Bärenjagd Bruno auf der Flucht
Mittenwald - Sie sind harte Kerle. Sie sind cool. Sie wollen Bruno fangen. Auf ihren knallgelben Westen steht "Jäljestäja". Das ist finnisch und bedeutet Spurensucher. Die vier finnischen Indianer sind am Wochenende vom deutschen Bundesland Bayern und vom österreichischen Tirol aus Skandinavien eingeflogen worden. Das Ziel: Mit ihren fünf Spürhunden sollen sie Bruno alias JJ1 aufspüren, der seit Mitte Mai durch die nördlichen Alpen streift.
Doch immer wieder entwischt Meister Bruno. Ihren ersten Großeinsatz müssen die Hunde Peni, Jeppe, Raikum, Jimmy und Atte am Dienstagmittag abbrechen. In ihrer Heimat gelten die fünf sogenannten Elchhunde mit dem grau-braunen Fell als robust, als besonders wetterfest. Doch die Hunde halten die Hitze nicht aus: Ihre sonst feuchten Spürnasen trocknen aus, sie können den Bären nicht mehr riechen.
Wenn der Bär mal wieder verschwunden ist, taucht er kurz darauf andernorts wieder auf. Inzwischen ist Bruno schon ein Fall für den Verkehrsfunk. Als Bruno gestern um 22.45 Uhr die Uferstraße am idyllischen Sylvenstein-Stausee überqueren will, streift ihn ein Auto. "Es war keine schwere Kollision", erklärt Manfred Wölfl, den die bayerische Regierung gerade als Bärenbeauftragten installiert hat. Am Auto sei nur der Außenspiegel abgeklappt, den Bruno mit dem Kopf touchiert haben muss.
Eine Stunde später nimmt der finnische Suchtrupp die Fährte auf. Schnell zeigt sich: Bruno ist nicht schwer verletzt. Ganz im Gegenteil: Der clevere Bär scheint schwimmend davongekommen zu sein, die Spuren führen direkt in den See. Bären sind gute Schwimmer.
"Wir sind recht frustriert"
Die ganze Nacht suchen die Finnen das Ufer des Sees ab. Vergeblich. Manfred Wölfl ist auch dabei. Am Mittag hat er schwarze Augenringe: "Wir sind recht frustriert", sagt er. Sie seien "sehr nah am Bär dran gewesen, aber jetzt fängt alles wieder von vorn an". Wieder müssen die Viehzüchter der Gegend um ihre Tiere fürchten.
Wie Christian Neuner, dessen Schafe Bär Bruno letzte Woche angegriffen hat. Im bayerischen Städtchen Mittenwald hatte Neuner seine Tiere nur zehn Meter vom nächsten Wohnhaus entfernt auf der Weide stehen, außerdem war das Gebiet durch einen Elektrozaun gesichert. "Ein normaler Bär würde nie so nah an Menschen herankommen", sagt Neuner.
Doch Bruno ist nicht normal. Drei Zuchtböcke im Wert von je tausend Euro schnappte sich der Problembär. Gefressen hat er die jeweils 90 Kilogramm schweren Tiere nicht: "Er hat nur Lunge und Leber vertilgt", sagt Neuner. Der Anblick der furchtbar zerfetzten Tiere "hat mich schockiert", erinnert er sich. Es habe "ein paar Tage gedauert, bis ich das verarbeitet hatte", so der Schafzüchter, "die ersten Nächte habe ich nicht schlafen können."
Ein Bär, ein Problem, ein Problembär
Brunos Leben hängt jetzt am Erfolg der Finnen. Bayern und Tirol haben den Jägern aus Skandinavien zwei Wochen Zeit gegeben, um ihn lebend zu fangen. Die Erlaubnis zum Abschuss ist bis dahin ausgesetzt. Davon freilich weiß Bruno nichts. Und so läuft er weiterhin tapfer davon.
Klar, sagt Züchter Neuner, das Umweltministerium habe "super reagiert": Der materielle Schaden ist ihm umgehend ersetzt worden. Das aber sei "nur ein Trostpflaster". Da seien sie sich alle einig, die Hobby-Schafzüchter von Mittenwald, berichtet Neuner von einer Versammlung am Vortag: "Den ideellen Wert der Schafe kann man nicht ersetzen."
Neben Neuner nickt seine Freundin Cordula Unterweger stark zustimmend mit dem Kopf. Was den einen Katzen oder Hunde bedeuteten, das seien eben Schafe und Ziege für die anderen. Und dann erzählt sie von ihrer Lieblings-Ziege, die die Bärenattacke überlebt hat: "Meine Ziege ist jetzt im Stall, die lass' ich erst mal nicht mehr raus, solange der Bär noch in der Gegend ist." Und Christian Neuner kratzt sich erst am Kopf, presst dann die Lippen aufeinander: "Jaja, wenn es die Ziege erwischt hätte, dann wär' hier aber Staatstrauer angesagt."
Bärenanwälte für Bayern
Deshalb soll der Bär doch bitteschön nicht mehr in die Gegend von Mittenwald kommen: "Der soll weg", sagt Neuner, "hier ist für ein solches Wildtier kein Platz." Bruno müsse dahin, wo er keinen Schaden anrichten könne, in ein Tiergehege zum Beispiel. Trotz Ärger und Schock also soll Bär Bruno leben? "Wir wollen nicht, dass er getötet wird", sagt Neuner. So sieht das die ganze Stadt. Die meisten Mittenwalder sitzen gerade beim Kaffee im sonnigen Garten und haben keine Angst vor Bruno: "Ach Quatsch", sagen sie, "der soll leben, und die Schäfer bekommen eine Entschädigung. Fertig."
Bayern Bärenbeauftragter Wölfl freut sich über die entspannte Haltung der betroffenen Bevölkerung. Bald soll in Bayern ein sogenannter Bärenanwalt bestellt werden, der die Bevölkerung über die Tiere aufklärt. Nach österreichischem Vorbild. Denn dort sind für die Raubtiere nichts Ungewöhnliches, rund 20 von ihnen leben im Land. Ganz anders in Bayern: Als Bruno im Mai das erste Mal hierher kommt, war er der erste Vertreter seiner Gattung seit 170 Jahren.
Bären seien in Bayern willkommen, sagt Wölfl - wenn es nicht gerade solche Problembären wie Bruno seien. Durchaus möglich, dass sich in den nächsten Jahrzehnten wieder einige wenige Bären in Bayern ansiedeln. Doch zunächst muss Bruno aus dem Verkehr gezogen werden. Aber das kann dauern. In Tirol wurde zum letzten Mal im Jahr 1892 nach einem Bären gefahndet. Die Jäger waren schließlich auch erfolgreich - nach sechs Jahren.