Bin-Laden-Helfer gefasst Hohepriester des Hasses hinter Gittern
London - Gerade noch rechtzeitig hatte der gut genährte, bärtige Mann im Dezember 2001 die Koffer in seinen Wagen geladen und war mit seiner Familie davongefahren. Ein paar Stunden später hätten die britischen Sicherheitsbehörden zugegriffen. Denn das Parlament hatte soeben die neuen Anti-Terrorgesetze verabschiedet und die Polizei damit ermächtigt, radikal-islamische Verdächtige festzunehmen. Bei Abu Katada kamen sie zu spät. Der Londoner Prediger wusste genau, dass er einer der Ersten sein würde. Seitdem war er untergetaucht, und trotz intensiver Ermittlungen konnte ihn Scottland Yard nicht ausfindig machen.
Abu Katadas Flucht dauerte bis zum vergangenen Donnerstag. In einer gemeinsamen Aktion stürmten Spezialkräfte von Scottland Yard und dem Geheimdienst MI5 ein Haus im Süden Londons. Diesmal waren sie erfolgreich und konnten Abu Katada festnehmen. Der 42-jährige Prediger wurde sofort in das Hochsicherheitsgefängnis nach Belmarsh gebracht, wo er nach der neuen britischen Gesetzgebung vorerst ohne formale Anklage als mutmaßlicher Terrorist oder als Terrorhelfer festgehalten werden kann.
Das geistige Oberhaupt
Die Festnahme gilt nicht nur unter britischen Fahndern als Erfolg im Kampf gegen das Terror-Netz al-Qaida. Denn Abu Katada, der in seiner Londoner Zeit als Prediger im Gemeindezentrum Four Feathers in der Baker Street Hassreden gegen die USA, Israel und das Judentum gehalten hatte, gilt europaweit als Schlüsselfigur der Islamisten. In Dutzenden von Gerichts- und Ermittlungsverfahren fiel in den letzten Jahren immer wieder sein Name. Häufig stießen Ermittler bei Islamisten auf die Adresse seines kleinen Reihenhauses im Westen Londons. Bei zahlreichen Verdächtigen wurden die Videokassetten gefunden, auf denen der Prediger des Hasses hetzte, zum Heiligen Krieg (Dschihad) aufrief und seinen Anhängern das Paradies durch den Märtyrertod versprach.
Für Generalbundesanwalt Kay Nehm ist Abu Katada deshalb "so etwas wie eine religiöse Autorität" unter den Mitgliedern von Terrorzellen. Auch in zwei wichtigen Verfahren des obersten deutschen Anklägers spielt Abu Katada eine wichtige Rolle. Ein deutscher Geheimdienstler sagte am Freitag gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass Abu Katada fast in jedem deutschen Ermittlungsverfahren "zumindest als spiritueller Lehrmeister für den Terror" auftaucht. Doch Abu Katada ist keiner, der selber einen Anschlag ausführt. Katada ist ein Strippenzieher, einer der möglicherweise maßgeblich an den Planungen für Attentate mitwirkt, junge Männer aufstachelt und untereinander vernetzt hat. "Er ist einer der Knoten im losen Netz der Terroristen, ein sicherer Hafen", sagt ein deutscher Terrorfahnder.
Terroristenjäger in ganz Europa fahndeten nach Katada: Der spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzon beispielsweise nannte den Prediger das "geistige Oberhaupt der Mudschahidin" in ganz Europa. Innerhalb der EU und weit darüber hinaus gibt es viele Ermittler, die nun sicher gern nach London kommen und sich anhören wollen, was die Briten aus Abu Katada heraus bringen.
Katada selbst gab sich bis zu seiner Festnahme immer arglos. Nach den Terrorattacken des 11. September hatte er jegliche Beteiligung an den Anschlägen dementiert. In einem BBC-Interview hatte er jedoch gesagt, dass es die Pflicht eines jeden Moslems sei, sich nicht von den USA "versklaven" zu lassen. Terrorfürst Osama Bin Laden nannte er einen guten Muslim, der das "Anliegen des islamischen Staates" vertrete. Zugleich hatte er freilich vehement bestritten, Bin Laden je persönlich begegnet zu sein.
In Jordanien zum Tode verurteilt
Doch wer ist dieser einflussreiche Abu Katada? Er selbst behauptet von sich, er sei in Betlehem geboren worden. Lange aber lebte der Mann in Jordanien und setzte sich 1989 nach Pakistan ab. Im Jahr 1993 kam er nach Großbritannien und wurde zum anerkannten Asylbewerber.
Seitdem predigte er mehrmals wöchentlich. Und nicht nur die Londoner Islamisten lauschten andächtig. Immer wieder kamen auch Besuchergruppen aus dem Ausland - aus Spanien, Frankreich, Deutschland und anderen Staaten, um dem "guten Muslim" zuzuhören.
Über Videokassetten verbreiteten sich die Hasspredigten des "Botschafters Bin Ladens", wie die britische "Times" ihn nennt, über die ganze Welt. Darin brüllt er beispielsweise Hetzparolen wie diese: Das "Verhältnis von Schwert und Blut" sei das einzig denkbare zwischen Moslems und Nichtgläubigen.
Schon im Jahr 1998 verurteilte ein jordanisches Gericht den "unabhängigen Gelehrten", wie er sich selbst nennt, in Abwesenheit zum Tode. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Abu Katada mehrere Attentäter finanziert hatte, die König Hussein töten wollten. Die Briten hingegen lieferten den Prediger nicht aus, da ihm in Jordanien die Todesstrafe drohte. Und auch in diversen Ermittlungsverfahren spielt Abu Katada europaweit immer wieder eine ähnliche Rolle. So tauchte sein Namen auch mehrmals im Verfahren gegen die Frankfurter Zelle auf, deren Mitglieder kurz vor Weihnachten 2000 wegen eines geplanten Anschlags festgenommen wurden.
Bei einem der mutmaßlichen Frankfurter Terroristen fanden die Fahnder auch die Telefonnummer und Adresse Abu Katadas, außerdem waren die Mitglieder der Frankfurter Zelle über London nach Deutschland gekommen. Die Fahnder glauben deshalb, dass Abu Katada ganz konkret an der Anschlagsplanung beteiligt war und möglicherweise auch Geld zur Verfügung gestellt hatte.
Über Finanzmittel scheint Abu Katada reichlich zu verfügen: Bei einer Razzia fanden die Ermittler in seiner schäbigen Wohnung einmal Geldscheine im Wert von 270.000 Euro - in allen möglichen europäischen Währungen - ein weiterer Hinweis auf Abu Katadas zentrale Rolle im europaweiten Netz der Qaida.
Per Hetz-Video rund um die Welt
Ähnlich wie bei der Frankfurter Zelle soll Katada auch bei der Bildung der "al-Tawhid"-Gruppe in Deutschland als Dreh- und Angelpunkt fungiert haben. Die Terrorgruppe wurde im Frühjahr 2002 von der Bundesanwaltschaft ausgehoben wurde. Auch diese Männer sollen Anschläge geplant und dafür bereits konkrete Vorbereitungen getroffen haben. Nach der Festnahme bezeichnete einer der Verdächtigen, der Jordanier Shadi A., den Londoner Prediger als geistiges Oberhaupt der Planungen. Er sei zwar nie in die operative Planung eingebunden gewesen, trotzdem spiele er eine wichtige Rolle. Auch bei Razzien gegen andere Verdächtige stießen die Fahnder immer wieder auf die Videos mit den Hetzpredigten des Londoner Geistlichen.
In Großbritannien präsentierten die Ermittler gleich zwei schwere Vorwürfe gegen Abu Katada. Sie wollen jetzt beweisen, dass er sowohl bei der Rekrutierung des so genannten 20. Attentäters, Zacharias Moussaoui, der schon vor den Attacken am 11. September festgenommen wurde, als auch bei dem so genannten "Schuh-Bomber" Richard Reid aktiv war. In beiden Fällen soll Abu Katada zumindest Verbindungen geknüpft haben. Im Fall von Moussaoui ist bekannt, dass dieser mehrmals bei Abu Katada zu Gast war.
Attentäter warteten auf den Befehl des "Scheichs"
Mehrere europäische Ermittlungsverfahren weisen in die gleiche Richtung: Sowohl bei Recherchen gegen Terrorzellen in Spanien und Frankreich als auch in Italien taucht der Name Abu Katadas in den Akten der Fahnder auf. Mal fanden die Ermittler seine Telefonnummer, ein anderes Mal belauschten sie Gespräche, in denen sich mutmaßliche Terroristen über Abu Katada unterhielten. Im Fall der "Mailänder Zelle", die mittlerweile ebenfalls ausgehoben wurde, warteten die mutmaßlichen Attentäter sogar auf den Befehl des "Scheichs aus London", wie ihn seine Anhänger nennen. Was sie nicht wussten: Die italienische Polizei hörte mit und nahm bei Razzien daraufhin mehrere Personen fest, darunter auch den gebürtigen Libyer Lased Ben Heni, der bis zu seiner Festnahme in München lebte.
Folglich dürften die Fahnder viele Fragen an den nun Festgenommenen haben. Er selber fühlte sich seit seiner Flucht sicher. Seinen Anhängern hatte er das per E-Mail mitgeteilt.
Mit seiner Festnahme zerplatzten auch Spekulationen, dass Abu Katada nach seinem Verschwinden vom Geheimdienst MI5 "betreut" worden sein könnte, um an weitere Informationen über mögliche Terrorzellen zu gelangen. Dagegen spricht auch, dass er seit Dezember 2001 durchaus aktiv war: Terrorfahnder fanden im Internet ein zehnseitiges Pamphlet, in dem der Prediger die Anschläge vom 11. September rechtfertig und Osama Bin Laden für den Angriff auf die USA lobt.