Blackout in Moskau: Putin sucht nach Schuldigen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Blackout in Moskau Putin sucht nach Schuldigen

Ein großflächiger Stromausfall hat Moskau gestern ins Chaos gestürzt. Jetzt will Russlands Präsident Wladimir Putin die Verursacher zur Verantwortung ziehen. Die Justiz leitete Ermittlungen gegen das Management der Stromversorger RAO EES und Mosenergo ein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Moskau - Wie die Behörden mitteilten, waren auch heute Morgen noch über 600 Wohnhäuser sowie zahlreiche Schulen und Kindergärten von der Stromversorgung abgeschnitten. Auch Industrie- und Gewerbebetriebe sollen voraussichtlich erst gegen Abend wieder am Netz sein. Während bei den Straßenbahnen und Oberleitungs-Bussen die Probleme andauern, scheint sich die Situation im Moskauer Untergrund entspannt zu haben: Die U-Bahnen fahren wieder nach Plan. Wie die Wirtschaftszeitung "Wedomosti" heute berichtet, werde der durch den Stromausfall verursachte wirtschaftliche Schaden auf mindestens 800 Millionen Euro geschätzt.

Als Ursache für den Defekt nannte Energieminister Viktor Christenko eine Explosion nach einem Feuer in einem Umspannwerk. Einen Terror- oder Sabotageakt schloss der Minister nachdrücklich aus. Das explodierte Gerät sei mehr als 40 Jahre alt gewesen, erklärte Christenko. Offiziellen Angaben zufolge fielen zehn bis zwölf Prozent der Stromkapazität in Moskau und Umgebung aus. Krankenhäuser und andere wichtige Verbraucher sollten bis zum späten Nachmittag wieder ans Netz angeschlossen werden. In der übrigen Region werde sich die Lage innerhalb von 24 Stunden normalisieren, hieß es.

"Mittel einfach gestohlen"

Während sich die Situation in Moskau langsam normalisiert, rufen Politiker nach Aufklärung: Die linkspatriotische Fraktion "Rodina" will in der morgigen Plenarsitzung der Duma die Frage der Entlassung des Chefs des Stromkonzerns EES aufwerfen, teilte Fraktionsmitglied Iwan Chartschenko der Nachrichtenagentur "RIA Nowosti" mit. Seine Partei fordere außerdem eine "totale Finanzüberprüfung" von EES. "Wir vermuten, dass die Mittel, aus denen die Modernisierung der Anlagen finanziert werden sollte, in den letzten 15 Jahren einfach gestohlen und dann ausgebucht wurden", so Chartschenko.

Präsident Putin nutzte den Vorfall für einen Frontalangriff auf das Management des Energiekonzerns EES. Das Unternehmen solle sich nicht nur um "globale Probleme und seine Restrukturierung" kümmern, sondern auch um seine derzeitige Versorgungsaufgabe, sagte er. Konzernchef Anatolij Tschubais wurde bereits zur Vernehmung in die Generalsstaatsanwaltschaft bestellt. Noch am gestrigen Mittwoch hatte die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen die Leitung der Aktiengesellschaft "EES Russlands" wegen Fahrlässigkeit und Missbrauchs der Befugnisse eingeleitet.

Tschubais hatte als einer der wenigen prominenten Russen den international umstrittenen Strafprozess gegen den Gründer des Öl-Konzerns Jukos, Michail Chodorkowski, offen kritisiert. Er gehört zu den führenden Mitgliedern der Partei Union der rechten Kräfte, ist aber 1998 aus der aktiven Politik ausgestiegen. Die Macht der zumeist liberalen Top-Manager in Russland ist Putin seit Jahren ein Dorn im Auge. Doch das harte Durchgreifen etwa gegen Chodorkowski hat das Vertrauen vieler Investoren in den Standort Russland stark erschüttert.