"Big Brother": 100 Tage Langeweile - DER SPIEGEL
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"Big Brother" 100 Tage Langeweile

In Spanien soll es vor laufender Kamera Sex am laufenden Band geben, in Portugal fliegen angeblich Kandidaten raus, weil sie Frauen schlagen. Und wie war "Big Brother" in Deutschland? Einfach nur fad.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hürth - Der Anfang war einigermaßen rasant: Die erste "Big Brother"-Staffel gilt unter Fans als legendär und verbuchte immerhin Zuschauerzahlen zwischen zwei und acht Millionen. Doch die beiden eilends nachgeschobenen Folgestaffeln vermochten das Zuschauerinteresse lediglich mäßig zu fesseln: Die Quoten sackten in den Keller, nur noch selten wurde die Eine-Million-Grenze überschritten. Am 12. Mai endet die dritte und bislang erfolgloseste "Big Brother"-Staffel. Big Brother ist längst kein "must-TV" mehr, man muss es nicht mehr im Auge behalten, um "mitreden zu können".


Haltbarkeitsdatum verfallen

Über 30 Kandidaten zogen in den mittlerweile legendären Wohn-Container in Köln-Hürth ein. Freiwillig ließen sie sich rund um die Uhr von Kameras beobachten - und die TV-Nation sah zu. Der Lohn dafür war üppig, zumindest für einige der Container-Insassen. Sie landeten Nummer-eins-Hits, tingelten durch Talkshows, mutierten gar über Nacht zu Superstars.

Das Beispiel Zlatko Trpkovski hat jedoch gezeigt: Das "Haltbarkeitsdatum" selbst der bekanntesten Bewohner ist begrenzt. Zusammen mit seinem Kumpel Jürgen blödelte er in der ersten BB-Staffel und wusste medienwirksam nicht, wer William Shakespeare war. Kaum aus dem Container gewählt, stürmte "Sladdi" mit "Ich vermiss Dich wie die Hölle" an die Spitze der deutschen Charts. Schnell erkannten findige Endemol-Verantwortliche das kommerzielle Potenzial des gelernten Industriemechanikers und boten ihn in der deutschen Medienlandschaft an wie Sauerbier.

Von den zahllosen Interviews, der eigenen RTL-2-Show "Zlatkos Welt" und der Referenz eines "Stern"-Titelbilds ist mittlerweile kaum noch etwas übrig. Anfang März wurde Zlatko bei der Vorausscheidung zum Grand Prix für "Einer für alle" regelrecht von der Bühne gebuht und sein erster und wohl einziger Kinofilm "Mr. Boogie" droht mangels Nachfrage in der Schublade der Produktionsfirma zu verstauben.

"Sind die wirklich so?"

So verwundert auch das Ergebnis einer Forsa-Umfrage unter mehr als 1000 Personen nicht. Die im Auftrag der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg erstellte Studie belegt: Knapp ein Drittel derjenigen, die ab und zu die Containershow bei RTL und RTL 2 gucken, können nichts mit den Kandidaten anfangen. Etwa 40 Prozent fänden die Sendung einfach uninteressant - und das, obwohl sie die ersten beiden Staffeln regelmäßig verfolgt haben. "Big Brother" hat der Umfrage zufolge vor allem bei den Zuschauern mit hoher Bildung an Attraktivität verloren. Diese Gruppe sei im Gegensatz zu den ersten beiden Staffeln der laufenden Sendung praktisch gänzlich fern geblieben.

Die Wissenschaftler aus Potsdam kommen zu folgendem Ergebnis: "Der Reiz der ersten Staffel lag noch darin, dass 'Big Brother' den Zuschauern Stoff zum Mitfiebern und Rätseln bot. Nie war ganz klar: Sind die Kandidaten wirklich so, wie sie sich im Container geben, oder nicht." Inzwischen sei klar, dass die Kandidaten "draußen" ganz anders seien als "drinnen".

Das Feld der vergessenen Helden

Beispiel Alex Jolig aus der ersten Staffel: Einst berühmt für Unter-der-Decke-Fummeleien im Container vor laufender Kamera, kommt er derzeit bestenfalls dank seines gemeinsamen Kindes mit Szene-Sternchen Jenny Elvers in die Schlagzeilen. Von seinem Charterfolg "Ich will nur Dich" spricht dagegen keiner mehr, ebenso wenig von seinen angeblichen Qualitäten als "Womanizer".

Kurzes Interesse der Fans flammt lediglich noch auf, wenn ein Kandidat das "Big Brother"-Haus verlässt. Angebote wie ein Abendessen mit Walter und ein Florida-Aufenthalt mit Harry - beide aus der zweiten Staffel - erzielten immerhin bei einer Versteigerung noch Preise in Höhe von 15.000 beziehungsweise 36.000 Mark. Sogar noch mehr kassierte Alida, die Siegerin des zweiten "Big Brother"-Durchgangs, für "Playboy"-Nacktaufnahmen. An dem Umstand, dass mittlerweile auch diese drei "Big Brother"-Teilnehmer im Feld der vergessenen Helden ganz hinten dümpeln, ändert das aber nichts.

Vierte Staffel wurde bereits verschoben

Das schwindende Interesse hat konkrete Folgen für die Zukunft des Formats: Die ursprünglich für den Herbst 2001 angesetzte vierte Staffel wurde bereits im Februar diesen Jahres auf das Frühjahr 2002 verschoben, Starttermin soll laut Produzent Rainer Laux März 2002 sein. Und die Kandidaten der dritten Runde werden wohl nicht - wie die Teilnehmer der Staffeln eins und zwei - im Akkord CDs veröffentlichen und zumindest für kurze Zeit zu Stars avancieren. Laux: "Das Publikum zeigt eben nur Interesse an besonders interessanten Charakteren. Und davon hatten wir in der dritten 'Big Brother'-Staffel wohl keinen an Bord". Und daraus ergeben sich wiederum wirtschaftliche Konsequenzen: "Das kommerzielle Potenzial der aktuellen Kandidaten ist nicht allzu groß, die Nachfrage von Zuschauerseite auch nicht. Also warten wir ab, setzen uns mit den Teilnehmern an einen Tisch und sehen zusammen, was in Sachen Vermarktung Sinn macht und was nicht. Spruchreif ist derzeit zumindest noch nichts."

Von Alexander Karnowski, ddp

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