Beschleunigtes Vergessen - DER SPIEGEL
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SACHBUCH Beschleunigtes Vergessen

• aus DER SPIEGEL 10/2002
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Irgendwann während der Lektüre fällt dem Leser eine Besonderheit auf: Hier fallen keine Namen von Diktatoren. Hier werden nicht Stalins Grausamkeiten gegen die Hitlers aufgerechnet oder umgekehrt. Es geht Wolfgang Sofsky in seinen »Zeiten des Schreckens« nicht um die Frage, welche Ideologie mehr Menschenleben gekostet hat: Nationalsozialismus oder Kommunismus. Denn für den Soziologen und Publizisten Sofsky, 49, steht fest: »Große Verbrechen benötigen keine großen Ideen.« Tatsächlich pflegt Sofsky in seinem Buch ein zutiefst pessimistisches Geschichtsverständnis. Es ist eine nur schwer zu ertragende Aufzählung menschlicher Grausamkeiten, und es widerlegt die These, die Zivilisation habe Dämme gegen den Ausbruch von Gewalt errichtet. Ganz im Gegenteil, lehrt Sofsky: Das 20. Jahrhundert zeige vielmehr, wie Gewalt sich des Fortschritts bediene. Nicht die individuellen oder kollektiven psychologischen Ursachen für Gewalt stehen im Zentrum seines Interesses, sondern die Logik von Abläufen, vom Amok über das Attentat bis zu Lynchjustiz und Massenvergewaltigungen. Die Zivilisation - mit dieser Erkenntnis schließt dieses neue Schwarzbuch der Geschichte - hat dem Terror nichts entgegenzusetzen. Sie kann lediglich das öffentliche Vergessen beschleunigen.

Wolfgang Sofsky: »Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg«.S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 256 Seiten; 19,90 Euro.

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