Ausstellungen Blicke unter die Haut
Den Künstler befiel das Grausen. »Der Anblick der menschlichen Fleischkammer, der abgetrennten Glieder, der fratzenhaften Köpfe, der blutigen Senkgrube, in der wir herumliefen, der empörende Geruch, der von all dem ausströmte, alles das erfüllte mich mit einem solchen Abscheu, daß ich die Flucht ergriff, durch das Fenster der Anatomie sprang und davonlief.«
So entzog sich, »als ob der Tod mit seinem Gefolge mir auf den Fersen wäre«, der Komponist Hector Berlioz seinem Ekel, als er der Zerlegung etlicher menschlicher Leichen beiwohnte. Eine Ahnung von diesem Entsetzen vermittelt eine Ausstellung, die seit vorletzter Woche in Dresden unter dem Titel »Leibesvisitation« zu sehen ist.
Denn dokumentiert und wirkungsvoll kühl inszeniert werden dort, im Deutschen Hygiene-Museum, die schamlosen wie notwendigen Zerstörungen eines der schärfsten Tabus in der europäischen Kulturgeschichte. »Leibesvisitation« (228 Exponate) bietet Einblicke in aufgebrochene und zerstückelte Leiber, Darstellungen entbeinter und gehäuteter Menschen und, so der Untertitel, »Blicke auf den Körper in fünf Jahrhunderten«, von der Renaissance bis in die Moderne.
Es sind Blicke unter die Haut, modellhafte Schnitte ins Unberührbare. Schicht um Schicht läßt sich, Ausstellungs-Sektion »Der geöffnete Leib«, eine elfenbeinerne »Schwangere Frau, auf einem Podest liegend« spielerisch und lehrreich über Bauchdecke, Magen und Eingeweide bis auf die Nieren abtragen. Aus einem Korb quellen sogenannte Moulagen, plastische Abgüsse menschlicher Organe, hervor wie Würste aus dem Metzgerkessel.
Mit dem Drang der Renaissance zur perfekten Beherrschung des Körpers, so die eingängige These der ansonsten am (West-)Berliner Deutschen Historischen Museum wirkenden Ausstellungs-Vordenker Rosmarie Beier und Martin Roth, hat die vom mittelalterlichen Beschränkungen befreite moderne Wissenschaft ihren Anfang genommen - und die Grundlage zu ihrer Pervertierung bis hin zur »Rassenhygenie« gelegt.
Das blutrünstige Stückelwerk zu Nutz und Frommen der Wissenschaft war im unterhaltungsarmen 16. Jahrhundert ein großes und oft mehrere Tage anhaltendes Spektakel, zu dem allerlei Volk gegen Eintritt ins anatomische Theater drängte.
Den Show-Charakter der Wissenschaft erkannte 1892 auch der in Leutewitz _(* Johann Hasselhorst: »Professor Lucae ) _(leitet eine Sektion« (1864/66). ) bei Dresden ansässige »Anatom und Bildhauer« Rudolf Pohl, als er anläßlich des Umzugs seiner »Kunstanstalt für anatomische Präparate, Völker-Rassen sowie jeder Art mechan.-automatische Panoptikum-Figuren« in großzügigere Räume »die Herren Schausteller höflichst« per Zeitungsannonce einlud, »bei der Durchreise mein Atelier in Augenschein zu nehmen«.
Ironisch spielt auch die Dresdner Show (Gestaltung: der Münchner Michael Hoffer) mit dem eigenen Voyeurismus wie mit dem der Besucher. In einem schummerigen Vorraum und überaus kenntnisreich wird zur Einstimmung eine makabre Peep-Show inszeniert, bei der, wahre Obszönität, eine nur teilweise enthäutete Puppe mit Straps und Dessous die Starrolle spielt. Doch jäh schlägt die Skurrilitätenschau um in die skizzenhafte Illustration des eigentlichen Anliegens der Ausstellung. Mit dem legitimen Wissenschaftler-Wunsch nach dem Verständnis der Körperfunktionen und nach der Durchschaubarkeit des Leibes, so die Wissenschaftler Beier und Roth, erwachte auch der Drang nach Normierung und, letzten Endes, die Möglichkeit zur »wissenschaftlich« legitimierten Ausgrenzung und »Ausmerzung« der Andersartigen aus einem sinnlos zum Ideal erklärten »Volkskörper«.
Als »Herrn Gilles Plattfuß, Tanzmeister an der Akademie der Tölpel« verhöhnte, vergleichsweise harmlos, um 1720 eine Meißener Porzellanfigurine einen Kleinwüchsigen. Angeblich aus der Garde der Langen Kerls des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. stammt ein um 1900 liebevoll präpariertes und penibel vermessenes Skelett eines Riesen. Den Freaks gegenüber aber steht, in Lebensgröße und mit ehrfurchtsvoll zum Schöpfer erhobenen Armen, ein »Gläserner Mann« aus dem Jahr 1935, das Prunkstück der Ausstellung und Symbolfigur für die Botschaft der »Leibesvisitations«-Macher.
Auf Knopfdruck und mit schneidiger Tonbandstimme gibt diese technische Kreatur bereitwillig Auskunft über ihr Innenleben - Hirn und Darm, Magen und Nieren, während unter der durchsichtigen Kunststoffhaut und zwischen weißen Aluminiumknochen farbig das jeweilige Organ aufleuchtet.
Neun solcher gläsernen Menschen, vermutet Volkskundler Martin Roth, wurden allein zwischen 1928 und 1945 in den museumseigenen Werkstätten des Dresdner Hygiene-Museums zur Volksbelustigung und -aufklärung hergestellt und in Museen und Weltausstellungen gezeigt. Deren Prototyp, eine Erfindung des Präparators Franz Tschackert, entstand pünktlich zur 2. Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden in der örtlichen Süßwarenfabrik Siemank & Ringelhahn, weil die Marmeladekocher als einzige über leistungsstarke Dampfkessel verfügten, mit der die durchsichtige Kunststoffhaut ("Cellon") in Form gebracht werden konnte.
Gläserne Menschen tingelten alsbald auf allen möglichen Messen und Schauveranstaltungen. Auf der Pariser Weltausstellung 1937 war einer täglich bis 24 Uhr zu besichtigen. Wegen des starken Andrangs mußte der Verkehr polizeilich geregelt werden. Inder ergötzten sich 1959 an einer Gläsernen Kuh. Prüde Libyer schwärzten bei Gläsernen Menschen die Stellen ein, an denen die Betrachter hätten Geschlechtsorgane vermuten können. Auch als das Buffalo Museum of Science im US-Staat New York bei den Dresdnern den jetzt zurückgekehrten Gläsernen Mann bestellte, orderte es ausdrücklich »without sex«. Ein Gläsernes Paar, so eine Hauslegende des Hygiene-Museums, ging in den fünfziger Jahren angeblich in den Besitz von Stalin über. Ein letztes Exemplar wurde um 1970 hergestellt.
Da freilich war die Pretiose (Stückpreis 60 000 bis 70 000 Mark) fast schon so überholt wie Moulagen und Modelle, Aufklappbilder und gipsene Gedärme. Einblicke in den pulsierenden Leib ermöglichen den Anatomiestudenten und Ärzten inzwischen Computertomographie und Ultraschall, und Organbanken sorgen für den Nachschub an unbrauchbar gewordenen Organen.
Das wissen auch die Veranstalter der »Leibesvisitation«. Mit schlichtem Understatement setzen sie ihre eigentliche Tagesaktualität in Szene - und enthüllen, zum Schluß und wie nebenbei, das Geheimnis ihres Ausstellungsnamens.
Eines der letzten und für sich gesehen das unscheinbarste Exponat der »Leibesvisitation« zu Dresden ist ein Regal voller Aktenordner. Diese Ordner sind leer, ihre Inhalte verschwunden. Sie wurden dem Museum vom örtlichen Bürgerkomitee zur Auflösung der Stasi überlassen. Die Historiker haben mit feinem Gespür für die naive Symbolik der Wende-Bewegung in einige der Mappen eine kleine Plexiglas-Puppe geklebt, einen gläsernen Menschen.
* Johann Hasselhorst: »Professor Lucae leitet eine Sektion"(1864/66).