurant einen Überblick zu verschaffen. Von dort sei eine riesige Rauchwolke zu sehen gewesen. Immer wieder seien Feuerwerksraketen in den Himmel gestiegen und explodiert.

Einige Besucher des Restaurants hätten das vermeintliche Feuerwerk mit "Ahs und Ohs" kommentiert. Ihm sei aber gleich klar gewesen, das etwas Schreckliches passiert sei. Nur wenige Menschen hätten gewusst, dass in ihrer Stadt so viele gefährliche Feuerwerkskörper gelagert worden seien.

Eine Malerin erzählt, ihr hätten die Knie geschlottert, als sie den Explosionsknall am Nachmittag gehört habe. Die Frau, die sie in der Innenstadt porträtiert habe, sei aus Angst aufgesprungen und weggelaufen.

Ihr Bruder und ihre Schwester wohnten in der Nähe der Explosionsortes, erzählt die junge Malerin fassungslos. Das Haus ihrer Schwester sei zerstört, das des Bruders Gott sei Dank nicht. Sie habe von ihrem Wohnhaus die Löscharbeiten der Feuerwehrleute beobachten können, die gegen eine riesige Rauchsäule anzukämpfen hatten.

Ein deutscher Kameramann sagte, er sei nachmittags und dann nochmals nach Mitternacht ins Sperrgebiet um den Explosionsort vorgedrungen, obwohl der Aufenthalt dort verboten sei. An vielen Stellen habe es noch gebrannt, unter anderem auch in der Brauerei Grolsch.

Öfters sei noch das Knallen explodierender Feuerwerkskörper zu hören gewesen. Er habe viele Menschen mit Brandverletzungen gesehen, die an Ort und Stelle von Rettungshelfern versorgt wurden. Eine Frau sei herumgeirrt und habe immer wieder den Namen ihrer Tochter gerufen.

Es sei eines der schlimmsten Katastrophen, die er jemals gesehen habe, sagte der Kameramann. Er schätze die Zahl der zerstörten Häuser auf 300 bis 400. "Es ist chaotisch und gespenstisch, man sieht nur noch Ruinen, Schutt und Asche."

Stefan Merx