Flucht aus dem Krisengebiet: Malta bedeutet Sicherheit
Ausländer in Libyen Flucht um jeden Preis
Hamburg - Martin Galea hat es geschafft. Nach einer mehrtägigen Odyssee ist es dem Malteser gelungen, Libyen zu verlassen. Am Donnerstag konnte er seine besorgte Ehefrau in die Arme schließen. Der Mann, der bei Ausbruch der Unruhen auf einem Ölfeld mitten in der libyschen Wüste bei Misurata arbeitete, berichtet von einer abenteuerlichen Flucht. "Ich habe tagelang versucht, zum Flughafen zu kommen", sagte Galea dem "Malta Independent" nach seiner Rückkehr in die Heimat.
"Wir kamen an verschiedenen Straßensperren vorbei, und die Situation wurde immer brisanter, je näher wir Tripolis kamen. Wir haben einfach gemacht, was uns gesagt wurde", so Galea. Er habe häufig Schüsse gehört, vor allem in der Nacht. "Ich habe befürchtet, dass keine Unterschiede zwischen Einheimischen und Ausländern gemacht werden und dass es deshalb gefährlich ist, auf den Straßen herumzulaufen oder jemanden um eine Auskunft zu bitten."
Vor allem Geld spielt eine wichtige Rolle, um das Land verlassen zu können. "Man muss Flughafenmitarbeiter bestechen, um in den Terminal zu kommen. Das ist teuer, aber funktioniert", sagte Galea. In der Nacht vor dem Abflug seien sie des Gebäudes verwiesen worden. Vor dem Flughafen sei die Hölle los gewesen, überall drängten sich Menschen. "Die Gegend gleicht einer Müllhalde", so der heimgekehrte Malteser.
Auch der Brite Ewan Black berichtete vom Chaos am Flughafen der libyschen Hauptstadt. "Der Flughafen ist wie ein Zoo", sagte er dem Sender BBC nach seiner Rückkehr. "Da sind 10.000 Menschen und alle versuchen herauszukommen. Es ist absolut verrückt und praktisch ohne Kontrolle."
Zehntausende Ausländer hängen noch in Libyen fest. Geld in der Tasche und die richtige Regierung im Rücken - das sind zurzeit die Faktoren, die darüber entscheiden, ob und wie man aus dem Krisengebiet kommt. Während für Europäer mehrheitlich Flugzeuge entsandt wurden, holen die USA, China und die Türkei ihre Bürger hauptsächlich per Schiff heraus. Nordafrikanische Arbeiter müssen sich hingegen in überfüllten Kleinbussen über den Landweg zu den Grenzübergängen durchschlagen.
Fähren mit rund 600 Menschen auf dem Weg nach Malta
Nach Angaben der Europäischen Kommission halten sich noch rund 3600 EU-Bürger in Libyen auf. Die Kommission sei in Sorge um die verbleibenden Europäer, sagte die Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton am Freitag in Brüssel. Die Mitgliedstaaten bemühen sich weiter darum, ihre Staatsangehörigen aus dem Land zu holen. Die Lage vor Ort sei schwierig, aber bislang hätten die Behörden des nordafrikanischen Landes die Ausreise von Ausländern nicht behindert, fügte die Sprecherin hinzu. Rund 3400 EU-Bürger hätten das Land inzwischen verlassen.
Starker Wind und raue See behindern die internationalen Bemühungen um Evakuierungen. Eine Nervenzerreißprobe mussten Hunderte Menschen auf zwei Schiffen im Hafen von Tripolis durchmachen: Mehrere Tage lagen die Fähren mit rund 600 Menschen, darunter vor allem Chinesen und US-Amerikaner, an Bord fest. Wegen zu hoher See konnten sie nicht auslaufen. Am Freitag verließ die von der US-Regierung nach Libyen entsandte "Maria Dolores" mit mehr als 300 Menschen an Bord Tripolis in Richtung Malta.
Zahlreiche Länder nutzen Malta als Anlaufstelle für ihre evakuierten Bürger. Drei Kriegsschiffe der Deutschen Marine trafen am Freitag im Hafen von Valletta ein. Von dort sollen das Versorgungsschiff "Berlin" und die Fregatte "Rheinland-Pfalz" nach Angaben aus Militärkreisen möglicherweise noch am Abend zusammen mit der ebenfalls zu dem Verband gehörenden Fregatte "Brandenburg" in die Große Syrte auslaufen. Die Bucht erstreckt sich östlich von Tripolis bis nach Benghasi. Die Schiffe sollen zur Verfügung stehen, um die Evakuierungsaktionen zu unterstützen.
Ein brasilianisches Unternehmen charterte ein Kreuzfahrtschiff, das 3000 Passagiere an Bord nehmen kann und dann in Malta anlegen soll. Zwei griechische Schiffe trotzten am Donnerstag dem starken Wellengang und brachten rund 4500 chinesische Arbeiter von Libyen nach Kreta. Bis zu 15.000 weitere Chinesen sollen mit Fähren nach Kreta gebracht und von dort nach Hause geflogen werden. China kündigte an, erstmals ein Kriegsschiff zum Schutz seiner Bürger zu entsenden.
Vier türkische Militärflugzeuge brachten am Morgen mehr als 400 Türken zurück in die Heimat, wie das Außenministerium des Landes erklärte. Die Türkei hat damit fast 8000 der rund 30.000 Staatsbürger aus Libyen herausgeholt. Acht weitere Militärmaschinen warteten im Mittelmeerraum bei heftigem Wind auf eine Startfreigabe, wie der Nachrichtensender NTV berichtete. In Großbritannien sind bereits die ersten Maschinen mit Heimkehrern gelandet.
"Wir sterben fast vor Hunger"
Besonders dramatisch ist die Situation für die Menschen, die in entlegenen Regionen Libyens festsitzen. Im Südosten des Landes soll ein Gruppe Italiener ohne Zugang zu Nahrungsmitteln eingeschlossen sein. In einem "militärischen Einsatz" würden diese nun abgeholt, sagte Verteidigungsminister Ignazio La Russa dem italienischen Fernsehsender Sky TG-24. "Es ist mein Ziel, alle Italiener, die sich in dieser Region aufhalten, zurückzuholen", so der Minister. Am Donnerstag hatte die Regierung in Rom zwei Schiffe und zwei Militärflugzeuge entsandt. Italienischen Medien zufolge befinden sich noch etwa 400 Landsleute dort.
Menschen aus Entwicklungsländern haben weniger Aussicht auf schnelle Hilfe. Anders als die westlichen Staaten sind ihre Heimatländer allein schon finanziell nicht in der Lage, ihre Rettung zu organisieren. Die meisten Asiaten sind inmitten der blutigen Niederschlagung der Proteste gegen Machthaber Muammar al-Gaddafi auf sich allein gestellt. Rund 100.000 asiatische Arbeiter hängen seit Beginn der Revolte fest. "Wir haben kein Geld, nichts zu essen, wir sterben fast vor Hunger", sagt Kabir Hossain aus Bangladesch.
"Es ist nicht sicher, auf die Straße rauszugehen", sagte der 24-Jährige der Nachrichtenagentur AFP in einem Telefonat. Auf seiner Baustelle mitten in der libyschen Wüste habe er sich vor wenigen Tagen mit 17 Kollegen aus Bangladesch plötzlich verlassen von den Arbeitgebern wiedergefunden. "Sie haben uns gesagt, dass wir selbst den Weg aus dem Land herausfinden müssen", so der junge Mann. Einige seiner Leidensgenossen hätten die Botschaft Bangladeschs um Hilfe gebeten. "Aber sie haben uns nicht geholfen, und jetzt gehen sie schon gar nicht mehr ans Telefon."