Bildungsmisere: Deutschland verbaut seinen Kindern die Zukunft - DER SPIEGEL
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Miriam Olbrisch

meinung •SPIEGEL-Bildungsnewsletter Mangelhaft. Deutschland verbaut seinen Kindern die Zukunft

Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich wünsche Ihnen einen möglichst guten Morgen!

Würden Sie in der SPIEGEL-Redaktion Popcorn verkaufen, das Bildungsteam wäre in den vergangenen Tagen vermutlich ein dankbarer Abnehmer gewesen.

Zunächst inszenierte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) ein Kammerspiel namens »Bildungsgipfel«, bei dem sie auf offener Bühne kein geringeres Ziel formulierte als die »Zusammenarbeit von Bund, Ländern, Kommunen, Wissenschaft und Gesellschaft neu zu denken«. Blöd nur, dass die Hauptdarsteller, die Kultusministerinnen und -minister der Länder, Stark-Watzinger die Show vermiesten und reihenweise ihren Auftritt verweigerten – und zudem das Ganze aus der Ferne mit giftigen Kommentaren garnierten.

Hier hat meine Kollegin Katrin Fromm zusammengefasst, was auf dem Treffen alles nicht beschlossen wurde. Und hier lesen Sie eine nicht ganz ernst gemeinte Rezension des Spektakels.

Zwei Tage später stand das nächste Gipfeltreffen auf dem Programm. Auf der Einladungsliste standen größtenteils dieselben Personen, allerdings in vertauschten Rollen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) gab diesmal den Gastgeber und lud zur 381. Sitzung ebenfalls nach Berlin ein. Stark-Watzinger stieß als Gast hinzu. Trotz der beißend schlechten Stimmung zwischen Bund und Ländern fielen im Anschluss überraschend versöhnliche Worte. Streit? Welcher Streit?

Tatsächlich fragen sich Außenstehende längst, wie viele Hiobsbotschaften das Schulsystem eigentlich noch produzieren muss, damit die verantwortlichen Damen und Herren aus der Politik den Ernst der Lage begreifen. DER SPIEGEL widmet der Bildungsmisere deshalb seine aktuelle Titelgeschichte , die wir Ihnen hiermit wärmstens ans Herz legen möchten.

Wir wünschen viel Freude bei der Lektüre – holen Sie sich gern eine Tüte Popcorn dazu!

Feedback & Anregungen? 

Herzliche Grüße

Miriam Olbrisch
für das Bildungsteam des SPIEGEL

Das ist los

1. Startchancen-Programm kann an den Start gehen

Ein Durchbruch: Die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder sind sich einig , wie das Geld aus dem Startchancen-Programm des Bundes, mindestens eine Milliarde Euro, verteilt werden soll. Zuvor hatte es Streit gegeben, weil einige Länder nicht mit dem Prinzip des Königsteiner Schlüssel einverstanden waren, der sich nach Einwohnerzahl und Steueraufkommen eines Landes richtet. Nun sollen fünf Prozent des Geldes in einen sogenannten Solidaritätsfonds fließen, von dem Bundesländer profitieren, in denen es besonders viele Schulen in schwierigen Lagen gibt, etwa Bremen und Hamburg.

2. Das Abitur der Zukunft

Abiturprüfung in der Aula eines Gymnasiums

Abiturprüfung in der Aula eines Gymnasiums

Foto: Bernd Wüstneck / picture alliance/dpa

2017 hatte das Bundesverfassungsgericht die Vergabe von Studienplätzen nach Abiturnote kritisiert. Das Abitur der verschiedenen Bundesländer sei nicht vergleichbar, so die Argumentation. Nun, knapp sechs Jahre später, hat sich die KMK auf eine Reform – oder zumindest ein Reförmchen – der gymnasialen Oberstufe geeinigt. Die Eckpunkte habe ich hier zusammengefasst . Die neuen Regelungen sollen ab 2027 gelten.

3. Ein virtueller Aushilfslehrer

Zweitklässlerinnen Shery (l.) und Taimi lernen in der Lübecker Paul-Gerhardt-Schule mit der neuen App

Zweitklässlerinnen Shery (l.) und Taimi lernen in der Lübecker Paul-Gerhardt-Schule mit der neuen App

Foto:

Kaja Grope / DER SPIEGEL

Kann ein digitaler Pädagoge Kindern beim Lesenlernen helfen? Das Land Schleswig-Holstein hat eine App entwickelt, die übernehmen soll, was sonst Grundschullehrkräfte leisten müssen. Wie das funktioniert, berichten wir in der neuen Ausgabe des SPIEGEL und auf SPIEGEL+ .

4. Und sonst noch?

Zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert reist ein deutsches Regierungsmitglied nach Taiwan. Zum dreitägigen Besuch von Bettina Stark-Watzinger sei mit Protesten aus China zu rechnen, schreibt die »Süddeutsche Zeitung« .

Bettina Stark-Watzinger (FDP), Bundesministerin für Bildung und Forschung

Bettina Stark-Watzinger (FDP), Bundesministerin für Bildung und Forschung

Foto:

Christophe Gateau / dpa

Wird es auch in Zeiten von ChatGPT noch Hausaufgaben geben, die diesen Namen verdienen? Aber ja, schreibt der Lehrer Ryan Plocher in einem Gastbeitrag auf »ZEIT Online« . Allerdings müsse sich das Wesen der Hausaufgaben verändern.

70 Prozent der Deutschen lehnen den Föderalismus in der Bildungspolitik ab, das ergab eine Umfrage des SPIEGEL. Einzig in Bayern möchte annähernd die Hälfte (47 Prozent) der Befragten, dass Bildung Ländersache bleibt.

Der Deutschlandfunk blickt nach Singapur  – und stellt die Frage, ob das dortige duale Ausbildungssystem für Lehrkräfte auch ein Vorbild für Deutschland sein könnte.

Zahl der Woche

26.000 Schulen in Deutschland profitierten vom Digitalpakt Schule, teilen Kultusministerkonferenz und das Bundesministerium für Bildung und Forschung in einer gemeinsamen Erklärung  mit. Gut dreieinhalb Jahre nach dem Start seien rund 80 Prozent der versprochenen 6,5 Milliarden Euro in konkrete Projekte eingeplant, rund 20 Prozent bereits abgerechnet. Die zusätzlichen Tablets und Laptops aus den Sonderprogrammen für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte seien schon nahezu vollständig in den Schulen angekommen, lobte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger.

Debatte der Woche

Die Situation an Deutschlands Schulen sei das größte Problem der Innenpolitik, sagt der Soziologe Aladin El-Mafaalani. Im Interview erklärt er außerdem, warum heute zu wenige junge Menschen als Lehrerin oder Lehrer arbeiten möchten. Ein Faktor, so El-Mafaalani, seien neue Herausforderungen durch eine veränderte Schülerschaft: »Schule, wie sie heute ist, basiert immer noch auf Annahmen von vor dreißig Jahren, das passt nicht mehr.« Er könne gut verstehen, dass auch die engagiertesten Lehrkräfte an Grenzen stoßen. »Sie wollen das Beste für die Kinder – aber verzweifeln am System.«

Den Lehrerberuf hält er daher inzwischen für vergleichsweise unattraktiv. »Hinzu kommt: Früher wurden junge Menschen auch deshalb Lehrer, weil sie einen sicheren Arbeitsplatz suchten. Wenn aber die Babyboomer in den Ruhestand gehen, wird es auf dem Arbeitsmarkt zum ersten Mal seit mehr als fünfzig Jahren einen Nachfrageüberhang geben. Das heißt: Jeder, der halbwegs qualifiziert ist, wird einen Job finden – er wird ihn sich oft sogar aussuchen können. Sicherheit ist kein Argument mehr.«

Das Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL oder auf SPIEGEL+ .

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Die skurrile Nachricht zum Schluss

In Duisburger Klassenzimmern, berichtet der WDR , sollen Tafeln künftig nur noch trocken oder feucht geputzt werden. Das Amt für schulische Bildung habe einen entsprechenden Hinweis an die Schulen geschickt. Bei zu nasser Reinigung könnte die Unterkonstruktion der Kreidetafeln rosten, das verursache »zusätzliche Kosten.«

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Das war’s für dieses Mal. Haben Sie ein Thema auf dem Herzen, das wir uns einmal genauer anschauen sollten? Dann schreiben Sie gern an bildung@spiegel.de  – das Team der »Kleinen Pause« dankt für Ihr Interesse!


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