Benedikts XVI. Inauguration: Eine Premiere in Demut - DER SPIEGEL
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Benedikts XVI. Inauguration Eine Premiere in Demut

Es ist sein erster Sonntag als Papst. Bei seiner Inaugurationsmesse gibt sich Papst Benedikt XVI. selbstbewusst und demütig zugleich und ruft den begeisterten Katholiken zu: "Die Kirche lebt. Und die Kirche ist jung." Ein Satz, den es für "Papa Ratzinger" während seines Pontifikats zu beweisen gilt.
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Hamburg/Rom - Und wieder ist der Petersplatz voll. Gut zwei Wochen nach der Beerdigung von Papst Johannes Paul II. haben sich an diesem sonnigen Vormittag in Rom erneut Hunderttausende vor der Basilika eingefunden. Doch diesmal sind es die weißblauen Fahnen aus Bayern, die das Bild der Menge stark prägen, nicht die rot-weißen Flaggen der Landsleute von Karol Wojtyla. Auch die Stimmung ist natürlich gelöster als am 8. April. Gilt es doch den neuen Papst zu bejubeln, nicht den alten zu Grabe zu tragen.

Und schnell stellt sich heraus: "Benedetto" lässt sich genauso gut skandieren wie "Giovanni Paolo." Natürlich schwebt noch immer auch der Geist Johannes Pauls über dem Platz, die Trauer um den Papst, der es wie keiner vor ihm verstanden hat, die Kirchenmassen mit sich zu reißen. Mehrfach knüpft der Neue dann auch hier an. Unter dem besonders großen Applaus der Menge erinnert Benedikt XVI. an seinen Vorgänger. "Wie verlassen fühlten wir uns nach dem Heimgang von Johannes Paul II." Aber: Auch hier habe der Glaube geholfen. "Durch alle Traurigkeit von Krankheit und Tod des Papstes hindurch ist uns dies auf wunderbare Weise sichtbar geworden." Andeutungen auf eine baldige Seligsprechung seines Vorgängers, wie bei dessen Beerdigung von der Menge gefordert, macht Benedikt jedoch nicht. In der Vergangenheit hat sich Kardinal Ratzinger schon einmal gegen eine Inflation der Heiligsprechungen ausgesprochen. Wojtyla scherte sich darum freilich wenig und sprach während seines Pontifikats rund 1800 Menschen selig oder heilig.

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Amtseinführung von Benedikt XVI.: Nummer 265 ist in Amt und Würden

Foto: AFP

In glaubwürdig wirkender Demut zeigt sich Benedikt bei seinem ersten großen Auftritt. Es ist nicht der große Theologe, der intellektuelle Bücherwurm, als der Ratzinger verschrien ist, der sich den 1,1 Milliarden Katholiken auf der Welt bei seiner Einführung präsentiert. Schon eher der einfache Landpfarrer, der seine Botschaft vorträgt - in fließendem Italienisch mit deutlich bayerischem Einschlag. "Wer glaubt, ist nie allein", erklärt Benedikt XVI. Und dann: "Die Kirche lebt. Und die Kirche ist jung." Fast klingt es wie eine Beschwörungsformel, doch wer in den vergangenen Wochen die jugendlichen Pilgerscharen gesehen hat, könnte leicht zu der trügerischen Erkenntnis kommen, die 2000 Jahre alte Organisation habe keinerlei Probleme mit der Anpassung der Moderne.

"Ich komme bald"

Ob dem so ist, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. "Der Prozess der De-Christianisierung Europas wird sich beschleunigen", schreibt etwa der Politologe Timothy Garton Ash. "Voltaire wäre stolz auf uns." Vielleicht, so Ash, werde Europa am Ende der Amtszeit von Papst Benedikt nicht christlicher sein als zur Zeit seines Namensgebers, des heiligen Ordengründers Benedikt. Und der lebte im sechsten Jahrhundert.

Freilich spricht der neue Pontifex die Probleme der Welt an in seiner rund 35 Minuten langen Predigt: "Es gibt die Wüste der Armut, die Wüste des Hungers und des Durstes. Es gibt die Wüste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerstörten Liebe. Es gibt die Wüste des Gottesdunkels, der Entleerung der Seelen, die nicht mehr um die Würde und um den Weg des Menschen wissen." Benedikt als Rufer in der Wüste - wenngleich kein einsamer: 350.000 Gläubige, so rechnet der Vatikan hinterher vor, sind zu der Amtseinführung gekommen.

An sie appelliert der neue Papst, der sich als "schwacher Diener Gottes" bezeichnet in einem Amt, das alles menschliche Vermögen übersteige. "Betet für mich, dass ich nicht furchtsam vor den Wölfen fliehe."

Klar positioniert sich Benedikt XVI. wie auch sein Vorgänger als Kämpfer für den Frieden: Gewalt und totalitäre Ideologien verurteilt der Papst. "Nicht die Gewalt erlöst, sondern die Liebe", ruft er der Menge zu. "Wie oft wünschten wir, dass Gott sich stärker zeigen würde. Dass er dreinschlagen würde, das Böse ausrotten und die bessere Welt schaffen." Aber die Welt werde durch die Ungeduld der Menschen verwüstet.

Unter den Menschen auf dem Petersplatz befinden sich rund 100.000 Pilger aus Deutschland, vor allem natürlich aus Bayern, der Heimat des Papstes. "Das ist ja wunderbar", versichert das in Marktl am Inn geborene Oberhaupt der katholischen Kirche nach der Messe dem bayerischen Ministerpräsidenten. "Es sind so viele Bayern da; ich habe sie genau gesehen. Ich habe mich so gefreut darüber." Die Einladung Edmund Stoibers in die Heimat nimmt er umgehend an: "Ich komme bald."

Hoffnung auf ein frisches Lüftchen

Die Auguren sind nicht wenige, die genau wissen wollen, wie das Pontifikat Benedikts XVI. aussehen wird, und sich in ihrer Beurteilung auf die Erfahrungen mit Kardinal Joseph Ratzinger, dem Präfekten der Glaubenskongregation, stützen. Doch die ersten Schritte Ratzingers als Benedikt lassen eher vermuten, dass er mehr sein wird als lediglich der Großinquisitor auf dem Stuhl Petri oder eine blasse Kopie von Johannes Paul II.

Mehrmals bekräftigte der oberste Katholik seit seiner Wahl sein Bekenntnis zur Kollegialität und erfüllte viele Gläubigen dadurch mit Hoffnung. Auch das angeblich schon vorbereitete Dokument zur Kommunion für wieder verheiratete Geschiedene und zwei Papiere zur Ökumene könnten ein frisches Lüftchen durch den Vatikan wehen lassen.

Seinen eigenen Stil hat Benedikt ohnehin, wie sich auch bei der Inaugurationsmesse zeigte. Vor den Feierlichkeiten auf dem Platz zog sich der neue Papst zunächst mit einigen Kardinälen in den Untergrund zurück. Am Grab des ersten Vorgängers, des Apostels Petrus, unter dem Petersdom beteten die Kirchenfürsten. Außerdem wurde dem Pontifex zum ersten Mal in der Neuzeit eine mit fünf roten Kreuzen bestickte lange Wollstola umgelegt. Seit der Trennung von Ost- und Westkirche war bisher das kurze Pallium mit schwarzen Kreuzen üblich.

"Er hat nicht das Charisma von Johannes Paul II.", sagt ein Pilger aus Bayern. "Er ist eine andere Person und hat sein eigenes Charisma." Aber auch dieses vermag, Menschen zu begeistern. Als Benedikt XVI. nach der Messe im Papamobil - ohne schusssicheren Aufsatz - durch die Menge fährt, sind die Gläubigen aufgeregt. Eltern heben ihre Kinder in die Höhe, Erwachsene strecken ihre Hände nach ihm aus, einige klettern sogar auf die Brunnen des Platzes, um den Menschenfischer, wie das Amt Petri von der Kirche bezeichnet wird, besser zu sehen. Trotz allen Jubels bleibt es natürlich fraglich, ob Benedikt je ein Medienstar wie Johannes Paul wird. Doch die Sympathien der Gläubigen sind dem Nachfolger des so genannten Jahrtausendpapstes sicher - zumindest heute.

Dominik Baur

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