Havarie der "Costa Concordia": Über 600 Tage auf der Seite
Interview mit "Costa"-Reeder "Wir sind noch nicht durch"
SPIEGEL ONLINE: Herr Thamm, wie fühlen Sie sich jetzt, wo Ihr Schiff, die "Costa Concordia", aufrecht im Hafen von Giglio steht?
Thamm: Ich bin froh und erleichtert. Das Schiff steht in aufrechter Position - genau wie unser Unternehmen. Wir haben das erfolgreiche Bergungsteam Titan/Micoperi engagiert und das gesamte Projekt intensiv begleitet.
SPIEGEL ONLINE: Gleicht das die personelle Fehlentscheidung bei der Einstellung von Kapitän Francesco Schettino aus?
Thamm: Das war keine Fehlentscheidung. Schettino war bis zum Unfall ein guter Seemann. Aber im entscheidenden Moment war er es dann leider nicht.
SPIEGEL ONLINE: Was versprechen Sie sich von dem Prozess gegen den Commandante, in dem Sie derzeit als Nebenkläger auftreten?
Thamm: Ich möchte mich dazu eigentlich nicht äußern. Die Untersuchungsergebnisse der Behörden haben ganz klar nachgewiesen, wo der Kapitän versagt hat. Wenn er die von der Reederei vorgegebene Route nicht verlassen hätte, wäre das Unglück nicht passiert. Nach internationalem Seerecht und auch nach den italienischen Navigationsvorschriften hat der Kapitän erhebliche Befugnisse und darf, den Bestimmungen der Sicherheit folgend, den Kurs ändern. Das ist auch in der Regel in Ordnung. In diesem Fall war es fatal.
SPIEGEL ONLINE: Schettino hat in einem Telefongespräch behauptet, Ihre Reederei habe ihn quasi überredet, die berüchtigte Verneigung vor der Küste Giglios zu vollführen. Hat Costa Crociere je wissentlich ein solches Manöver gebilligt?
Thamm: Nein. Costa Crociere hat im August 2011 in Abstimmung mit der Küstenwache und dem Bürgermeister von Giglio eine Vorbeifahrt an der Insel im sicheren Bereich möglich gemacht. Alles andere ist Spekulation.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es bei Costa Crociere Veränderungen in der Personalpolitik?
Thamm: Wir führen jetzt regelmäßig psychologische Schulungen für Führungskräfte an Bord durch. Dort wird unter anderem eine effizientere Abstimmung zwischen Kapitänen und Offizieren trainiert. Die Havarie der "Costa Concordia" resultiert ja nicht aus einem Mangel an seemännischen Fähigkeiten, sondern aus menschlichem Versagen.
SPIEGEL ONLINE: Bisher wurden etwa 600 Millionen Euro in die Bergung investiert, einen Großteil davon tragen die Versicherungen. Welche Kosten kommen noch auf Sie zu?
Thamm: Für uns ist das hier weniger eine finanzielle Frage. Wir haben jetzt die Aufgabe, das Wrack wegzuschleppen. Ich würde - bei aller Euphorie - das Ganze erst einmal als erfolgreichen Abschluss einer Etappe bezeichnen. Solange das Schiff hier noch liegt, sind wir noch nicht durch. Wir wollen die Insel möglichst unbeschädigt an ihre Bewohner zurückgeben. Geld steht nicht im Vordergrund.
SPIEGEL ONLINE: Costa Crociere hat vor Gericht eine Absprache getroffen und kann nach Zahlung von einer Million Euro strafrechtlich nicht mehr belangt werden. Peanuts im Vergleich zu den Bergungskosten, oder?
Thamm: Die Entscheidung vor Gericht war schwer, und sie nimmt uns nicht aus der Verantwortung. Wir haben und müssen aus der Erfahrung mit der "Costa Concordia" lernen. Wir übernehmen Verantwortung und tragen dafür Sorge, dass so etwas in der Kreuzfahrtindustrie nicht mehr passiert.
SPIEGEL ONLINE: Hat Ihr Unternehmen im Rückblick stark unter dem Unglück gelitten?
Thamm: Ja, das kann man sagen. Für unsere Mitarbeiter war das sehr schwer, auch psychologisch, es sind ja Passagiere zu Tode gekommen. Wirtschaftlich haben wir gelitten, das waren einige hundert Millionen im ersten Jahr.
SPIEGEL ONLINE: Kann der immense Imageschaden durch die erfolgreiche Operation Parbuckling behoben werden?
Thamm: Es kann helfen, denn es war tatsächlich eine historische Operation, wie es sie noch nie gab in dieser Größenordnung. Wir arbeiten hart daran, unsere Reputation zurückzuerlangen.
SPIEGEL ONLINE: Einige Gigliesi werfen Costa Crociere vor, sich auf der Insel wie Kolonialherren benommen zu haben. Man habe es an Respekt mangeln lassen. Besonders empfindlich reagierten einige auf die Anordnung, den Hafenbereich nur noch mit Schild um den Hals zu betreten, auf dem 'Bewohner' stand.
Thamm: Das kann ich nicht nachvollziehen. Wir hatten es mit 400 Journalisten zu tun, Zivilschutz, Küstenwache, Feuerwehr und viele andere waren vor Ort. Wir mussten das alles organisieren, den Fährverkehr vorübergehend einstellen, um die Sicherheit zu garantieren. Ich verstehe aber, dass die Insulaner nach über 600 Tagen Ausnahmezustand langsam ungeduldig werden. Sie wollen, dass das Schiff endlich verschwindet. Das wollen wir auch.