Barbara Rudnik im Interview "Schönlinge finde ich lächerlich!"
SPIEGEL ONLINE:
"Sie war nah dran an der großen Karriere, aber es gab Anfang der achtziger Jahre keine großen deutschen Kinofilme", hat man über Sie geschrieben. Haben Sie die große Karriere verpasst?
Barbara Rudnik: Vielleicht, natürlich aber hat es am Ende auch mit einem selbst zu tun, wie weit man kommt. Man muss es einfach hundertprozentig wollen. Ich glaube, dass mir der ganz große Ehrgeiz immer ein bisschen gefehlt hat. Aber in der Tat gab es Anfang der achtziger Jahre kein deutsches Kino, außer vielleicht "Otto".
SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie nicht unbedingt ins Rampenlicht?
Rudnik: Sich auf allen Festen stets in Pose zu werfen, das ist einfach nicht mein Ding. Und heute werden auf diese Weise sogar ganze Karrieren gemacht, ohne dass das in einem direkten Zusammenhang mit einer Leistung, mit Arbeit stehen muss.
SPIEGEL ONLINE: Prominenz ohne Kompetenz also...
Rudnik:...weil es reicht, lediglich sich selbst, seine Nacktheit oder vielleicht auch seine Dummheit zu verkaufen, um berühmt zu werden. Ich bin geprägt durch das Klima der 68er Generation. Wir hätten damals nie im Traum daran gedacht Werbung zu machen. Heute aber wird man offensichtlich geadelt, wenn man noch die dümmste Idee gewinnbringend vermarktet.
SPIEGEL ONLINE: Ist ein Profi wie Sie angesichts all dieser Naddels und Zlatkos neidisch darauf, mit wie wenig Können diese Leute sehr viel erreichen?
Rudnik: Nein, überhaupt nicht. Sehen Sie, ich war schon vor zwanzig Jahren dabei, und ich bin es heute immer noch. Ich glaube, dass viele von denen, die heute für einen Moment Star sind, schon bald Opfer sein werden. Nehmen Sie die vielen jungen Gesichter in den unzähligen Soaps oder auch diejenigen, die "Big Brother" zum Mediendarling gemacht hat. Bald schon werden diese Leute nicht mehr gebraucht. Wie aber sollen sie dann zurückfinden in ein normales Leben? Da wird es sicherlich noch einige tragische Schicksale geben.
SPIEGEL ONLINE: Viele ziehen sich für den schnellen Ruhm aus. Haben Sie selbst Nacktszenen bereut?
Rudnik: Ein-, zweimal habe ich das schon bereut. Weil ich entdeckt habe, dass es einfach nicht die Wahrheit war, dass diese Szenen nun "unbedingt notwendig" waren, wie man mir glauben machen wollte. Dann ist man natürlich enttäuscht. Denn Nacktheit ist immer noch etwas Besonderes, zumindest für mich. Da gibt es auch immer noch Tabus.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch hat Nacktheit heute nicht nur eine andere Quantität, sondern auch eine andere Qualität bekommen.
Rudnik: Das Fürchterliche ist nicht einmal die Nacktheit an sich, sondern die Primitivität, mit der sie fast immer auftritt. Eine Primitivität, die sich geradezu in einer Form von Sprachlosigkeit äußert. Etwas, das mir auch bei "Big Brother" aufgefallen ist. Da wollten sich die Bewohner gegenseitig etwas erklären und sind schlichtweg gescheitert, weil ihr Vokabular nicht ausreichte. Alles ist nur noch "geil" oder super", wirklich verständlich machen aber können sich viele heute nicht mehr.
SPIEGEL ONLINE: Hat die unterhaltsame Fernsehkultur hier zu Lande ausgespielt?
Rudnik: Ich glaube, dass das deutsche Fernsehen im europäischen Vergleich immer noch zu den Besten gehört. Es gibt noch immer hervorragende Schauspieler und auch genügend Stoffe, nur muss man diese auch anpacken. Was diesbezüglich die öffentlich-rechtlichen Sender leisten, halte ich für eine Katastrophe. Wie können sich ARD und ZDF, die von öffentlichen Geldern leben und noch dazu einen Bildungsauftrag haben, so klein machen und nach irgendwelchen Dumm-Quoten gieren? Das ist unwürdig, wo bleibt da das Selbstbewusstsein?
SPIEGEL ONLINE: Ihre unfreiwillige SciFi-Thriller-Parodie "Das Biest im Bodensee" ging gründlich daneben. Woraus ziehen Sie Ihr eigenes Selbstbewusstsein?
Rudnik: Bisweilen sind mir solche Stoffe lieber als Filme, die vorgeben, sich mit einem Thema ernsthaft auseinander zu setzen, letztlich aber nur an der Oberfläche kratzen. Wäre das "Biest im Bodensee" ein richtig gelungener Fantasy-Thriller geworden, dann hätte ich das phantastisch gefunden. Schade, die Amerikaner verstehen sich besser auf solche Stoffe, bei denen kommt entweder Hochspannung pur, wie "Alien", oder komischer Trash wie "Mars Attacks" dabei heraus. Ich liebe diese Filme, die ihr Genre auch bis ins Letzte ausreizen.
SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie sich selbst im Angebot deutscher Schauspielerinnen?
Rudnik: Gäbe es eine Pyramide, um das darzustellen, dann würde ich mich vielleicht unterhalb des Gipfels sehen. Allerdings muss man sich diese Position auch immer wieder neu erkämpfen. Und natürlich gibt es auch eine Angst, dass die Rollen mit zunehmendem Alter weniger werden könnten. Bis jetzt habe ich davon allerdings zum Glück noch nichts gemerkt.
SPIEGEL ONLINE: Wenn man so schön ist wie Sie, fällt das Älterwerden dann besonders schmerzhaft aus?
Rudnik: Ich glaube schon. Entscheidend ist aber wohl auch, was für einen selbst im Laufe eines Lebens wichtig war und ist. Weder in meiner Jugend noch später habe ich erfahren, dass ich wegen meiner Schönheit verfolgt worden wäre. Deshalb hat mein Aussehen nie eine solch Wichtigkeit für mich gehabt; mal fand ich mich schön, mal weniger.
SPIEGEL ONLINE: Demnach spüren Sie keine Angst vor dem Alter?
Rudnik: Sagen wir so, ich möchte nicht daran denken. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die glauben, dass es besonders toll ist, älter zu werden. Schließlich wird einem mit dem Alter auch die eigene Vergänglichkeit immer bewusster. Und auch die Tatsache, dass man irgendwann in ein Lokal geht und nicht mehr zu den Menschen gehört, die begehrt werden, finde ich eher erschreckend.
SPIEGEL ONLINE: Erschreckend und gleich zum Davonlaufen sind für Sie schöne Männer; wie hässlich muss einer sein, damit er Ihnen gefällt?
Rudnik: Na ja, ein Mann muss nicht gleich hässlich sein, eine gewisse Ästhetik stört mich überhaupt nicht, aber ich mag keine Schönlinge. Männer, denen man ansieht, dass sie sich Ihrer Schönheit bewusst sind, die finde ich lächerlich und unmännlich noch dazu.
SPIEGEL ONLINE: Wer gefällt Ihnen?
Rudnik: Der Regisseur und Schauspieler John Cassavetes war so ein Mann und auch Sean Penn gefällt mir. Der ist ja nicht richtig schön, hat aber einfach ein tolles Gesicht. Das sind oder waren durchaus gut aussehende Männer, vor denen man am liebsten nieder knien würde.