Bilanz Drastischer Anstieg beim Zigarettenschmuggel
Hamburg - Sie sind in Polstermöbeln oder hinter Nudeln versteckt, liegen hinter Paletten mit Woks oder Teegeschirr verborgen: Schmuggelzigaretten aus China überschwemmen den Markt in Europa. "Wir sind in einer gewaltigen Welle, die Organisierte Kriminalität hat diesen boomenden Markt weiter ausgebaut", sagt Michael Kramer vom Zoll in Hamburg. Waren es 1999 noch bundesweit 690 Millionen Schmuggelzigaretten, die Zöllner aus dem Verkehr zogen, wurden im vergangenen Jahr nach Angaben des Kölner Zollkriminalamts mehr als 1,1 Milliarden Glimmstängel gefunden.
"Dabei ist von einem Steuerschaden von bis zu zwei Milliarden Mark auszugehen", schätzt Kramer. Im Bereich der Oberfinanzdirektion Hamburg verzeichnete der Zoll einen noch drastischeren Anstieg: nach 125 Millionen Stück 1999 wurden im vergangenen Jahr rund 350 Millionen beschlagnahmt, darunter 280 Millionen Markenfälschungen.
Moderne Markenpiraterie aus dem Fernen Osten
Der Trend gehe weg von legal hergestellten und exportierten Zigaretten, die später auf dunklen Kanälen zum steuerfreien Verkauf auf dem Schwarzmarkt wieder in Deutschland landen. Inzwischen seien bereits zwei von drei entdeckten Schmuggelzigaretten Fälschungen aus dem Fernen Osten - mit zunehmender Tendenz. "Markenpiraten in China haben ganze Fabriken aufgebaut, von denen aus sie den europäischen Markt überschwemmen", sagt Kramer.
Die meisten dieser im Hamburger Hafen einkassierten Zigaretten "Made in China" sind für den britischen Markt bestimmt. Grund dafür sei, so Kramer, die überhöhte Tabaksteuer. Bei Produktionskosten pro Schachtel von unter einer Mark und Ladenpreisen von umgerechnet etwa 13 Mark können Markenpiraten bei Schwarzmarkttarifen von acht Mark je Schachtel Gewinnraten wie beim Drogenhandel abschöpfen. Solche Profite schaffen laut Zollfahnder Kramer, "den Anreiz zur Bildung gefährlicher krimineller Strukturen".
Verpackungskunst und Tabakpfusch
Nach Angaben des deutschen Verbandes der Cigarettenindustrie stammen etwa sieben Prozent der in der Bundesrepublik gerauchten Glimmstängel aus dunklen Kanälen. In Großbritannien ist es bereits jede vierte Zigarette. Bei beschlagnahmten Schmuggelzigaretten aus China gibt es nach Verbandsangaben im Vergleich zum Markenoriginal Unterschiede bei der Tabakmischung. "Die Verpackung ist allerdings ganz hervorragend gemacht, geringe Unterschiede im Druck sind kaum erkennbar", sagt Verbandssprecher Ernst Brückner.
Jede gefälschte Zigarette verstopfe den Markt für hier produzierte Tabakwaren. Zudem werde das Image der Hersteller in Europa geschädigt. Die Branche versucht darum, Zoll und Polizei im Kampf gegen die Zigarettenmafia zu unterstützen. So stellt der Verband der Cigarettenindustrie jährlich eine viertel Million Mark zur Verfügung, die von den Behörden an Tipp-Geber gegen die Fälscherbanden verteilt werden können. "Wir leiden wie der Fiskus", sagt Brückner.
Von Friedhelm Schatschneider, dpa