Christopher Street Day in Berlin: Glitzer, Regenbogen und Politik - DER SPIEGEL
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LGBTQ-Party Glitzer, Regenbogen und Politik beim CSD

»Happy Pride« ist überall zu hören, Zehntausende feiern fröhlich beim Christopher Street Day in Berlin und in Stuttgart. Gegen die Gepflogenheiten hält der Berliner Bürgermeister Wegner diesmal keine Rede.
CSD-Parade auf der Berliner Straße des 17. Juni: Noch keine offiziellen Teilnehmerzahlen – aber viele
CSD-Parade auf der Berliner Straße des 17. Juni: Noch keine offiziellen Teilnehmerzahlen – aber viele

CSD-Parade auf der Berliner Straße des 17. Juni: Noch keine offiziellen Teilnehmerzahlen – aber viele

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Clemens Bilan / EPA

Mit Glitzer und Regenbogen geschmückt demonstrieren Zehntausende Menschen beim 46. Berliner Christopher Street Day unter dem Motto »Nur gemeinsam stark – für Demokratie und Vielfalt«. »Die Stimmung ist großartig«, teilten die Veranstalter mit: »Wir haben mehr Menschen für queere Rechte auf die Straße gebracht als erwartet.« Offizielle Schätzungen der Polizei zur Teilnehmerzahl lagen am Nachmittag noch nicht vor, erwartet wurden Hunderttausende Teilnehmer.

Nach einem verregneten Start wurden die Schirme im Laufe des Tages gegen Sonnenbrillen getauscht. Gut gelaunte, mit Glitzer geschmückte und tanzende Menschen dominierten das Bild. »Der Regenbogen ist ein Naturphänomen« und »Pride not prejudice« (»Stolz, nicht Vorurteil«) war auf Schildern der Demoteilnehmer zu lesen. »Happy Pride« hörte man vielerorts.

Auch die Polizei zeigte sich zufrieden. Ein Sprecher sagte, die Beamten blickten in »viele fröhliche und freundliche Gesichter«. 1200 Menschen waren für die Polizei im Einsatz. Zwischenfälle gab es bis zum Nachmittag kaum. Eine Gruppe Rechter in szenetypischer Kleidung habe versucht, zum Aufzug zu kommen, sagte der Sprecher. Die Gruppe sei von Polizisten am Weiterlaufen gehindert worden. Die Überprüfungsmaßnahmen liefen noch.

Es sei die richtige Entscheidung gewesen, auf den politischen Forderungen zu bestehen, urteilten die Veranstalter. »Die Community begrüßt das.« Die Veranstalter des CSD appellieren an die Politik, den Schutz queerer Menschen ins Grundgesetz aufzunehmen. Die Änderung von Artikel 3 des Grundgesetzes müsse noch in dieser Wahlperiode kommen, forderte Aktivistin Sophie Koch in der Eröffnungsrede.

Streit um Grundgesetz-Inititative

In Artikel 3 heißt es unter anderem: »Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.« Hier solle ergänzt werden, dass außerdem niemand »wegen seiner sexuellen Identität« diskriminiert werden dürfe. Unterstützung für die Forderung zeigte Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne), die ein Grußwort hielt.

Hinter den Kulissen hatte es zuvor Streitigkeiten gegeben: Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte bei der Eröffnung des CSD im vergangenen Jahr angekündigt, sich für eine entsprechende Bundesratsinitiative einzusetzen. Aus Sicht der CSD-Organisatoren ist seitdem nicht genug passiert. Wegner hielt deshalb nicht, wie es für den Regierenden Bürgermeister üblich ist, die Eröffnungsrede.

Teilnehmer des Berliner CSD: Eine der größten Veranstaltungen der queeren Community in Europa

Teilnehmer des Berliner CSD: Eine der größten Veranstaltungen der queeren Community in Europa

Foto:

Clemens Bilan / EPA

Am Rande des CSD sagte Wegner dem RBB, er setze sich für eine schnelle Änderung ein, »am besten vor der Bundestagswahl«. Es gebe aber bisher keine Mehrheit dafür.

Der CSD in Berlin gilt als eine der größten Veranstaltungen der lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans-, intergeschlechtlichen und queeren Community in Europa. Die 75 Wagen und Dutzende Fußgruppen, die sich zu Lady Gagas »Born this way« in Bewegung gesetzt hatten, zogen bis zur Siegessäule. Von dort ging es zu Fuß weiter zur Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor. Am Abend sollen dort noch diverse musikalische und künstlerische Acts auftreten. Als Überraschungsgast wurde Herbert Grönemeyer angekündigt.

Teilnehmerrekord in Stuttgart?

Auch in Stuttgart demonstrierten Zehntausende auf der traditionellen CSD-Parade für Gleichstellung und Akzeptanz. Unter dem Motto »Vielfalt leben. Jetzt erst recht!« sollten nach Angaben der Veranstalter 150 Gruppen durch die Straßen zum zentralen Schlossplatz ziehen – der CSD wäre damit der bisher größte in Stuttgart nach 131 Gruppen im vergangenen Jahr.

Einen weiteren Rekord wollen die CSDler ebenfalls brechen: Sie hoffen auf bis zu 500.000 Besucherinnen und Besucher auf der Stuttgarter Demonstration, der anschließenden Kundgebung und bei den Veranstaltungen am Sonntag.

Im vergangenen Jahr habe die Hasskriminalität unter anderem gegen lesbische, schwule, bisexuelle und queere Menschen deutlich zugenommen. »Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein«, kritisieren die Veranstalter in einer Erklärung zum CSD und ergänzen: »Wir dürfen es nicht riskieren, dass unsere Rechte und unsere Art frei zu leben und zu lieben wieder eingeschränkt werden und uns unsere Rechte wieder genommen werden.«

CSD-Kostüm in Stuttgart: 150 Gruppen auf dem Weg zum Schlossplatz

CSD-Kostüm in Stuttgart: 150 Gruppen auf dem Weg zum Schlossplatz

Foto: Deniz Calagan/ dpa

Der Christopher Street Day wird weltweit gefeiert. Die Bewegung geht auf Ereignisse im Juni 1969 in New York zurück. Nach einer Razzia der Polizei in der Szenebar »Stonewall Inn« kam es damals zum Aufstand von Schwulen und Lesben. Hauptschauplatz von Straßenschlachten war die Christopher Street im Künstler-Viertel Greenwich Village.

Demonstrationen zum CSD finden auch andernorts statt, teils auch an anderen Wochenenden, vorige Woche zum Beispiel in Köln. An diesem Samstag gab es Parallelveranstaltungen in Mainz und Trier.

In Mainz demonstrierten laut Polizei rund 3000 Teilnehmende unter dem Motto »Die neuen 20er – Heute Queer morgen ihr«. Sie hielten dabei Transparente hoch, auf denen etwa »Respektiere unsere Existenz oder erwarte unseren Widerstand« oder »Hass ist keine Meinung« zu lesen war. Die Demonstration verlief den Angaben zufolge friedlich und war ruhiger als die Jahre zuvor. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt sehr jung. In Trier versammelten sich laut Polizei etwa 700 Menschen anlässlich des CSD und zogen ab Mittag friedlich durch die Stadt.

Andere politische Ziele

In Berlin haben unabhängig vom großen CSD-Zug auch zahlreiche Menschen unter dem Motto »Queers for Palestine« demonstriert. Für den »antikolonialen, antirassistischen und antikapitalistischen Freiheitskampf« sollten nach Angaben der veranstaltenden Organisation Internationalistische Queer Pride (IQP) rund 15.000 Teilnehmende auf die Straße gehen.

Am Nachmittag versammelten sich zunächst Tausende auf dem Hermannplatz. Von dort sollte der Zug durch Kreuzberg führen. Zu sehen waren dabei etwa Transparente mit der Aufschrift »No Pride in Israel Apartheid« oder »No War But Class War«.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, der CSD in Mainz habe unter dem Motto »Sommerschwüle« stattgefunden. Tatsächlich ist das der Name des Rahmprogramms. Wir haben die Stelle angepasst.

mamk/dpa