Augenzeugenbericht New York in Hessen
"Tut mir leid, mein Herr, die Brücke ist gesperrt!" Der Polizist legt seinen Arm wie eine Schranke vor meine Brust. Und wirklich: kein Durchkommen. Die sonst so stark befahrene Flößerbrücke in Frankfurt ist leer. Kein Mensch, kein Auto. Nur eine leere Brücke zwischen Sachsenhausen und der Frankfurter Innenstadt. Eine Brücke, ihrer Funktion beraubt. An den beiden Brückenköpfen sammeln sich die Menschen zu dichten Trauben. Ein junger Mann will von den Polizisten wissen, wie er denn nun über den Main in die Frankfurter Innenstadt kommen soll. Da werde er wohl noch eine Weile auf der Sachsenhäuser Seite bleiben müssen, antworten ihm die Polizisten. Man sei im Begriff, sämtliche Brücken der Stadt zu sperren.
Schon von weitem hatte ich die glitzernden Blaulichter entlang des winterlichen Mains gesehen. Aus der Ferne hatte ich noch vermutet, das Hochwasser sei doch weiter über die Ufer getreten, als man es prognostiziert hatte. Das kommt jedes Jahr vor. Nichts besonderes. Doch als ich mich der Flößerbrücke näherte, fiel mir auf, dass niemand auf den Brücken, niemand auf den Uferstraßen runter zum Fluss schaute. Die Menge starrt gebannt in den Himmel, in Richtung Frankfurter Skyline.
"Da ist er!"
"Warum ist die Brücke gesperrt?" frage ich den Polizisten. Der Beamte zögert, als wisse er nicht, ob er die Information weitergeben solle. Schließlich sagt er, ein Flugzeug kreise über der Frankfurter Innenstadt, mehr wisse man noch nicht, es handele sich um eine reine Vorsichtsmaßnahe. Ich blicke in den rötlichen Abendhimmel über den Hochhäusern der Frankfurter City. Nichts zu sehen. Ich suche mit zusammengekniffenen Augen. Und auf einmal: Ein kleiner schwarzer Punkt taucht hinter dem Turm der Commerzbank auf. "Da ist er!", brüllt ein Mann mit Fernglas neben mir. Er zeigt in Richtung Commerzbank-Tower. In die EZB stürzen wolle sich dieser Verrückte, lässt er mich wissen. Ich verfolge die Bahn des kleinen Fliegers über den Hochhäusern, aus der Ferne sieht es wie ein Segelflugzeug aus.
Die umgeleiteten Autos verstopfen das Sachsenhäuser Ufer, das Hupen der im Stau Stehenden schwillt an. Ein Feuerwehrwagen rast mit Blaulicht über die menschenleere Brücke. Die Menschen fotografieren die Frankfurter Skyline, wollen den Kamikaze-Piloten im Bild festhalten. Das winzige Segelflugzeug wird auf den Fotos aussehen wie ein Staubkorn. Sie knipsen die Polizisten, die Einsatzkräfte der Feuerwehr, sie fotografieren sich gegenseitig. Keiner weiß, was da eigentlich los ist, am Himmel über Frankfurt. Aber jeder weiß: Das kommt nicht alle Tage vor. Und man wird es in den Nachrichten im Fernsehen sehen. Andere verbreiten die Sensation, in deren turbulenten Mittelpunkt sie sich gerade selbst befinden, per Handy an Freunde und Familie. New York in Hessen! Und man selbst ist mitten drin.
"Das sind doch Phantom-Jets, oder?"
Der Mann mit Fernglas setzt an, mir neue Informationen zu übermitteln, doch ich sehe nur noch seinen geöffneten Mund, seine Worte höre ich nicht mehr. Ohrenbetäubendes Donnern. Als starte ein Jumbo-Jet mitten in Sachsenhausen. Die Menschen drehen sich um, die Hälse in den Himmel gestreckt. Und da kommen sie! Aus Richtung Offenbach. Zwei Stück, hintereinander: Kampfflugzeuge der Bundeswehr. Eine Frau stößt ein Raunen aus. Bisher war es nur eine gesperrte Brücke, so was kann vorkommen. Doch jetzt scheint ihr klar zu werden, dass das Ganze eine größere, eine nationale Dimension hat. Kampfflugzeuge über Frankfurt, hier geht es um Deutschland, um Landesverteidigung. "Das sind doch Phantom-Jets, oder?", ruft ein junger kahlköpfiger Mann, seine Tochter sitzt auf seinen Schultern. Die Bilder des 11. September, wohl für immer tief in unseren Köpfen, vermischen sich mit der Frankfurter Skyline, die vorm winterlichen Abendhimmel glitzert.
Der kleine schwarze Punkt dreht weiter seine Kreise um die Frankfurter Bankentürme. Die Kampfjets kreisen nun auch über der Innenstadt, vielleicht einen Kilometer von dem kleinen Segelflugzeug entfernt, einer stetig hinter dem anderen. Was die Kampfjets eigentlich machen sollen, was sie machen könnten, wenn sich der Verrückte an Bord des kleinen Seglers wirklich in einen der Türme stürzen wollte, kann hier keiner sagen. Doch dass die Bundeswehr mit Kampfflugzeugen über der Stadt ist, das vermittelt den Frankfurtern ein sichereres Gefühl.
"Er dreht ab!"
Neue Einsatzbereitschaften der Feuerwehr rücken an. Überall entlang des Mains sind blinkende Blaulichter der Polizei zu sehen. Wieder und wieder kreist der kleine schwarze Punkt um die höchsten Türme der Republik. Doch auf einmal: "Er dreht ab!" Mein Nachbar presst sich wieder sein Fernglas vor die Augen. Und tatsächlich. Zum ersten Mal seit einer halben Stunde entfernt sich der kleine Punkt von den Hochhäusern, von denen er sich schon eines als Opfer ausgesucht zu haben schien. In südwestlicher Richtung wird er immer kleiner und kleiner, bis er im rötlichen Abendhimmel verschwindet. Gespanntes Warten. Ob er wieder kommt?
Es vergeht eine halbe Stunde. "Ist er wirklich weg?", fragt eine ältere Dame im Pelzmantel die Polizisten, die die Flößerbrücke immer noch gesperrt halten. Über Funk habe man durchgeben, der kleine Segler sei wieder auf dem Frankfurter Flughafen gelandet, beruhigt der Polizist die Frau. "Na Gott sei Dank", die Dame ist erleichtert. Und der Polizist blickt über den Main in Richtung Skyline und murmelt zu sich selbst: "Na, der wird sich heute Abend wohl ein, zwei Fragen stellen lassen müssen."