Auszeichnung: Kardinal Lehmann ist ein "Schlitzohr" - DER SPIEGEL
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Auszeichnung Kardinal Lehmann ist ein "Schlitzohr"

Franz Josef Strauß war eines, Ephraim Kishon und Bundespräsident Johannes Rau sind es auch - ausgezeichnete "Schlitzohren". Jetzt reiht sich der Vorsitzende der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, in die Riege der prominenten Preisträger ein.
Von Christina Stefanescu
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mülheim/Hamburg - "Herr Wirsing, die Schlitzohren sind wieder da!" So schallte es schon in den siebziger Jahren durch das Gebäude einer Lederfabrik in Rehau in der Nähe von Hof. Denn Händler Werner Bungert stand mit seinen Mülheimer Mitarbeitern mal wieder vor der Tür und wollte einen Sonderposten Häute ordern. Die Oberfranken verpassten den Westfalen, die regelmäßig versuchten, ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen, den schlitzohrigen Spitznamen. "Demnächst gibt es einen Verein, und da müsst ihr alle rein", konterte Bungert den Ausruf eines der Angestellten - der "Internationale Club der Schlitzohren e.V." war geboren.

Auf Initiative Bungerts haben seit 1979 mittlerweile 1000 Schlitzohren in 30 Ländern über 1,5 Millionen Euro für verschiedene Projekte gesammelt. Hauptanliegen ist es dabei, Kindern in aller Welt zu helfen. "Das Goldene Schlitzohr" habe man eingeführt, um noch mehr Geld zu sammeln, sagte Bungert zu SPIEGEL ONLINE. Der erste Preisträger war 1985 der damalige Ministerpräsident Bayerns, Franz Josef Strauß.

Ausgezeichnet werden nach Angaben des Clubs aus Mülheim an der Ruhr "Personen, die sich im positivem Sinne clever gezeigt haben". Oder, wie die Duden-Redaktion dereinst Schlitzohren definierte: Menschen, die ihre Ziele listig, durchtrieben verfolgen. Allerdings ist die Auszeichnung an eine Bedingung geknüpft: Der Preisträger muss das Geld an bedürftige Kinder weitergeben, erklärte der Vereinsmitbegründer. Das "Schlitzohr" ist mit mindestens 5000 Euro dotiert, wurde aber in den vergangenen Jahren durch Spenden auf jeweils 25.500 Euro erhöht.

Jährlich werden innerhalb des Vereins Vorschläge für das Schlitzohr des Jahres gesammelt. Drei Kandidaten kommen in die engere Auswahl, erklärte Bungert im Gespräch. Der Vorstand behalte sich vor, aus diesen Dreien in geheimer Wahl das Ehrenschlitzohr zu wählen. Nimmt ein Auserwählter die Wahl nicht an, wie der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, der per Post mitteilen ließ, er habe keine Zeit, nach Mülheim zu kommen, fällt die Ehrung aus.

1989 wurde das "Cleverle" Lothar Späth zum Schlitzohr. Sein Laudator charakterisierte Späth, der derzeit in Edmund Stoibers Kompetenzteam als Mann für die Wirtschaftspolitik fungiert, mit folgenden Worten: "schlau, listig, pfiffig, verschmitzt, gewitzt, schwäbisch knitzig, aber auch ausgekocht und raffiniert." Späth konterte bei der Preisverleihung : "Mit allen Wassern gewaschen zu sein, könnte ja auch bedeuten, dass Schlitzohren die einzig wirklich Sauberen sind."

Warum aber ist ausgerechnet Kardinal Lehmann das Schlitzohr des Jahres? Die Antwort wollte Bungert nicht verraten. Die Begründung für die Vergabe des Ehrenpreises an den Mainzer Bischof erfolgt bei der Preisverleihung durch die Laudatoren. Aus denen machte Bungert indes ein großes Geheimnis. Man versuche, neben der Preisträgerin des vergangenen Jahres, n-tv Talkerin Sandra Maischberger, eine weitere, sehr prominente Persönlichkeit für das Lob auf Kardinal Lehmann anzuwerben. "Spruchreif ist jedoch bisher nichts." Auch ein Termin für die diesjährige Preisverleihung stehe noch nicht fest. "Wir warten aber auf jeden Fall noch bis nach der Bundestagswahl."

Im Bistum Mainz wurde die Nachricht begeistert aufgenommen. Kardinal Lehmann habe sich sehr über die Auszeichnung gefreut, meldete sein Sekretariat an SPIEGEL ONLINE. Es sei aber noch nicht entschieden, für welchen sozialen Zweck die Diözese das Preisgeld verwenden werde.