Befreite Geisel berichtet "Sie wollen den Gottesstaat"
Algier/Salzburg/Köln - Nach Worten des österreichischen Reiseleiters Gerhard Wintersteller waren die Terroristen mit ihren Geiseln ständig auf der Flucht, sagte er in einem Exklusiv-Interview mit dem "RTL Nachtjournal". "Wir sind ohne Licht in der Nacht gefahren, sind über Steine gerumpelt, so dass ich glaubte, das Auto kann das nicht aushalten."
"Wir waren am Ende"
Später seien die Geiseln mehrmals von einem Wadi in ein anderes Wüstental verlegt worden, in dem sie versteckt gehalten worden seien. Zuletzt seien die Intervalle immer kürzer geworden. Die Entführer hätten gespürt, dass ihnen das Militär auf den Fersen gewesen sei. "Wir hatten jeden Tag einen Nachtmarsch zu hinterlegen. Unsere Kleider, unsere Schuhe waren zerfetzt", sagte Wintersteller. "Wir waren am Ende unserer physischen Kräfte. Wir konnten einfach nicht mehr."
Auch Wintersteller wollte sich nicht zu den Umständen der Geiselhaft und der Befreiungsaktion äußern, damit könnte er seinen 15 Leidensgenossen schaden, die immer noch in der Gewalt der Entführer waren. Nach seiner Ansicht handelte es sich bei den Geiselnehmern um islamistische Terroristen. "Sie beteten jeden Tag und erklärten uns, sie wollen den Gottesstaat in Algerien einführen, sie wollen die Regierung stürzen." Sie hätten Geld gefordert, "um sich Waffen zu besorgen", sagte er. Politische Forderungen hätten sie seines Wissens nach nicht gestellt. Wintersteller war mit sieben anderen Österreichern am 22. März verschwunden.
Nach der Befreiung von 17 der verschleppten Touristen zeigte sich die algerische Regierung optimistisch, dass auch die Geiselhaft der übrigen 15 Vermissten bald beendet werden kann. Er hoffe auf ein schnelles Ende, sagte der algerische Außenminister Abd al-Asis Belkadem in Algier. Die Suche nach den Touristen im Süden des Landes werde intensiv vorangetrieben, teilte das algerische Innenministerium mit.
Die algerischen Streitkräfte teilten mit, die Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) sei für die Geiselnahme verantwortlich. Die Gruppe soll Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida haben. Nach Berichten algerischer Medien spürte die Armee zwei Gruppen rund 1900 Kilometer südlich von Algier in der Wüste auf. Offenbar wurde bislang nur eine der beiden Gruppen angegriffen. Es soll ein stundenlanges Feuergefecht gegeben haben, neun Geiselnehmer sollen getötet worden sein.
Nach Militärangaben hatten Spezialtrupps der algerischen Streitkräfte einen Unterschlupf militanter Islamisten in der Sahara gestürmt und die 17 Touristen befreit. Über das Schicksal der 15 weiteren Touristen - zehn Deutsche, vier Schweizer und ein Niederländer -, die ebenfalls vor rund zwei Monaten entlang der so genannten Gräberpiste verschwunden waren, gab es zunächst keine Informationen. Sie werden in einem Versteck nahe der südalgerischen Stadt Illizi vermutet. Spezialeinheiten seien auf der Suche nach diesem Versteck, berichtete die algerische Zeitung "al-Watan" unter Berufung auf Sicherheitskreise. Nach einem Bericht des "ZDF-Morgenmagazins" sollen die Behörden in Algerien über den Verbleib der Geiseln Bescheid wissen. Ein Reporter sprach davon, sie könnten sich an der libyschen Grenze befinden.
Geiseln "in einer prekären Situation"
Besorgt äußerte sich der Sohn eines noch vermissten Touristen aus Augsburg: Was für die Familien der Geretteten eine große Freude sei, mache es für die anderen Geiseln nur noch schlimmer. Gestern waren sechs deutsche Urlauber sowie ein in Bayern lebender Schwede auf dem Flughafen Köln-Wahn gelandet. Zehn befreite Österreicher kamen wohlbehalten in Salzburg an.
Wir sind froh, dass der erste Teilerfolg erzielt worden ist. Wir sind in großer Sorge, was die zweite Gruppe von Geiseln betrifft", sagte Außenstaatssekretär Jürgen Chrobog am Abend. Er wollte keine Einzelheiten nennen, um die Sicherheit der übrigen 15 Gefangenen nicht zu gefährden. Die 15 befinden sich nach Angaben der Bundesregierung jetzt "in einer prekären Situation".
"Ihr Leben und ihre Unversehrtheit zu sichern, darauf konzentrieren sich jetzt all unsere Bemühungen", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin. Nach Ansicht des Terrorismus-Experten Rolf Tophoven sind die verbliebenen 15 Geiseln in "erheblicher Gefahr".