Elterncouch Wenn das Baby fast die Liebe killt
Eigentlich sollte alles so schön sein mit dem neuen Baby. Dann folgen Vorwürfe, Streitereien, schlechtes Gewissen. Wie können Eltern solche Probleme lösen? Kaum. Aber es lohnt durchzuhalten.
Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.
Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.
Ich sitze im Keller und schleife ein Brett.
Ich sitze im Keller, schleife ein Brett und bin unglaublich wütend.
Der Schwingschleifer surrt in meiner Hand. Holzstaub im ganzen Raum. Ich schwitze, ich schleife, ich lege mich richtig rein. Denn ich bin wirklich, wirklich wütend.
Ich bin wütend, weil... ja, warum eigentlich? Therese und ich saßen mit Willem im Auto. Er hat schon eine Weile geschrien. Er hat geschrien, wir auch. Am Anfang noch, damit wir uns verstehen, aber irgendwann wird irgendwie aus all der Schreierei ein Streit. Als wir zu Hause ankommen, schreit Willem immer noch. Wir auch. Therese geht ins Wohnzimmer, ich in den Keller.
Ich sitze also im Keller, schleife und bin so absurd wütend, dass ich - wenn ich nicht so unglaublich wütend wäre - über mich selbst lachen würde.
Die meiste Zeit lieben wir uns
Seit Willem vor zehn Wochen geboren wurde, streiten wir oft. Seit er auf der Welt ist, gibt es bei uns etliche Gründe für Streit. Und alle sind letztlich zu albern und nichtig, sie hier aufzuzählen. Sie können hier aber gern die Probleme einsetzen, die Sie mit Ihrem Partner haben, seit das zweite Kind da ist.
Bitte sehr:
Aber das wird weder Sie noch Ihre Beziehung weiterbringen. Denn die Probleme sind nicht das Problem.
Therese und ich sind seit 16 Jahren zusammen, seit acht Jahren verheiratet. Und die meiste Zeit lieben wir uns. Über Strecken sogar sehr. Ich glaube, das liegt auch daran, dass wir beide die bestmöglichen Versionen beim anderen hervorlocken.
Doch seit wir zu viert sind - Therese, Willem, der vierjährige Benjamin und ich - sind die besten Versionen von uns irgendwo unter Babyschreien, Schlafmangel, Familienerkältungen, Krankenhausbesuchen wegen einer Fistel am Säuglingshintern und und und verschüttet.
Zu müde, um freundlich zu sein
Es ist merkwürdig, an sich und am anderen zu beobachten, wie wir manchmal zu fertig sind, um freundlich zueinander zu sein. Es ist erschreckend zu merken, in was für absurde Sphären sich die Vorwürfe schrauben, die man dem anderen an den Kopf werfen möchte. Und vor allem: Wie lange man ernsthaft glaubt, dass man im Recht ist. Es ist schlimm zu bemerken, was für eine Wirkung ein immer wieder schreiendes Baby auf die Grundstimmung in einer Familie hat, wie sehr das ein Nervenkostüm verheeren kann - bis man einander anschreit, bis man ungerecht oder sogar gemein ist.
Ich weiß, dass meine Frau ein bisschen sauer auf mich sein wird, wenn sie diese Kolumne liest. Sie wird das als Vorwurf an Willem lesen, als Symptom dafür, dass ich ihn nicht genug liebe. Aber das stimmt nicht. Ich liebe Willem sehr.
Wenn er süß ist, ist er auf die süßeste Weise der Welt süß. Sie kennen das. Diese Art, auf die nur das eigene Kind süß sein kann. Die Art süß, die über mehr als 150.000 Jahre Evolution optimiert wurde und an der vermutlich das Überleben unserer Spezies hängt.
Manchmal sieht er mich so wach und aufmerksam mit seinen blau-braunen Augen an. Manchmal lächelt er. Diese Momente sind wie schmale Türspalte, die den Blick auf den Menschen freilegen, der darauf wartet, sich mit unserer Hilfe zu entfalten. Wunderbare Momente, in denen ich mich Willem unbeschreiblich verbunden fühle. Dann schreit er wieder und die Tür schlägt zu - und es hängt ein Schild dran:
"Diffuse Bedürfnisse - bitte umgehend befriedigen, sonst..."
Was tun, wenn die Beziehung leidet?
Ich bin irre glücklich, dass wir eine Familie sind. Aber wir beide sind auch irre erschöpft und ausgelaugt. Und haben oft ein schlechtes Gewissen deswegen. Deshalb ist es mir so wichtig, das hier einmal hinzuschreiben: Ein Baby ist mitunter extrem anstrengend. Ein Baby und ein weiteres Kind zu haben ist - in unserem Fall - mitunter blanker Wahnsinn.
Ich kann mir vorstellen, dass manche von Ihnen finden, ich übertriebe maßlos und solle mich gefälligst zusammenreißen: Ich freue mich für Sie. Jenen, die diese Momente kennen, wünsche ich Kraft und Durchhaltevermögen. Ich habe aus mehreren glaubwürdigen Quellen gehört, dass die ersten Monate die schwierigsten sind - und dass es kontinuierlich besser wird.
Aber was bis dahin? Was kann man machen, wenn die Beziehung so leidet?
Manchmal, wenn wir lange nicht geredet haben, hilft es zu reden, wenn die Kinder schlafen. Manchmal fühlen wir uns dann wie Teenies bei einer Pyjama-Party. Wenn wir uns lange nicht aneinandergekuschelt haben, hilft auch das. Manchmal wird Sex draus. Aber meistens ist uns das zu anstrengend. Manchmal ist es so hart, dass unsere Beziehung all das wohl kaum überleben würde, wenn unsere Liebe nur ein Gefühl wäre. Gefühle neigen dazu, unter Dauerstress zu ertauben. Deshalb bin ich froh, dass die Liebe zwischen Therese und mir eine Gewissheit ist.
Wie es wäre, alles hinzuschmeißen
Im Alltag hilft es, mir Therese als jemanden vorzustellen, der einen Schwächeanfall hat: Ich versuche sie zu stützen, verständnis- und liebevoll zu sein, zu helfen, wo ich kann, so oft ich kann. Dabei weiß ich, dass ich auch gerade einen Schwächeanfall habe und dass sie so gut und so oft sie kann dasselbe für mich tut. Und so wanken wir gemeinsam durch die Wochen, feiern jeden schönen Moment dreifach - und versuchen, die schwierigen nicht so ernst zu nehmen.
Ich sitze im Keller, ich schleife. Ganz kurz, nicht ernsthaft, aber es ist doch in meinem Kopf, ganz kurz also denke ich darüber nach, wie es wäre, alles hinzuschmeißen. Dann denke ich an Benjamin, an unsere Familie, daran, dass alles Gute besser ist, wenn zu Hause Menschen auf einen warten, die man liebt. Und daran, dass alles Schlimme so ein bisschen weniger schlimm ist.
Ich lege das Schleifgerät weg und gehe hoch aus dem Keller, um mich mit Therese zu versöhnen - und wir streiten uns wieder.
Dann gehe ich wieder runter - und noch mal hoch.
Und wenn es nötig gewesen wäre, hätte ich es noch mal gemacht. Und noch mal. Und noch mal.
Nachtrag:
Während ich diesen Text schreibe, ruft Therese an:
"Wo ist Willems Geburtsurkunde?"
"Weiß ich grad nicht."
"Ich suche hier schon 'ne halbe Stunde mit einem schreienden Kind auf dem Arm. Kannst du jetzt bitte mal überlegen."
"Ich bin hier auf der Arbeit, Mann. Ich kann jetzt echt nicht."
Dann lege ich auf.
Dann überlege ich und schreibe eine SMS:
"Tut mir leid, Hase. Ich muss mich grad sehr konzentrieren."
"Ja, ja. Das Wichtigste habe ich jetzt in der Tüte."
"Ich liebe dich."
Dann schickt sie mir ein Erdbeer-Emoticon und ich bin sehr verliebt.
Wie haben Sie die ersten Monate gemeinsam durchgestanden? Oder sind sie noch mittendrin? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!
Theodor Ziemßen,
Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2
Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.
Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.
Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.