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Jugend Besser bewaffnet

Verdirbt Rap-Musik die Jugend? Vorwürfe wegen Totschlags gegen drei schwarze Stars bestärken die Kritiker.
• aus DER SPIEGEL 48/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist kurz nach zwei, wenn Jimmy, 13, von der Schule nach Hause kommt, sich auf sein Bett wirft und den Kassettenrecorder einschaltet. »Rat-tat-tat-tat«, reimt der Rapper Snoop Doggy Dogg, »spät in der Nacht auf der Straße mit meiner Waffe. Ich scheue nicht davor zurück, einen Nigger umzulegen, und wenn ich töte, dann macht es Rat-tat-tat-tat.«

Es gehört zu Jimmys Privilegien, daß er hier in Santa Monica bei Tag und bei Nacht auf die Straße gehen kann, ohne daß er fürchten muß, erschossen zu werden. Er ist weiß, sein Vater ist Architekt. Und sein einziges echtes Problem ist der Pickel, der auf seiner rechten Wange wächst.

Trotzdem ist Jimmy in Gefahr. Er hört »Gangsta-Rap«, jene Musik, die aus den Ghettos der Schwarzen kommt, langsam die weißen Vorstädte erobert hat - und nun dort, wie konservative Kritiker befürchten, gründlich die Jugend verdirbt. Die schwarzen Musiker seien keine Künstler, sondern Verbrecher. Ein Fall für den Staatsanwalt.

Der Streit um gewaltverherrlichenden Hip Hop schwelt seit Jahren. In den letzten Wochen ist er besonders heftig aufgeflammt. Der Grund: Drei schwarze Rapper wurden wegen versuchten Totschlags verhaftet: *___Flavor Flav, 34, Star der Gruppe Public Enemy, feuerte ____auf seinen Nachbarn, weil er sich ärgerte, daß dieser ____seiner Freundin nachgestellt hatte. *___Der Sänger Tupac Shakur, 22, schoß bei einem Streit in ____Atlanta zwei weißen Polizisten außer Dienst durch Gesäß ____und Bauch. *___Der Rapper Snoop Doggy Dogg, 22, saß im Auto, als sein ____Leibwächter einen vermeintlichen Angreifer mit zwei ____Schüssen in den Rücken auf offener Straße tötete.

Das Umschlagen von der symbolischen in echte Brutalität sorgt für Panik in den amerikanischen Medien. »Gangsta-Rap und die Kultur der Gewalt« nannte das Nachrichtenmagazin Newsweek eine Titelgeschichte. Die New York Times fragte: »Ist die amerikanische Jugend verrückt nach der Musik von potentiellen Mördern?«

Wenn Hitparadenplätze nicht lügen, heißt die Antwort: ja. Snoop Doggy Dogg, frei gegen die Kaution von einer Million Dollar, fand seine CD »Doggystyle« auf Platz 1 - das bestverkaufte Rap-Debüt aller Zeiten. Tupac Shakur setzt ebenfalls Platten in Millionenauflagen ab und spielt an der Seite von Janet Jackson im Hollywood-Film »Poetic Justice«. Flavor Flav hält mit seiner Gruppe Public Enemy einen Stammplatz in den Charts.

Natürlich beherrschen alle drei ihr Handwerk; sie reimen schnell, manchmal witzig und oft halsbrecherisch - aber erst das Gangster-Image macht sie in den USA zu Stars, die größer und erfolgreicher als Phil Collins, Barbra Streisand oder Madonna sind. Sie produzieren Musik für Kids, die Filme wie »Terminator 2« sehen und Bücher wie »American Psycho« lesen - gelangweilte Mittelstandskinder auf der Suche nach einem Thrill, der sie noch kitzeln kann.

»70 Prozent aller Gangsta-Hip-Hop-Platten«, meldet das Rap-Magazin The Source, »werden von Weißen gekauft.« Für die meisten Hörer sind die Reime aus den Ghettostraßen nichts als bizarre Szenen aus einer fremden Welt, in der Kinder einander für ein paar Gramm Crack oder auch bloß aus schlechter Laune umbringen; wo Frauen meistens Huren heißen, und wo, sollte eine von ihnen einmal schwanger werden, die Parole der Rap-Gruppe Niggaz With Attitude gilt: »Tritt der Schlampe in den Bauch.«

Crime pays - mit Hip Hop aus dem Underground gibt es eine Menge zu verdienen: Je authentischer, kämpferischer und rücksichtsloser, desto besser verkauft er sich. Ende der achtziger Jahre versuchte die Industrie mit den braven Musterknaben M. C. Hammer und Vanilla Ice dem Rap die Aura des Bösen zu rauben. Doch gleichzeitig kamen Niggaz With Attitude und der Rapper Ice-T; Burschen, die stolz darauf waren, »bad« zu sein. »Ich bin in South Central aufgewachsen«, sagt Ice-T, der Autor des inzwischen entschärften Songs »Cop Killer«, und er habe dort vor allem eines gelernt: »Du solltest immer besser bewaffnet sein als deine Gegner.«

Zu den mächtigsten Männern der Szene gehört der 28jährige Produzent Dr. Dre. Sein Album »The Chronic« (SPIEGEL 44/1993) beherrschte die amerikanischen Charts dieses Jahres. Mindestens ebenso groß wie sein Talent ist sein Strafregister. Sein Kollege Eazy E. hat ihn wegen Betruges verklagt, die TV-Moderatorin Dee Barnes hat Dr. Dre brutal gegen die Wand eines Hollywood-Nachtklubs geworfen, und einem Produzenten hat er den Kiefer zertrümmert. In seinem Song »Deep Cover« sagt er: »It's 1-8-7 on an undercover cop.« 1-8-7 bedeutet im Straßenslang schlicht Mordanschlag.

Die Klänge aus den Notstandsgebieten Nordamerikas spiegeln eineinhalb Jahre nach dem Aufstand von Los Angeles und dem Rodney-King-Skandal die Ghettowirklichkeit, wo die Zukunftsaussichten trostloser denn je sind. Die Chance eines Schwarzen aus Harlem, 60 Jahre alt zu werden, ist geringer als die eines Bewohners von Bangladesch. Bei einem Bevölkerungsanteil von zwölf Prozent sterben dreimal so viele Schwarze wie Weiße durch Kugeln, die Polizisten abgefeuert haben.

Snoop Doggy Dogg besitzt eine Fotografie. Sie zeigt ihn als 17jährigen zusammen mit 27 anderen Jungs - seinem damaligen Football-Team. Drei von ihnen sind verrückt geworden, sieben sitzen im Gefängnis, zwölf sind tot.

Rap, einmal erfunden, um die alltägliche Gewalt in einen Wettkampf mit Worten zu verwandeln, ist längst mehr als die größte schwarze Musikrevolution seit Rhythm & Blues. Für schwarze Politaktivisten gilt Hip Hop als der »schwarze CNN« - nur, von politischen Ideen will die weiße Öffentlichkeit genausowenig wissen wie vom Elend in den Ghettos.

Auch für die Gewalt interessiert sie sich erst, seit sie selber mit zu den Adressaten zählt. »Wenn es in den Songs heißt: ,Bringt euch gegenseitig um, ihr blöden Neger!', dann ist nicht die Rede von Absetzen oder Zensur«, sagt Amiri Baraka, Professor an der Universität von Stony Brook. Die New Yorker Village Voice stellt fest: »Die hysterische Betroffenheit der Medien und weißen Bürgerinitiativen ist reine Heuchelei. Rap macht keinen zum Mörder.«

Der Soziologe Elijah Anderson, Professor an der Universität von Pennsylvania, befindet: »Weil es den meisten Menschen unmöglich ist, im Ghetto auf normale Art ihr Geld zu verdienen, werden Drogenhändler oder andere Kriminelle als Erfolgstypen heroisiert - sie sind die Rollenmodelle der Slumjugend.«

William Raspberry, ein schwarzer Kolumnist der Washington Post, fordert: »Diese Kinder brauchen eine sorgfältige Erziehung, Schritt für Schritt hin zu diesem seltsam wunderbaren Ding namens Mittelschicht. Sie lehnen das ab, nicht weil sie es für total bescheuert, sondern für unerreichbar halten.«

Solche Träume haben selbst Männer wie Snoop Doggy Dogg, den seine Mutter so taufte, weil er ein so langes Gesicht hat wie der berühmte Hund der Peanuts-Familie und seine großen Ohren ebenso schlaff herunterhängen. »Ich will Frieden«, rappt Snoop, »wie damals am 29. April 1992 - dem Tag, an dem die Gangs in Los Angeles die Waffen schweigen ließen. Das fühlte sich gut an. Nie vorher hatte ich ungestört in der Nachbarschaft herumspazieren können, ohne mich in Gefahr zu begeben, weil ich diese oder jene Farbe trug. Alle waren eins.«

An dem Tag, den Snoop meint, brach der große Aufstand von Los Angeles aus. Aber verglichen mit der Hölle, in der er sonst lebte, war wahrscheinlich selbst das ein friedlicher Tag, an dem er endlich einmal seine Ruhe hatte. Y

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