Bangen im Exil: "Der stirbt nicht" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Bangen im Exil "Der stirbt nicht"

Verzweifelt beobachten die Exil-Iraker am Fernseher das Bombardement in ihrer Heimat, allerorten diskutieren sie, wie lange Saddam noch durchhält. Die meisten wünschen sich eine Art Quadratur des Kreises: Einen Irak ohne Diktator. Aber bitte ohne Krieg, und, vor allem, ohne Amerikaner.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Nein, nicht eine einzige Stunde habe er geschlafen in den letzten zwei Tagen, versichert Kais Al-Hassany, 33-jähriger Flüchtling aus dem Irak. "Wie kann ein Mensch schlafen, wenn die Heimat bombardiert wird?" Als im letzten Golf-Krieg die Bomben fielen, kämpfte Al-Hassany noch für Saddam Hussein, zitterte in einer nicht unterkellerten Bagdader Kaserne jede Nacht um sein Leben. Jetzt hat der ehemalige Soldat Angst um Vater und Mutter, um Brüder und Schwestern, die alle noch im Zentrum der irakischen Hauptstadt wohnen.

Ununterbrochen flimmern in seiner kleinen Wohnung am Hamburger Stadtrand die Fernsehbilder vom Krieg: Feuerbälle am Horizont, Menschen mit Gasmasken, Politikerköpfe. Manchmal möchte der gläubige Muslim abschalten und einfach weglaufen. Aber dann bleibt er doch sitzen wie unter Zwang, verzweifelt, wütend.

"Ich hasse Saddam Hussein, er ist kein Mensch", sagt er, einerseits. "Ich hasse den Krieg", verkündet er, andererseits. Zwiegespalten wie Al-Hassany sind viele der rund 70 000 Iraker in Deutschland. Die meisten wünschen sich eine Art Quadratur des Kreises: Einen Irak ohne Saddam, ohne Diktatur. Aber bitte ohne Krieg, und, vor allem, ohne Amerikaner.

"Bush geht’s nicht um Saddam, er will Kontrolle über die Region", vermutet Munir Mihdiy, seit 1990 in Hamburg ansässig. Der selbständige Bauingenieur aus Nadschaf, südlich von Bagdad, sitzt mit der ganzen Familie vor dem Fernseher: der Ehefrau Beate, einer Polin, den Söhnen Syraj und Heider, 12 und 13, der Tochter Zeinib, 15. Alle starren auf die Endlos-Schleife mit immer neuen Schreckensbotschaften: "Heftige Kämpfe in Basra." "Skud-Raketen auf Kuweit." "Explosionen in Bagdad."

Die Kinder, die den Irak nur von kurzen Ferienaufenthalten bei den Großeltern kennen, können die heillose Aufregung des Vaters nur schwer verstehen: Sie fühlen sich als Deutsche, wollen nicht hineingezogen werden in diese beängstigende Welt von Terror, Krieg, Tod. Würden lieber MTV gucken.

Den Vater plagt ein schlechtes Gewissen. "Wenn ich die Bilder sehe", gesteht er, "schäme ich mich, dass ich hier sicher und warm sitze und nichts tun kann außer bedauern."

Gerade werden auf dem Bildschirm irakische Soldaten gezeigt, die Reportern erklären, warum sie getürmt sind: Wenig Sold, miserable Verpflegung, Schikanen, Angst. Propaganda? "Ach was, ich glaube ihnen aufs Wort", sagt Munir Mihdiy, "warum sollen sie für Saddam sterben?" Bei einem Besuch in Bagdad im vergangenen Jahr hätten ihm selbst Offiziere gestanden, dass sie im Kriegsfall sofort überlaufen würden. "Ich habe meine Mutter in Bagdad erreicht", ruft Amer Al-Robaie, aus dem Irak geflohener Computerspezialist, zur Zeit arbeitslos. Den ganzen Tag hat er die Nummer gewählt, über dreihundert Mal, ist meistens schon bei der Vorwahl "009641" gescheitert.

Doch plötzlich, als er schon nicht mehr daran glaubte, hörte er am anderen Ende die Stimme der Mutter. Über Wassermangel habe die Frau geklagt, und über die lähmende Furcht in den Bombennächten. Er habe fest versprochen, für sie zu beten.

Mit anderen Landsleuten, ebenso aufgewühlt wie er, hat sich Al-Robaie in der Hamburger Moschee der Exil-Iraker versammelt, einem in der Renovierung stecken gebliebenen weißen Gebäude im Industriegebiet. In normalen Zeiten treffen sich die Gläubigen hier nur samstags zum Gebet. Aber jetzt, während des Krieges, halten viele die Spannung nicht alleine aus.

Mitten im Gebetsraum haben die Muslime einen großen Fernsehapparat aufgestellt, gucken gemeinsam al-Dschasira, den arabischen Nachrichten-Sender. Fast jedes Mal, wenn auf dem Bildschirm Raketeneinschläge zu sehen sind, wenn sich die Stimmen der Reporter überschlagen, springen die Männer auf, schreien, gestikulieren. Alle haben Verwandte im Irak.

Erregt werden die Bilder diskutiert. Ist das wirklich der echte Saddam, der da, mit ungewohnter Brille, eine Rede hält? Die Meinungen gehen auseinander. Nur einer seiner vier Doppelgänger, behauptet einer, deutet auf die Backen des Diktators: "Viel zu dick." "Aber die Stimme, das ist doch seine Stimme", wendet ein anderer ein.

Auch über die Frage, wie lange sich der Despot hält, gibt es Auseinandersetzungen. "Höchstens noch drei Tage." "Zwei Wochen." "Mindestens drei Monate."

Moscheebesucher Ali Al-Mosawy, seit vielen Jahren Regimegegner, ist als einziger völlig pessimistisch. "Ich fürchte, er bleibt", sagt er, "den kriegt keiner weg, selbst die Amerikaner nicht." Und, nach längerer Pause: "Der stirbt auch nicht."

Mehr lesen über