KARRIEREN »Bleib doch hier«
Schon eine Stunde vor Beginn des ganzen Theaters hat er sich in eine leere Stuhlreihe gesetzt. Er trägt einen Rauschebart und eine dicke Brille, er ist zu warm angezogen. Er ist in Cleveland geboren, später in New York war es ihm zu laut, zu hektisch, zu brutal. Vor 24 Jahren kam er nach Berlin. Hier in dieser Stadt, die im vergangenen Jahrhundert mehr Subventionen bekommen hat als jede andere auf der Welt, habe man überleben können, sagt er, ohne etwas gelernt zu haben. Heute kriegt er Rente. Vom deutschen Staat.
Eigentlich ist er ein ganz netter Typ.
Er kennt sich aus mit den Mysterien der jüngsten Geschichte. Er weiß auch, wer wirklich hinter den Anschlägen vom 11. September steckt: »Die amerikanische Regierung, ganz klar«. Seinen Namen will er nicht preisgeben.
Man solle sich ausweisen, fordert er vom Reporter, und er bekommt alles zu sehen: Presseausweis, Visitenkarte, Personalausweis, einen dieser fälschungssicheren, vor dessen Einführung Sorgendeutsche vor zwei Jahrzehnten behaupteten, so etwas führe geradewegs in die Orwellsche Diktatur.
Der Amerikaner prüft die Papiere wie ein Juwelier den Zwölfkaräter. Dann gibt er sie zurück. »Nein«, sagt er, »ich werde Ihnen nicht einmal meinen Vornamen sagen. Sie könnten ja von der CIA sein.«
Der Amerikaner ohne Namen sitzt in der Columbia-Halle in Berlin, er hat 12 Euro dafür bezahlt, eine Lesung des Bestsellerautors, Filmregisseurs und Stand-up-Comedians Michael Moore zu besuchen. Es könnte auch ein Jahrestreffen der deutschen Verschwörungstheoretiker sein - und Moore der Gastdozent.
Auf jeden Fall ist es ein Massenereignis.
Moore füllt die Hallen von Berlin, Hamburg, München nicht einmal pro Abend, sondern zweimal. Kamerateams kesseln ihn ein, wenn er in seinem Hotel den Gang hinuntergeht, es sind die Reporter der schnellen, bunten Boulevardmagazine. Leute, die sich sonst um Verona Feldbuschs Baby kümmern oder darum, was Britney Spears beim Roomservice bestellt.
Sie machen Jagd auf einen Mann, der aussieht wie das Gegenteil eines Popstars (SPIEGEL 47/2002). Michael Moore hat die Figur eines riesigen Daunenschlafsacks, seine schlecht geschnittenen Haare verbirgt er unter einer Baseballkappe, und wenn er gefragt wird nach seinem nächsten Ziel im Leben, antwortet er: »40 Pfund weniger«.
Moore ist vor allem ein Held der Jugend. Es sind Leute, die dem misstrauen, was sie für die Welt der Etablierten halten. Nur mit Argwohn blicken sie in die großen Zeitungen. Mit Politikern der mächtigen Parteien können sie nur wenig anfangen. Ihr Weltbild ist aus Angst zusammengesetzt. Angst vor dem Internet, Angst vor der Zukunft, Angst davor, dass man inzwischen ihrem furchtlosen Helden in seiner Heimat nach dem Leben trachten könnte. Ein paar von ihnen rufen ihm zu: »Bleib doch hier!«
Es sind Leute wie Britta, eine Tischlerin aus Ost-Berlin, die sagt: »Am 11. September ist kein Flugzeug in das Pentagon geflogen. Das ist alles Propaganda.«
Leute wie Beate, eine Immobilienmaklerin, die sagt: »Ich glaube nicht mehr, dass Osama Bin Laden hinter den Anschlägen steckt - schon weil die Zahl der Opfer mit nur 3000 Menschen erschreckend gering ist.«
Leute wie Ingeborg, eine Übersetzerin, die sagt: »Das war ein Werk der CIA. Die US-Regierung, das sind teuflische Typen.«
Leute wie Andreas, ein Software-Entwickler, der sagt: »Die USA, das ist eine schreckliche Kommerzwelt mit sehr vielen ignoranten Menschen.«
Sie bejubeln Moores Auftritte, die eigentlich keine Lesungen sind, sondern Teil eines Kreuzzugs. Eines Kreuzzugs gegen die Regierung Bush, aber auch gegen Amerika. Es ist ein Kreuzzug, bei dem keine Gefangenen gemacht werden.
Die Amerikaner, deren Zerrbild er in seinen Shows entwirft, sind dumm, fett, laut und gierig. Sie verbrauchen zu viel Energie. Sie lassen Menschen auf der Straße dahinvegetieren und streichen Kindern im Rollstuhl die Sozialhilfe. »Sie pissen«, sagt Moore, »auf ihre Verlierer, und sie pissen auf den Rest der Welt.«
Europäer dagegen sind Menschen, die vor lauter Nächstenliebe kaum an sich halten können. »Wenn einer von euch krank wird, dann helfen ihm die anderen«, ruft er in begeistert tobende Säle. »Wenn einer von euch blutet, dann leiden die anderen mit.« Was ein Fanal des Humanismus sein soll, klingt bei Moore wie ein Marschbefehl.
Manchmal verläuft er sich.
»Fußball«, sagt er, »ist ein faszinierendes Spiel. Fußball ist old Europe. Wenn einer den Ball hat, dann rennt er nicht wie beim American Football einfach aufs Tor zu, er wartet, bis ein Gegner Zeit gefunden hat, sich ihm in den Weg zu stellen.«
Moore macht sich die Welt passend. Gut möglich, dass er auf seiner nächsten Tournee behauptet, Europäer gehen deshalb so gerade durchs Leben, weil die Erde eine Scheibe ist.
Die bekennenden Europäer im Publikum des linken Kanzelfürsten werden trotzdem lachen. Weil sie ja schlau sind und Amerikaner dumm. »So dumm«, schreit Moore in sein Mikrofon, »dass 80 Prozent von ihnen nicht einmal wissen, wo sie den Irak auf der Landkarte finden.«
Glückliches Deutschland. Platz 20 in der Pisa-Studie, Disziplin Naturwissenschaften, 6 Plätze hinter dem völlig verblödeten Amerika. Und auch sonst keine Pisa-Disziplin, in der Deutschland vor Amerika liegt. Als der Fernsehkomiker Stefan Raab mit einer Landkarte durch Köln lief und Passanten aufforderte, Länder einzuzeichnen, wussten viele aus old Europe nicht einmal, wo Frankreich ist.
An seinem ersten Abend in Deutschland berichtet Moore, während einer seiner Attacken auf George W. Bush, dass inzwischen der 400. amerikanische Soldat im Irak getötet wurde. Einige in Berlin applaudieren. Was früher klammheimliche Freude hieß, gehört bei seinen Auftritten zum guten Ton. Sogar Moore ist irritiert. »Bitte nicht klatschen«, sagt er.
Am nächsten Tag ruft Beate an, die Immobilienmaklerin, die am Abend vor dem Auftritt behauptet hatte, dass 3000 Tote im World Trade Center eine »erschreckend geringe Zahl« seien. Toller Abend, sie habe sich königlich amüsiert, sagt sie. »Aber mit Antiamerikanismus hat das Ganze nichts zu tun.« Klar, so wenig wie Hohmann mit Antisemitismus.
Moores Figur, Moores Publikum, Moores Leben, alles ist außer Kontrolle geraten.
Es begann am 20. Januar 2001, als George W. Bush als 43. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wurde. Ohne Bush war Moore ein Dokumentarfilmer und Autor, dessen Schriften in linken Buchhandlungen verstaubten, dessen Dokumentarfilme in ein paar Programmkinos für ein paar Wochen Asyl fanden und dessen Fernsehshow »The Awful Truth« abgesetzt wurde, weil die Werbekunden meuterten.
Durch Bush ist Moore auf der A-Liste der Superstars gelandet, bekannt wie Arnold Schwarzenegger und Mickymaus. Sein Film »Bowling for Columbine« ist mit einem Einspielergebnis von über 30 Millionen Euro der erfolgreichste Dokumentarfilm. Sein Buch »Stupid White Men« war in diesem Jahr das bestverkaufte Sachbuch weltweit.
Bush ist so etwas wie das Krokodil in Moores Kasperletheater; ein Finsterling, auf den er immerzu eindrischt. Und je kriegerischer sich der Bösewicht Bush gibt, desto stärker strahlt der Heiligenschein über dem dicken Anti-Helden und dem Jedermann, der mit seiner Uniform, Baseballkappe und Windjacke, in die Schlacht gegen das Weiße Haus zieht, das er von einer Junta besetzt wähnt. Alles nur Marionetten von Konzernherren, wahlweise »Schweinehunde« oder »ein Haufen betrügerischer, diebischer, selbstgefälliger Arschlöcher«.
Dann begann der Krieg. In den Metropolen wurde demonstriert. In Los Angeles wurden am vierten Tag des Krieges die Oscars verliehen. Und Michael Moore blieb der Einzige, der an diesem Tag seine Worte zu etwas anderem gebrauchte, als seiner Frau und seinem Friseur zu danken und den Jungs, die da draußen in der Wüste ihren Dienst tun. »Wir leben in einer Zeit, in der fiktionale Wahlergebnisse dazu führen, dass wir von fiktionalen Präsidenten regiert werden. Wir leben in einer Zeit, in der ein Mann uns aus fiktionalen Gründen in einen Krieg schickt.«
Und dann sagte er, mit etwas lauterer Stimme, gegen die zunehmenden Buhs im Saal: »Wir sind gegen diesen Krieg, Mr. Bush. Schämen Sie sich, Mr. Bush. Schämen Sie sich.«
Die Band begann zu spielen. Aber Moore redete weiter. »Wenn Sie den Papst und die Dixie Chicks gegen sich haben, dann werden Sie nicht lange im Weißen Haus bleiben.« In den Tagen danach trugen die Leute außer ihren Peace-Fahnen jetzt auch das Bild des Dicken aus Michigan herum.
Natürlich waren Moores Worte ehrlich gemeint, sie waren aber auch die erfolgreichste PR-Aktion, seitdem Bücher gedruckt werden. Sein neues Buch »Volle Deckung, Mr. Bush« hat sich in drei Wochen allein in den USA eine Million Mal verkauft, in Deutschland waren 200 000 Exemplare vorbestellt.
Vielleicht sind es diese Zahlen, dass die Feuilleton-Redakteure ihn plötzlich behandeln, als sei er ein zweiter Dieter Bohlen. Wie sonst wäre zu erklären, dass ausgerechnet jene Zeitungen, die Moore noch vor einem Jahr als großen Aufklärer beschrieben, ihm jetzt die Baseballmütze über die Ohren ziehen wollen. Feierte ihn die »Süddeutsche Zeitung« damals noch als »Amerikas unterhaltsamsten Agitator«, schimpft sie ihn jetzt einen »linken Demagogen«. Aus einem, der »Feldzüge gegen die Macht, den Reichtum und die Politik, für die Rechte des Mannes auf der Straße, des Arbeiters, des Wählers« unternimmt, so die »FAZ«, wurde bei der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« inzwischen: »Der Moore kann gehen.«
Michael Moore, der Held, von seinem Publikum geliebt, steht plötzlich unter Beschuss.
Dabei ist es eine Sache, ob man den derben Humor des Arbeiterklassenabkömmlings Moore nicht leiden kann und sich nach den Großstadtneurosen Woody Allens zurücksehnt.
Oder ob man Interpretationen von Moore nicht teilt, wie jene, die daran zweifeln, dass Osama Bin Laden für die Anschläge am 11. September verantwortlich sein kann, weil er mit einem Dialysegerät in einer Höhle in Afghanistan sitze und Moore mit seinem Mobiltelefon oft nicht einmal von Manhattan nach Queens telefonieren könne.
Aber es ist natürlich eine völlig andere Sache für Moore, wenn man ihm vorwirft, Falsches zu behaupten. Moore schreibt zum Beispiel, dass Außenminister Powell wissentlich vor der Uno gelogen haben soll. Dass nach dem 11. September Angehörige des Bin-Laden-Clans, die sich in den USA aufhielten, gratis ausgeflogen worden seien. Dass es Anrufe aus der US-Regierung bei General Wesley Clark gegeben haben soll, mit dem Auftrag, eine Verbindung herzustellen zwischen Saddam Hussein und den Terroristen.
Und Michael Moore kann es erst recht nicht leiden, wenn man ihm vorwirft, dass er in seinem Film »Bowling for Columbine« die berühmte Szene inszeniert haben soll , in der er von einer Bank ein Gewehr als Werbegeschenk bekommt.
Die Bank, um die es geht, heißt »North Country Bank«, sie liegt in Traverse City (Michigan). Es ist eine dieser typischen Moore-Szenen, die die Absurdität Amerikas entlarven sollen.
Moore ist zu sehen, wie er in eine Bank geht, ein Konto eröffnet, dort in den Räumen ein Gewehr als Prämie erhält und sich in der nächsten Szene draußen vor der Bank stolz als neuer Waffenbesitzer präsentiert. So einfach soll das sein im Land der Waffennarren.
Am Morgen nach seinem Berliner Auftritt sitzt Moore in einer Suite im Westin Grand Hotel, das er extra für die Presse aufgesucht hat, und seine blauen Augen schauen deprimiert durch die Brillengläser - so, als habe er seit Tagen nichts zu essen bekommen. Draußen steht ein Hotelpage mit einem Clubsandwich und zwei Extra-Flaschen Ketchup, aber er bleibt zwischen den zahlreichen Security-Kräften stecken. Moore hat schlechte Laune. Er ist müde, er wehrt sich. Er hat keine guten Nerven. Er wird nicht gern interviewt.
»Mr. Moore, in der North Country Bank in Traverse City gibt es eine Mitarbeiterin, Helen Steinman, die behauptet, die Bank-Szene aus 'Bowling for Columbine' sei inszeniert. Es sei zwar richtig, dass die Bank Gewehre als Prämien verschenke, aber normalerweise würden sie nicht in der Bank ausgegeben. Die Frau sagt, Sie, Mister Moore, hätten sich nur ein Gewehr ausgeliehen.«
»Ich ging in diese Bank«, antwortet Moore, und er wird etwas lauter. »Ich schrieb einen Scheck über 1000 Dollar aus. Sie gingen zum Safe und holten das Gewehr heraus. Sie gaben mir das Gewehr, und ich besitze es noch heute.«
»Ihr Wort steht gegen das von Helen Steinman.«
Dann beginnt Moore zu schreien. »Nein, so ist es nicht. Ist das Ihr Ernst? Wenn Sie diese Lüge drucken, kann ich Sie verklagen. Ich glaube nicht einmal, dass Sie mit Helen gesprochen haben. Wir rufen sie an, jetzt.«
Er verlangt von der Hotel-Telefonistin auf Englisch die Nummer von Helen Steinman, in Traverse City.
Dort ist es jetzt 5.30 Uhr in der Früh.
»Es ist mir egal«, schreit Moore, »wie viel Uhr es dort jetzt ist. Es ist uns egal, ob Lügner nicht schlafen können. Lügner sollen nicht schlafen dürfen.« Er stampft mit seinen Turnschuhen auf den Hotelteppich.
In Traverse City meldet sich eine verschlafene Stimme. In dem Gespräch mit der Bankangestellten Helen Steinman stellt sich schnell heraus, dass sie sich wohl geirrt hat.
»Helen«, sagt Moore, und seine Stimme ist immer noch ein wenig laut, »es tut mir sehr Leid, Sie so früh am Tag belästigen zu müssen. Aber ich werde mir einen Anwalt besorgen, der Sie verklagt, wenn Sie Lügen wie jene, die Sie dem Reporter erzählt haben, wiederholen.«
Es war nicht unbedingt das, was man einen guten Morgen nennt, für Helen Steinman in Michigan. Man schläft nicht gut, wenn man sich mit Michael Moore anlegt.
Aber die Zündschnur, die er den Mächtigen unter den Schreibtisch gelegt hat, glimmt auch bei ihm. Er ist angreifbar geworden, durch die Art, wie er die Welt in den Griff bekommen will. »Ich mache Filme, die sich meine Frau und ich mit einer Tüte Popcorn an einem Freitagabend ansehen würden«, hat er einmal sein Erfolgsgeheimnis beschrieben, das Elend und die Bösewichter auf unterhaltsame Weise anzuprangern.
Heute sagt er: »Dokumentarfilme sind eine Art bittere Medizin. Also schütte ich ein wenig Zucker rein, damit es besser schmeckt.« Er hat inzwischen genügend Gegner, die ihn mit dem Vergrößerungsglas betrachten und die wollen, dass ihm diese Mischung im Halse stecken bleibt.
Auch wenn sein Publikum ihm weiter zujubelt. Manchmal wirkt es, als würde Moore den Applaus genießen und zugleich hassen, als sei Beifall für ihn wie ein Hamburger mit Pommes und Coke. Er verschlingt seinen Erfolg, und manchmal scheint es, als wolle er ihn gleich wieder auskotzen.
Längst lebt Moore in einer anderen Welt. Seinen Fans spielt er vor, er sei einer von ihnen. Ein Star zwar, aber einer, der nie Dreiteiler tragen wird und immer noch bei McDonald's isst. Es ist auch diese Authentizität, die ihn attraktiv macht. Dabei fliegt Moore längst mit Learjets, wohnt in Luxushotels, lässt sich von jenem Sicherheitsdienst bewachen, der auch Arnold Schwarzenegger, einen seiner Lieblingsfeinde, beschützt haben soll. Er hat ein schlechtes Gewissen und möchte seinen Lebensstil geheim halten. Wer mit ihm reist, zittert vor seinen cholerischen Ausbrüchen. »Wenn das rauskommt, dass er in Berlin im Adlon gewohnt hat«, sagt jemand aus seinem Umfeld, »macht er uns einen Kopf kürzer.«
Michael Moore mag vom Teamgeist des europäischen Fußballs schwärmen und von einem lückenlosen sozialen Netz und sein Publikum sich an dieser Sozialromantik wie an einem Lagerfeuer wärmen, obwohl es nur noch schwach vor sich hin glimmt, aber er selbst ist längst ein globalisierter Einzelkämpfer.
Michael Moore ist American Football. Er rennt alles über den Haufen, um seinen Punkt zu machen.