Black Box CSU
Lisa Martinek sitzt auf der samtroten Bühne und blickt in die Scheinwerfer, als suche sie nach einem Wort, einem Gedanken. Sie legt zwei Finger auf ihre Lippen und denkt einen Moment über die Frage nach, ob Schauspielerei mehr Glamour als harte Arbeit ist. »Manche«, sagt sie dann, »haben es geschafft, dass man sich fragt: Sind sie populär, oder sind sie wirklich gut?«
Es ist ein Satz, wie er an der entscheidenden Stelle eines Films fallen könnte, in einem Moment der Wahrheit.
Lisa Martinek ist Schauspielerin, doch sie spielt keine Rolle. Sie sitzt auf der Bühne, um über die Filmwelt zu reden, und sie sagt diesen Satz ohne Neid. Die Regisseure haben entschieden, dass sie gut ist. Sie will auch nicht doppeldeutig klingen, und wahrscheinlich denkt sie nicht darüber nach, dass sie zu Gast bei der CSU ist. Doch sie sagt diesen Satz wie eine Politikwissenschaftlerin.
Die Black Box im Gasteig in München ist ein schwarzer Raum, schwarz sind die Wände, die Decke, der Boden. Es ist ein guter Ort, um das Undurchsichtige auszuleuchten. An diesem Morgen ist die Black Box bis auf den letzten Platz gefüllt. Die auf den Stühlen im Dunkeln sitzen, blicken auf die, die auf der Bühne im Licht sitzen.
Die CSU hat sie eingeladen und stellt eine Frage. Sie will wissen, ob Bayern eine Filmwelt ist, eine Traumwelt. Es klingt, als wolle die Partei sich im Spiegel betrachten, als wolle sie die Wahrheit über sich wissen. Doch München ist keine Stadt der Wahrheit in diesen Tagen, es ist eine Stadt der roten Teppiche und dunklen Limousinen, der gehauchten Küsse und heischenden Posen. München feiert den Film, und die CSU will wissen, ob es ein Traum ist, in dieser Welt zu leben.
Die Welten des Films und der Politik sind Parallelgesellschaften, sie laufen aneinander vorbei, doch es gibt vieles, das sie verbindet. Es gibt Schauspieler und Regisseure, Rollen werden verteilt und entzogen. Es gibt Charakter- und Laiendarsteller, Statisten und Beleuchter, und die Hierarchien sind klar. Schönheit hilft in der Politik nicht unbedingt, auch wenn eine hübsche Begleitung und nie ergrauendes Haar nicht von Nachteil sind. Entscheidend aber sind in beiden Welten die Drehbücher.
Das Drehbuch der CSU ist im Moment ein Skript voller Fragen. Gabriele Pauli stellte die Frage, ob Edmund Stoiber in den Sonnenuntergang reiten sollte. Edmund Stoiber stellte die Frage, wer Gabriele Pauli ist. Die beiden Frauen, zwischen denen Horst Seehofer pendelt, stellen die Frage, ob er Ehemann sein will oder Geliebter. Beantwortet, so viel ist klar, werden die Fragen in der CSU von Männern.
Die Black Box, die dem schwarzen Raum im Gasteig seinen Namen gab, ist in der Wissenschaft ein rätselhaftes Gebilde. Informationen fließen durch sie, und sie trifft Entscheidungen. Sie steuert Dinge, doch was sie steuert, ist unergründlich. Was in ihr geschieht, geschieht im Dunkeln.
Sie ist ein bisschen wie die CSU.
Kulissen sind in der Politik so wichtig wie im Film, sie senden Botschaften. Die CSU hat eine dieser großen Stellwände auf die Bühne geschoben, die sonst Edmund Stoiber überallhin zu folgen scheinen. Er steht dann vor einem Himmel, der so blau ist wie die Farbe der CSU und in dem die Buchstaben seiner Partei wie Sterne hängen. Schlechte Nachrichten lassen sich vor diesem Hintergrund leichter verkünden.
Lisa Martinek sitzt in der Mitte des Himmels, neben dem Schauspieler Udo Wachtveitl, der auf seinem Handy das Drehbuch des nächsten »Tatorts« zu lesen scheint.
Er sagt ein paar schöne Sätze über die Schauspielerei, die wie Metaphern für die Illusionen der Politik klingen. »Sie träumen von Shakespeare und Ibsen«, sagt er, »und dann müssen sie mit Hansi Hinterseer ein Bergbauerndrama drehen.«
Wachtveitl spielt seit Jahren einen »Tatort«-Kommissar. Er weiß nie, ob das nächste Jahr das letzte sein wird, und er mag diese Unsicherheit. »Es ist ein Beweis dafür«, sagt er, »dass schlampige Verhältnisse manchmal die stabilsten sind.«
Der Satz würde in das Skript eines Seehofer-Films passen, doch was der CSU fehlt, sind die Larger-than-life-Charaktere. Wahrscheinlich war Franz Josef Strauß der letzte Mann von Leinwandformat. Er war eine hemingwayeske Figur, man konnte sich ihn beim Erlegen von Wild am Fuße des Kilimandscharo vorstellen.
Die nach Strauß kamen, schrumpfen in seinem Schatten. Edmund Stoiber sagt sehr oft »äh« und nennt seine Frau »Muschi«. Günther Beckstein findet es aufregend, ein türkisches Restaurant in Kreuzberg zu betreten. Erwin Huber spielt gern Karten. Horst Seehofer führt die Gespräche mit seinen Frauen wie Koalitionsverhandlungen.
Sie sind kein Spielfilmmaterial. Sie sind eine Vorabendserie.
Was bleibt, sind die Rollen der Frauen. Lisa Martinek tritt von der Bühne, sie will raus aus der Black Box, ins Licht. Sie trägt ein schwarzes Sommerkleid und hat ihre Haare hochgesteckt. Sie hat eine schlichte Eleganz und spricht mit der Nachdenklichkeit einer Frau, die abseits der Kameras keine Rolle spielt.
Lisa Martinek hat in Filmen gespielt, deren Titel sehr gut zur Lage der CSU passen, einer hieß »Härtetest«, ein anderer »Vom Küssen und vom Fliegen«. Die Landrätin Pauli ist die Figur, die sie mehr als alle anderen interessiert. Nicht wegen der Perücke und der Latexhandschuhe. »Ich frage mich, wie es angefangen hat«, sagt sie, »was ihr Plan war.« Sie will damit nicht sagen, dass sie die Pauli spielen will. Lisa Martinek ist vorsichtig. Sie sagte einmal, dass sie als Leni Riefenstahl wiedergeboren werden möchte, das wurde sie nie wieder los. Es ist wie in der Politik, ein Satz kann einen lange verfolgen. MARIO KAISER
* Mit Udo Wachtveitl und Lisa Martinek (M.).