Bernsteinschmuggel Brillanten im Benzintank
Hamburg - Irgendwo auf der Hälfte der Strecke von Kaliningrad ins litauische Klaipeda stehen sie. Knapp fünf Kilometer hinter Nidda warten die litauischen Zöllner in einem großen, modernen Gebäude aus beigem Sandstein mit weißem Dach. 300 bis 800 Autos durchsuchen die Männer in 24 Stunden - je nach Saison. Das ist gerade einmal jedes fünfte bis zehnte Auto, das die Grenze passiert. "Mehr schaffen wir nicht", sagt ein Zollbeamter, der seinen Namen nicht nennen möchte. Für Schmuggler ist das Zoll-Problem daher ein kleines Problem: Das Risiko ist kalkulierbar.
Und geschmuggelt wird hier reichlich. "Alles, was Geld bringt", meint der Zöllner mit den kurzgeschorenen grauen Haaren und dem litauischen Staatswappen - ein Reiter mit Doppelkreuz - auf der Uniform, "die Klassiker sind natürlich Wodka und Zigaretten." Die kosten in Litauen doppelt so viel wie im russischen Kaliningrad. Doch seit einigen Jahren haben die Männer ein zusätzliches Problem: Bernstein.
Mehr als neunzig Prozent der weltweiten Bernsteinvorkommen werden in dem Gebiet rund um das einstige Königsberg vermutet; allein das 1993 privatisierte Kaliningrader Bernsteinkombinat Jantarnyi fördert jedes Jahr rund 650 Tonnen des versteinerten Harzes - mehr als 600.000 Tonnen warten noch auf ihre Bergung. In Jantarnyi, das übersetzt nichts anderes als "aus Bernstein" bedeutet, liegt die bernsteinführende Schicht so nah an der Oberfläche, dass sich sogar die industrielle Förderung im Tagebau lohnt.
Kleine Fische, große Steine
Doch die verdreckten, oft nur wenige Zentimeter großen Harzbrocken sind nach der Ausgrabung noch weit von dem durchsichtigen Glänzen entfernt, welches das "Gold der Ostsee" berühmt gemacht hat. Erst Geduld und Geschick der Kunsthandwerker formen aus ihnen die "baltischen Brillanten". Doch die traditionellen Schnitzwerkstätten sitzen in Litauen und Polen. "Meist sind es kleine Familienbetriebe mit ein oder zwei Mitarbeitern", erzählt Zivile Zadeikyte vom Bernsteinmuseum "Amber Gallery" in Nidda. In Russland selbst werde kaum Bernstein verarbeitet: "Zu wenig Sorgfalt, zu schlechte Qualität." Nur: Zwischen den schlammigen Gruben von Jantarnyi, wo der gelbe Stein aus der Erde gewaschen wird, und den Ateliers in Litauen und Polen liegt die Grenze - und eine Hürde in Gestalt der staatlichen Einfuhrsteuer, die so mancher lieber zu umgehen versucht.
Der Schmuggel mit den "Göttertränen" blüht - in den ärmlichen Regionen Osteuropas sind Schwarzhandel und der Verkauf an die Touristen längst zu einer der Haupteinnahmequellen geworden. Die Gewinnspannen der Schmuggler sind riesig: Für ein Kilo Roh-Bernstein reinster Sorte liegt der Weltmarktpreis derzeit bei knapp 900 Euro - ein Vielfaches des durchschnittlichen Monatsgehalts in Kaliningrad.
"Vor einem Monat haben wir im Benzintank eines Lastwagens einen Bernstein gefunden, so groß wie ein Fußball", sagt einer der Zöllner und wirft einen kurzen Blick auf die Papiere eines Lada-Fahrers. "Der fährt jetzt schon die ganze Woche jeden Tag zweimal über die Grenze." Sein Kollege holt die Schäferhunde. Nach zehn Minuten Schnüffeln bellt eines der Tiere; der Beamte schneidet mit dem Taschenmesser ein kleines Loch in den Stoffbezug der Rücksitze: fünf Stangen Zigaretten, sechs Wodka-Flaschen - erlaubt sind fünf Päckchen und ein halber Liter harter Alkohol. Ein kleiner Fisch.
Zöllner beschlagnahmen eine Tonne Bernstein im Jahr
Der Wodka-Rekord der Niddaer Zollstation liegt bei 28 Litern - verschweißt in der Beifahrertür. "Das Einschweißen im Tank, im Bodenblech oder in Türen ist auch für Bernsteinschmuggler ein beliebter Trick", sagen die Fahnder. Auch Aktenkoffer, Konservendosen und Autoreifen sind bevorzugte Verstecke. "Manche stecken sich das Zeug sogar kiloweise in die Unterwäsche."
Hunde helfen bei der Fahndung nach dem geruchlosen Stein wenig, eher schon das Röntgengerät der Station. "Oft geben uns auch die russischen Kollegen einen Tipp", meint ein Beamter, "oder ein eifersüchtiger Konkurrent des Schmugglers." Den Großteil der etwa tausend Kilogramm Bernstein, die der Zoll allein in Nidda jährlich beschlagnahmt, finden sie jedoch nur durch sorgfältiges Klopfen, Abtasten, Horchen und Erfahrung: "Hier gibt es kaum Berufspendler. Wer jeden Tag über die Grenze fährt, ist schon verdächtig."
Vor allem ist Intuition gefragt, wie beim bislang größten Fahndungserfolg: Ein LKW-Fahrer hatte 300 Kilo Bernstein im doppelten Boden seines Fahrzeugs eingeschweißt. Beim Durchsuchen des Laderaums fand ein Zollfahnder, dass seine Schritte merkwürdig hallten - und ließ den Boden aufschweißen.
Meist bedienen sich die Drahtzieher des Schmuggels jedoch sogenannter "Kutscher": Die tragen Anzüge mit Spezialfutter, in dem sich bis zu acht Kilogramm Bernstein verstauen lassen. Zu fünft überqueren sie die Grenze in kleinen Wagen. Der Vorteil: Nur Lastwagen werden immer durchsucht, bei den PKW müssen Stichproben genügen. "Wir können nur einen Bruchteil der Autos untersuchen, zu allem anderen fehlt Personal und Zeit."
"Legale Einfuhr wäre viel zu teuer"
Mehrere zehntausend Menschen sind in Polen und Litauen im Bernsteingewerbe tätig, viele von ihnen illegal. An der Spitze, so das hartnäckige Gerücht, residiert die russische Mafia, mit Verbindungen bis in die höchsten Ebenen von Polizei und Zoll. Ganz unten stehen die Gräber, Schlämmer, Fischer und Taucher, die mit langen Stangen und Käschern, in tiefen Schlammgruben oder auf dem Meeresgrund nach den gelblichen Brocken suchen. Irgendwo in der Mitte stehen die "Skuptschiki", private Zwischenhändler, die die berühmten Schnitzwerkstätten in Polen und Litauen mit Material versorgen.
Gehandelt wird auf kleinen Märkten wie dem von Palanga. Hier kauft auch der Mann von Maja ein, die auf dem Marktplatz von Nidda hinter ihrem Stand auf die Touristen wartet. Mit weit ausladender Geste wischt sie über die zwei aneinandergestellten Camping-Tische, auf denen ihre Ware liegt: Ketten, Ringe, Zigarettenhalter, kleine Elefanten, Frösche, ja sogar ein armlanges Modellsegelschiff - alles aus Bernstein. "Praktisch der gesamte Bernstein im Straßenverkauf wurde ins Land geschmuggelt", sagt sie, "legale Einfuhr wäre viel zu teuer." Ihre sechs Kolleginnen hinter ihren Tischen sagen nichts. Sie nicken nur.
Jeden Tag zwölf Stunden, von Mai bis September, wartet Maja auf ihre Kunden, in guten Zeiten fünfzig am Tag - Besucher aus Deutschland, Dänemark oder Japan, die vom Ausflug zu dem hoch über der Bucht von Nidda gelegenen Thomas-Mann-Haus zurückkommen und ein Souvenir suchen. Maja verkauft, ihr Mann schnitzt - so verdient sich das Paar seinen Lebensunterhalt. Im Winter, wenn die Touristen weg sind, gehen sie schon mal selbst graben, doch das bringt nicht viel: "Ist schwer und kalt", sagt Maja. Deshalb kauft ihr Mann sein Material meist auf dem Markt von Palanga, zu 200 bis 300 Dollar das Kilo.
Karriere einer Stubenfliege
Von den gut 250 farblichen Varianten am begehrtesten ist der klare, gelblich-durchsichtige Bernstein; am teuersten und und seltensten ist der milchfarbene weiße Bernstein aus Harzschaum. Der "Elfen-Bernstein", wie er auch genannt wird, hat für Maja und ihre Kolleginnen allerdings ein großes Manko: Die Touristen halten ihn oft für eine Fälschung.
Dabei lohnt es sich kaum, den Stein an sich zu fälschen - noch gibt es reichlich, und ohnehin werden nur gut zehn Prozent zu Schmuck verarbeitet; der Rest geht als Isoliermaterial oder Schleifmittel in die Industrie. Doch helfen viele Händler bei Größe und Aussehen des Goldharzes ein bisschen nach - etwa indem sie aus zwei kleinen Brocken einen ansehnlichen großen zusammenkleben und hübsch zurechtschleifen.
Vor allem sind es die seltenen und begehrten die Einschlüsse von Insekten oder anderen Tieren, die imitiert werden - kein Wunder, denn die Chance, eine echte Inkluse zu finden, liegt bei etwa 1 zu 1000. "Eine Stubenfliege fangen, zwischen zwei passende Bernsteinbrocken legen und mit Kunstharz verschmelzen - fertig ist die Urzeitfliege im Bernsteinsarkophag", sagt Zadeikyte. Ohne allzu lange zu suchen, kann man an einem der Straßenstände für ein paar Dutzend Dollar auch eine im Harz eingeschlossene Eidechse erwerben. Der Haken: Gerade einmal vier in harzigen Gefängnissen eingeschlossene Ur-Salamander sind als echt anerkannt - weltweit.