Der alte Mann lässt sich von vier Verteidigern eskortieren, als er am Morgen den Saal im Landgericht Bonn betritt. Der Trupp wirkt wie ein Schutz gegen all die Reporter, Fotografen und Kameras auf den letzten Metern zur Anklagebank.
Christian Olearius, viele Jahre Chef der Hamburger Warburg Bank, verkörperte einst das Idealbild eines hanseatischen Kaufmanns. Mit 81 ist er nun das erste Bankoberhaupt, das wegen jener Betrügereien vor Gericht steht, die unter dem Kürzel Cum-ex inzwischen gut bekannt sind.
Über Jahre haben Finanzakteure den Staat um Milliarden geprellt. Banker, Investoren, Berater, sie gaukelten dem Finanzamt Ansprüche auf Steuergutschriften vor, die nie bestanden. Zahlreiche Akteure sind bereits verurteilt worden. Der Prozess gegen Olearius ist der bis dato wohl prominenteste Fall.
2023
Kriege, Klima, künstliche Intelligenz: Die Welt im Wandel
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Die Staatsanwaltschaft wirft ihm besonders schwere Steuerhinterziehung vor. Darauf steht Gefängnis. Olearius sieht sich als Opfer von Justiz und Medien. Er habe die Geschäfte weder gewollt noch verstanden. Und plädiert auf unschuldig.
Das Interesse an dem Prozess ist auch deshalb groß, weil der Kanzler in der Causa eine dubiose Rolle spielt. Als Olaf Scholz noch Hamburger Bürgermeister war, hat er Olearius mehrfach empfangen. Olearius wollte verhindern, dass seine Bank immense Beträge an den Fiskus zurückzahlen muss. Scholz sagt heute, er habe in der Sache nie Einfluss genommen.
Unklar bleibt, warum er sich so eigenartig verhält. Die Gespräche mit Olearius – insgesamt drei 2016 und 2017 – gab er zu, als Journalisten sie enthüllten. Jahre später. Erinnern könne er sich daran nicht. Ist das zu glauben?
In Hamburg prüft ein Untersuchungsausschuss die Sache. Doch auch im vierten Jahr kriegt er Scholz nicht zu fassen. Die Union drängt darauf, ein solches Gremium auch im Bundestag einzurichten. Weil die Ampel in Berlin mauert, landet der Fall im September vor dem Bundesverfassungsgericht.
Los wird Scholz die Sache nicht. Auch im Olearius-Prozess könnte er noch gefragt sein. Als Zeuge. Im nächsten Jahr.