Bizarrer Bergsteiger-Boom Chaos im Karakorum-Gebirge
In Skardu, einer staubigen Basarstadt im äußersten Nordosten Pakistans, lautet die wichtigste Frage für die Bewohner, wie man den harten Alltag übersteht.
Als wäre das Leben in dieser rauen Region nicht schwer genug, wurden deren Bewohner 1999 in ein sinnloses Blutvergießen mit hineingezogen: Ganz in der Nähe lieferten sich islamistische Freischärler Seite an Seite mit der pakistanischen Armeedivision Northern Light einen erbitterten Gebirgskrieg gegen die Truppen des Erzfeindes Indien. Tausende von Soldaten starben an der felsigen Grenze zu Kaschmir.
Für Skardu waren die Kämpfe um Grate und Gipfel aus einem weiteren Grund katastrophal: Der Expeditions- und Trekking-Tourismus brach ein - und mit ihm die wichtigste Einnahmequelle des Volksstammes der Balti, die in dem Land der Aprikosenbäume und des mächtigen Indus-Flusses leben.
Noch fatalere Folgen als der pakistanisch-indische Grenzkrieg sollte der Anschlag auf das World Trade Center im fernen New York haben. Plötzlich wurde Pakistan zum Frontstaat in dem von den USA ausgerufenen Kampf gegen den Terror. Expeditionen wagten sich nun kaum mehr in das Karakorum-Gebirge nördlich von Skardu, wo vier Achttausender abschreckend und scheinbar unnahbar in Reih und Glied stehen: vorneweg der steile Koloss K 2, mit 8611 Metern der zweithöchste Berg der Welt, dann der Broad Peak (8047 Meter), der eisgepanzerte Gasherbrum II (8035 Meter) und der Gasherbrum I (8068 Meter), auch Hidden Peak genannt.
Doch in diesem Jahr hat das dumpfe Warten auf zahlungskräftige ausländische Bergsteiger in Skardu ein Ende genommen. Den ganzen Sommer über bewegten sich Kolonnen westlicher Sahibs und einheimischer Lastenträger in langen Tagesmärschen über den 62 Kilometer langen Baltoro-Gletscher, der zu den Giganten des Zentralkarakorum hinführt. Insgesamt 37 Expeditionen stießen in das einsame Hochgebirge vor, gefolgt von 1350 Trekkern, aber auch zahlreichen Yak-Kühen und einem Heer von Ziegen als Schlachtvieh für die Expeditionsküchen. Um dem Ansturm irgendwie Herr zu werden, mussten an mehreren Lagerplätzen Toilettenkabinen aufgestellt werden - etwas bis dahin Unbekanntes in der Heimat seltener Schneeleoparden und sibirischer Großsteinböcke.
Hoch her ging es vor allem am K 2, den gleich ein Dutzend Expeditionen berannte. Im 5000 Meter hohen Basislager befanden sich zeitweise fast 200 Zelte - überragt von einer mehrstöckigen Pyramide aus Kunststofftuch. Im Inneren der Pyramide gab es eine Küche mit allen Schikanen, ein Aufenthaltszelt und dazu noch ein Zelt mit Computern und Gerätschaften für Live-Übertragungen im Fernsehen.
All das und Tonnen von Bergseilen, Sturmzelten, Sauerstoffflaschen, Matratzen und Proviant hatten Tausende Balti-Träger an den Fuß des K 2 geschleppt. Die größte Klettergruppe mit allein 800 Trägern war eine Art Staatsexpedition aus Italien, die auch eine Landesfahne mit dabei hatte. Überreicht hatte die in Rom Staatspräsident Carlo Ciampi höchstpersönlich.
Für die "spedizione governativa" stand viel auf dem Spiel. Vor 50 Jahren waren es nämlich die Italiener Lino Lacedelli und Achille Compagnoni gewesen, die als Erste den K-2-Gipfel betraten - eine Art Wunder von Bern für das damals noch schwer angeschlagene Italien der Nachkriegszeit. Neue Helden mussten nun her - hatte Präsident Ciampi doch angekündigt, ein Sieg über den K 2 im Goldenen Jubiläumsjahr würde die Nation "wiederbeleben" und "mit großem Stolz" erfüllen. Gesagt und von anderen brav getan: Ende Juli, ein halbes Jahrhundert nach dem Triumph von 1954, erreichten fünf Mitglieder der Mammut-Expedition die oberste Eiskuppe des Bergs, darunter Michele Compagnoni, ein Neffe des Erstbegehers.
Auf dem Gipfel herrschte plötzlich ein Gedränge, wie man es sonst nur vom leichter zugänglichen Mount Everest her kennt. Denn es gab noch zwei weitere Gruppen italienischer K-2-Anwärter. Eine versuchte, den Nordgrat zu erklimmen - vergebens. Erfolgreicher war dagegen ein Team namens "Scoiattoli" (deutsch: Eichhörnchen), das direkt nach den Staatskletterern mit zehn Mann auf die Eiskapuze des K 2 stürmte. Bei den Eichhörnchen war Mario Lacedelli mit von der Partie, ein Neffe des anderen Gipfelstürmers von 1954.
Fit und rüstig marschierte der inzwischen 79 Jahre alte Erstbesteiger Lino Lacedelli selbst ins Basislager hinauf, begleitet von seiner Tochter Alberta. Er sei gekommen, "um dem König der Berge Hallo und auf Wiedersehen zu sagen", sprach der Besucher, der mit Spaghetti und Wein bewirtet wurde. Zuvor, im heimischen Cortina d'Ampezzo, hatte Lacedelli noch ein K-2-Denkmal eingeweiht.
Den Gipfel mit dem kalt klingenden Kürzelnamen erreichten aber auch sieben Tibeter, drei Schweizer, ein rumänischer Zahnarzt, ein Bergsteiger aus Kolumbien sowie mehrere Japaner. Auch Spanier waren zahlreich vertreten, etwa mit dem 65-jährigen Carlos Soria, dem bisher ältesten Bezwinger des K 2. Die Baskin Edurne Pasaban, deren Vorname in der Baskensprache passend "Schnee" lautet, erreichte ebenfalls den höchsten Punkt. Ihr Landsmann Juan Qiarzabal kehrte von der Bergspitze mit schweren Erfrierungen zurück. Es waren nicht seine ersten, denn der Weltrekordhalter stand bereits 21 Mal auf einem Achttausender.
Im Jubiläumsjahr kam es aber auch zu neuen Todesfällen am K 2. An dessen Südpfeiler erkrankte ein Spanier an einem Höhenlungenödem und starb. An der chinesischen Nordseite kamen drei Koreaner in einer Lawine um, und auf der so genannten Schulter des Normalanstiegs starben ein Russe, ein Kirgise und ein Alpinist aus dem Iran, die sich total verausgabt hatten.
Richtig entschieden hatte wohl Peter Guggemoos aus Marktoberdorf im Allgäu, in diesem Jahr der einzige Deutsche am K 2. Er bemerkte "viel Schnee am Berg" sowie "einen Stau langsamer Kletterer" gleich über seinem Zwischenlager. "Das war mir zu gefährlich", lautet das Fazit von Guggemoos, der im vorigen Jahr den nicht minder gefürchteten Nanga Parbat bestiegen hatte. "Ich habe eingepackt und bin nach Hause gefahren."
Im rauen Skardu gab es dank der italienischen Massenankunft auf dem K 2 endlich wieder mal ein Fest. Vor den Holzschuppen der Basare flatterten Fahnen und Spruchbänder. Die Regierung nutzte den sportlichen Triumph, um ihre politische Botschaft zu propagieren: "Pakistan ist ein sicheres Land, und das ist wieder bewiesen worden", hieß es auf einem Banner - und das, obwohl auf dem Karakorum-Highway gerade erst ein amerikanisches Weltenbummler-Paar von Terroristen entführt worden war.
Um seinen Landsleuten die Hand zu schütteln, ließ sich eigens der italienische Landwirtschaftsminister Giovanni Alemanno per Hubschrauber zum Basislager am K 2 fliegen. Anschließend legte der Minister in Skardu den Grundstein zu einem K-2-Museum - dem ersten Museum in der Wüstenstadt, die an manchen Ecken wie die Kulisse eines Mad-Max-Films aussieht. Anlässlich des Jubeljahrs ist Skardu eine Städtepartnerschaft ausgerechnet mit dem mondänen Dolomiten-Skiort Cortina d'Ampezzo eingegangen - ein Ereignis, das die Post Pakistans auf einer Fünf-Rupien-Briefmarke festgehalten hat.
Der Rummel im armen Baltistan und im Reich der Achttausender ruft aber auch kritische Stimmen auf den Plan. Erst jetzt werden die Ausmaße des Aufmarsches im Karakorum deutlich, aus dem die letzten Trekker erst vor kurzem zurückkehrten.
Fast 600 Trekking-Touristen hatte allein der italienische Alpenverein Club Alpino Italiano (CAI) für dieses Jahr mobilisiert, was in Rom Carlo Alberto Pinelli in Rage bringt, den Himalaja-Beauftragten der Umweltorganisation Mountain Wilderness International. Dieser Massenansturm sei "unverantwortlich" gewesen, meint Pinelli, den das Schicksal der fragilen Weiden, Zwergbirken und Rhododendronbüsche am Weg zum Baltoro-Gletscher bekümmert. Zusammen mit dem World Wildlife Fund hat Pinelli einen Spähtrupp ins Karakorum losgeschickt, der Schäden aufnehmen und fotografieren soll. Auch ein Gespräch mit dem Bürgermeister des Dorfs Askole ist vorgesehen, das in 3200 Metern Höhe liegt. Askole wurde mit seinen Terrassenfeldern durch eine Militärstraße erschlossen und ist seither Ausgangspunkt der Expeditionen.
Pinelli hält vor allem "Tonnen von Exkrementen" für bedenklich, die in der großen Höhe nicht verrotten und jahrelang liegen bleiben würden. Die Sorge ist nicht unbegründet: Englische und amerikanische Karakorum-Bergsteiger nennen die Gletscherrouten im hintersten Baltoro-Tal, wo es keine der neuen Toilettenkabinen mehr gibt, "turd alley" - Scheißhaufen-Allee.
Lesen Sie weiter im 2.Teil, warum es bei Expeditionen immer wieder Opfer unter den Lastenträgern gibt
In der pakistanischen Presse wurde die gefährliche Arbeit der Balti kritisch untersucht. Fünf von ihnen starben zu Beginn des Expeditionswettlaufs beim Absturz eines Geländewagens; fünf weitere ertranken in einem reißenden Gletscherbach am Baltoro. Ein Schullehrer, der wegen des Zusatzlohns als Träger angeheuert hatte, war nicht angeseilt und starb beim Sturz in eine Gletscherspalte. "Die Umstehenden waren hilflos und hatten keine Ahnung, was zu tun sei", berichtet der Karakorum-Kenner Kenneth Iain MacDonald in der Tageszeitung "Dawn". Die meisten hätten noch nie als Träger gearbeitet und "wussten kaum etwas vom Aufenthalt im Hochgebirge".
Unten in den Dörfern gab es wegen der zahlreichen Expeditionen praktisch keine arbeitsfähigen Männer mehr. Der Trägerlohn von 10 bis 25 Dollar je Tag lockte sie an - ein Geschenk des Himmels in Baltistan, wo große Familien ernährt werden müssen. Fließendes Wasser und Zentralheizungen sind unbekannt, und der Trägerlohn garantiert im Winter wenigstens das Kerosin zum Kochen, aber auch Linsen und Mehl für das Fladenbrot. Dafür schulterten die Balti jeden Morgen eine Trägerlast von 25 Kilogramm auf ihren Holzkraxen. Manche trugen höherer Löhne wegen sogar das doppelte Gewicht, als die Zeltstädte am Ende wieder abgebaut wurden wie Wanderzirkusse.
"Sie rannten wie verrückt den Gletscher hinauf und hinab, damit sie möglichst viele Lasten transportieren konnten," beobachtete die Geographie-Dozentin Irena Mrak, die mit einem Team der Universität Ljubljana zum Gasherbrum II unterwegs war. Dort ging den Slowenen jedoch wegen Trägermangels bald der Proviant aus, den schließlich Maultiere und sogar Pferde über die endlosen Geröllfelder und gefährlichen Eisflächen des Baltoro nachbringen mussten.
Auch der Bergführer Ralf Dujmovits aus Bühlertal bei Baden-Baden hatte am Gasherbrum II Probleme. Der Expeditionsveranstalter war mit 14 Klienten und 180 Trägern an dem Bergriesen angelangt, bekam aber gleichfalls keinen Nachschub mehr. Ein Teil seiner Fracht war am Beginn des Baltoro abgestellt worden und konnte nun von niemandem mehr weitertransportiert werden. Dujmovits musste eine halbe Tonne Proviant mit Hubschraubern der pakistanischen Armee einfliegen lassen.
Sein Schweizer Kollege Kari Kobler hatte seiner Truppe, die sich zum K 2 aufmachte, 350 Träger vorausgeschickt. So vermied er Kolonnenbildung und traf im bereits aufgeschlagenen Basislager ein. Die Balti-Männer hatte er mit Stiefeln, Socken, Regenpellerinnen, Sonnenbrillen und Kerosin-Kochern ausrüsten müssen - so verlangen es die Vorschriften der pakistanischen Behörden. Nachts schichteten die Träger kreisrunde Steinmäuerchen auf und bedeckten sie mit Zeltplanen, um sich gegen den Wind zu schützen.
Die Balti sind Entbehrungen gewohnt, doch viele zehrt das Lastentragen und das Leben in den Dörfern auch früh aus. Sie leiden an Leistenbrüchen, Lungenleiden und häufig auch an Geschwüren der Augen. Gegen die Kälte schützt sie nur eine lange Kutte aus Yak-Wolle und manchmal ein alter Anorak, den sie in Skardu aus Restbeständen früherer Expeditionen kauften. Von den mehr als 1000 Trägern, die 1954 an der Expedition der Italiener teilnahmen, sind nur noch zwei am Leben, hat Karakorum-Kenner Kenneth Iain MacDonald herausgefunden. "Das spricht Bände über die Lebenserwartung in Baltistan", konstatiert MacDonald. Der damalige Expeditionschef Ardito Desio dagegen starb 2001 im Alter von 104 Jahren in Mailand.
Zu den K-2-Zeremonien in Skardu und zu einer
K-2-Party in Islamabad, an der Präsident Pervez
Musharraf teilnahm, waren keine Lastenträger
eingeladen worden. Urkunden und einen Autokorso gab es nur für eine kleine Elite von Höhenträgern, die mit den Sahibs
schon einen Achttausender bestiegen hatten. Immerhin
sind in diesem Jahr erstmals auch fünf Balti auf dem K 2
angekommen. "Die anderen sind ignoriert worden", kritisiert Trägerexperte MacDonald. "Ihre Leistung wurde
nicht anerkannt, und ihre Sorgen nahm niemand zur Kenntnis."