Bad Reichenhall: Wettlauf gegen die Zeit - DER SPIEGEL
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Bad Reichenhall Wettlauf gegen die Zeit

Die Hoffnung, noch weitere Überlebende aus den Trümmern der Eissporthalle in Bad Reichenhall zu bergen, schwindet. Mindestens neun Menschen kamen bei dem Unglück um. In der Nacht drangen die Rettungskräfte erstmals mit Spürhunden in das Innere des Gebäudes vor.
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Bad Reichenhall - Der Mann ist gerade noch herausgekommen: "Es ist alles so irrsinnig schnell gegangen, es hat gekracht und dann kam das Dach runter." Frau und Tochter aber haben es nicht geschafft. Nun wird der Vater von Helfern und Geistlichen betreut, wartet neben der eingestürzten Eislaufhalle von Bad Reichenhall auf Nachricht, ob die beiden überlebt haben.



Doch die Hoffnung schwindet. Von Stunde zu Stunde wird die Lage für die noch rund zehn Vermissten unter den tonnenschweren Trümmern kritischer. "Wer verschüttet wurde, liegt auf einer Eisfläche", sagt Peter Volk vom Malteser Hilfsdienst. Die Verschütteten - sofern sie noch leben - könnten daher nicht nur ihren Verletzungen erliegen, ihn droht auch der Erfrierungstod. Neun Tote haben die Helfer bereits geborgen, darunter sechs Kinder im Alter zwischen neun und zwölf Jahren. Darüber hinaus werden noch rund zehn Besucher der Halle vermisst. Stimmen aus den Trümmern sind jedoch keine zu hören.

Seit gestern Früh schneit es schwere Schneeflocken auf Bad Reichenhall und ganz Südostbayern. Rund um die Stadt herrscht Straßenchaos, Rettungs- und Polizeikräfte müssen sich durch Schneemassen kämpfen, der Zugverkehr ist stark behindert, Hubschrauber konnten anfangs nicht eingesetzt werden. "Die besondere Problematik ist der nasse Schnee, weil der so schwer ist", erklärt der zuständige Kreisbrandrat Rudi Zeif. Unter dem Gewicht des Schnees brach das zur Mitte hin abfallende Keildach der Reichenhaller Eislauf- und Schwimmhalle um 16 Uhr zusammen. Rund 50 Menschen wurden darunter verschüttet.

Hilfe von den Nachbarn

Kurz vor 17 Uhr löste Landrat Georg Grabner Katastrophenalarm fürs Berchtesgadener Land aus. Das hieß: Bündelung aller Kräfte, die Koordinierung ging von der Stadt aufs Landratsamt und den Freistaat über. Weitläufig rund um die Eishalle stehen jetzt die Fahrzeuge des Technischen Hilfswerks, des Bayerischen Roten Kreuzes, des Malteser Hilfsdienstes, der Feuerwehr und der Bergwacht. Die Münchner Allee, an der die Eishalle liegt, ist gesäumt von mehr als fünf Dutzend Polizeifahrzeugen. Insgesamt sind rund 700 Helfer und Retter im Einsatz. Auch die Hilfe der Nachbarn ist deutlich: Schwere Kranwagen und Sattelschlepper tragen österreichische Kennzeichen.

Rundherum, in gleißendes Licht getaucht, heben vier Kräne nach anfänglichen Schwierigkeiten nun das Dach an, damit Retter unter den Schutt vordringen können. Gegen Mitternacht werden die Spürhundstaffeln verstärkt. Überall ertönen Hundenamen in der erleuchteten und schneeumwehten Nacht, immer mehr Führer gehen mit ihren ausgebildeten Lawinen- und Erdbebensuchhunden auf die Ruine zu.

Um an die Verschütteten heranzukommen, gehen die Retter ein Risiko ein. Denn der südöstliche Teil des Daches sei schwierig anzuheben und abzustützen, sagt Kreisbrandrat Zeif: "Aber auch da arbeiten Rettungskräfte."

Über die Zahl der Verletzten gibt es widersprüchliche Angaben: Während die Polizei zunächst von 30 bis 35 Verletzten gesprochen hat, gibt das Landratsamt die Zahl mit 18 an. Darunter seien drei Schwerverletzte und 15 Mittel- bis Leichtverletzte. Alle seien in umliegende Krankenhäuser gebracht worden. Schätzungen der Polizei zufolge befanden sich zum Zeitpunkt des Unglücks etwa 50 Menschen in der Halle - vor allem Kinder. Es ist Ferienzeit in Bayern, das Wetter war schlecht, da gingen die Familien eben in die Eislauf- und Schwimmhalle von Bad Reichenhall: "Das Freizeitparadies mit den günstigen Preisen", lautete ihr Werbespruch.

"Reine Vorsichtsmaßnahme"

Wer für die Katastrophe verantwortlich ist, ist unklar. Schon am Unglückstag selbst wurden Indizien aufgenommen, die Kriminalpolizei begann mit Ermittlungen. Statiker sollen klären, warum das Dach brach.

Vor allem aber bewegt eine Frage die Menschen: Hätte die Halle noch rechtzeitig evakuiert werden können? Die Stadtverwaltung muss sich der gefährlichen Schneelast auf der Betondecke bewusst gewesen sein, denn Angestellte maßen am Mittag deren Schwere. Die Stabilität habe aber nicht in Frage gestanden, sagt Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier.

Weil aber weitere Schneefälle angesagt waren, habe sich der Hallenwart entschlossen, die am Abend anstehenden Trainingseinheiten der Eishockeymannschaften um 15.30 Uhr abzusagen. Dies sei eine "reine Vorsichtsmaßnahme gewesen", erzählt auch Hubert Berger, der Kapitän der Eishockey-Mannschaft. Hätte die Stadt die Eishalle um diese Zeit komplett räumen lassen, wäre wohl niemand zu Schaden gekommen.

In Bad Reichenhall gab es seit längerem eine Diskussion um den Fortbestand der Schwimmhalle, die mit der Eislaufhalle zusammen im vom Schnee zerstörten Komplex untergebracht war. Wegen der neugebauten Rupertustherme wurde über die Schließung der Schwimmhalle diskutiert. Mehr noch: Weil am 12. März in Bad Reichenhall Oberbürgermeisterwahlen anstehen, machte der CSU-Herausforderer von Amtsinhaber Heitmeier (Freie Wähler) die Zukunft der Halle zum Wahlkampfthema.

Die Helfer vor Ort interessieren sich derzeit jedoch nicht für solche Diskussionen. "Wir werden so lange suchen, bis die letzte Person geborgen ist", sagen Kreisbrandrat Zeif und Landrat Grabner. Sie machen weiter, solange es noch einen Fünkchen Hoffnung gibt. Als sechs Stunden nach der Katastrophe eine Frau aus den Trümmern gerettet wird, sagt Georg Grabner: "Das ist ein Zeichen."