Augenzeugenbericht aus Washington: "Das ist Krieg" - DER SPIEGEL
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Augenzeugenbericht aus Washington "Das ist Krieg"

Wenige Stunden nach den Anschlägen jagen noch immer Krankenwagen durch Washington, und in der Luft knattern Hubschrauber über das Pentagon, die Ausschau nach neuen Flugzeugen halten, die auf die Hauptstadt der einzig verbliebenen Supermacht Kurs nehmen könnten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Innenstadt ist komplett abgeriegelt, kein Durchkommen für die Journalisten, die ihre Fernsehberichte gerne vor dem Weißen Haus aufnehmen.

Zehntausende Angestellte wurden aus ihren Gebäuden evakuiert, aus dem Weißen Haus, dem Außenministerium und dem Justizministerium. Senat und Repräsentantenhaus mussten panisch geräumt werden, weil angeblich ein Flugzeug mit Attentätern unterwegs war. Die Krankenhäuser rufen zu Blutspenden für die Schwerverwundeten im Pentagon auf.

Die Leute sammeln sich in Kneipen, Einkaufszentren und Restaurants vor den Fernsehern. CNN hat das Monopol auf die Berichterstattung. Fassungslos schauen sich die nach Hause geschickten Passanten immer wieder die Bilder aus New York an: In Staub gehüllte Menschen, die weglaufen von den einstürzenden Bauten des World Trade Centers, Menschen mit Gasmasken, eine Mutter, die sich über ihr Kind wirft, um es zu schützen.

"Das ist Krieg", sagen die Leute. Was ist da vorher passiert, in den Flugzeugen, die in die beiden Türme in New York und ins Pentagon in Washington rasten? Haben die Attentäter die Piloten erst umgebracht und sind dann selber in ihr Ziel gerast? Und was ist mit der Maschine, die in Somerset in Pennsylvania abgestürzt ist? Ist sie abgeschossen worden, weil sie eigentlich nach Washington fliegen sollte - um das Weiße Haus zu treffen?

Washington ist eine kleine Stadt, jeder kennt jemanden, der drüben über dem Potomac im Pentagon arbeitet. Keiner weiß, wie viele von den 24.000 dort Beschäftigten getötet oder verwundet sind. Dass die Krankenhäuser noch immer, Stunden nach dem Attentat, zum Blutspenden aufrufen, lässt das Schlimmste befürchten.

So ziemlich alle Amerikaner werden noch nach Jahren erzählen können, wo sie an jenem 11. September zwischen neun und zehn Uhr gewesen sind, als vermutlich vier Flugzeuge entführt worden sind, um die Zentren der Weltmacht USA in die Luft zu jagen.

Aber wo ist eigentlich der Präsident? Er war in Florida, sollte dann nach Washington zurückkehren und ist jetzt offensichtlich auf einer Militärbasis in Louisiana. Bei seiner kleinen Ansprache an die Nation, die gerade über CNN lief, wirkte er fassungslos und aufgewühlt und drohte den Attentätern damit, er werde sie jagen lassen. "Die Entschlossenheit unserer großen Nation wird einem Test unterzogen", sagte er. Auch er wird einem Test unterzogen. Amerika, so ist es nun einmal, wartet gespannt auf die Gegenschläge des Präsidenten.

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