EHEN Blindes Wüten
Eine Heirat sei nun mal wie der Kauf eines neuen Autos auf Kredit, meint Tony Perkins: »In den ersten zwölf Monaten ist es kein Problem, die Raten abzubezahlen«, so der Parlamentarier im Abgeordnetenhaus des US-Südstaates Louisiana: »Aber im dritten, vierten oder fünften Jahr weiß man, daß das Auto nun schon ein bißchen alt geworden ist. Und dann hat man keine große Lust mehr, immer noch zu zahlen.«
Ex-Polizist Perkins ist als konservativer Republikaner »der Unverletzlichkeit der Ehe« verpflichtet. Und deshalb hat er sich ein ungewöhnliches Mittel ausgedacht, um Verheiratete zusammenzuhalten.
Das Perkinsonsche Gesetz, das seit 15. August in Louisiana gilt, soll kaputte Ehen zementieren und Scheidungen schwieriger machen. Damit ist Louisiana der schnellste von 22 Bundesstaaten, die derzeit an einem Wettlauf vorwärts in die Vergangenheit teilnehmen. Überall wittern Konservative unter dem Druck der Kirchen gute Chancen, das liberale Scheidungsrecht aus den siebziger Jahren zurückzudrehen - mit manchmal skurrilen, manchmal rabiaten Methoden.
In Florida etwa wollen die Politiker möglichst bald die einfache Scheidung ohne Schuldspruch abschaffen - es darf künftig wieder ausgiebig schmutzige Wäsche gewaschen werden. In anderen Staaten klauben Juristen Gesetze hervor, die Ehebruch unter Strafe stellen. So verurteilte ein Gericht in North Carolina vor kurzem eine Sekretärin zu über 1,8 Millionen Mark Schadensersatz, zahlbar an eine betrogene Ehefrau namens Dorothy Hutelmyer.
Das Vergehen der Delinquentin: Mit Minirock und großzügigem Dekolleté hatte sie ihren Chef umflirtet und ihn schließlich der Gattin ausgespannt. Ein klarer Fall von »Verführung Verheirateter«, wie ein solcher Seitensprung offiziell genannt wird.
»Wenn diese Sekretärin den Mercedes von Frau Hutelmyer gerammt hätte, müßte sie ja auch Schadensersatz zahlen«, freut sich der konservative Journalist und gescheiterte Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur, Pat Buchanan. Amerika erlebe eine »religiöse Auferstehung«, jubelt Buchanan, und es sei auch höchste Zeit, die »Kultur des Hedonismus« zu beseitigen.
Diesen Auftrag erledigten die Abgeordneten im republikanisch regierten Louisiana mit einem Rundumschlag. Ihr zackiger Stil erinnerte die NEW ORLEANS TIMES-PICAYUNE an das »alte Politbüro der Sowjetunion«. Ohne große Debatte oder gar nennenswerte Gegenstimmen verabschiedeten die Parlamentarier gleich drei einschlägige Gesetze.
Eines davon soll die Verteilung von Verhütungsmitteln an Schüler verbieten. Die Mediziner dürfen nicht einmal mehr verraten, wo es so etwas Unanständiges gibt. Das zweite Gesetz soll Frauen dienen, die abgetrieben haben: Sie können künftig auch noch zehn Jahre nach dem Eingriff ihren Arzt verklagen, wenn sie glauben, daß ihnen die Abtreibung irgendwie geschadet habe. Da in den USA bei derartigen Prozessen hohe Summen fällig sind, dürfte die Bestimmung hilfswillige Mediziner zuverlässig abschrecken.
Ebenso trickreich haben die Abgeordneten ihr neues Eherecht frisiert: Verliebte dürfen nun zwischen zwei Trau-Methoden wählen. Sie können nach dem alten Recht heiraten, eine spätere Scheidung ist dann kaum mehr als eine Formalie. Sie sollten aber lieber, so wollen es die Volksvertreter, die neue sogenannte Schwur-Hochzeit wagen - Beginn einer ziemlich ausbruchsicheren Ehe.
Bevor ein Paar nach dem neuen Verfahren heiratet, muß es sich zunächst in seinen künftigen Pflichten unterweisen lassen. Gibt es später Streit, müssen die beiden laut Gesetz einen Eheberater aufsuchen. Scheitert auch dieser, kann die Ehe zwar geschieden werden - aber nicht einfach auf Wunsch der Betroffenen, sondern allenfalls nach einem gerichtsnotorischen Seitensprung, nach Verbrechen, sexuellem Mißbrauch oder zweijähriger Trennung.
Mit Hilfe eines derartigen Vertrags, glaubt Republikaner Perkins, lasse sich zumindest in seinem Staat die Scheidungsrate senken, die derzeit US-weit bei fast 50 Prozent liegt. Das Gesetz soll auch den Kindern nützen, denn Scheidungsopfer werden nach einer amerikanischen Studie häufiger zu Alkoholikern und Junkies.
Der moralische Druck des Partners oder der Schwiegereltern wird meist wohl schon ausreichen, Heiratswillige in die Schwur-Ehe zu drängen. Nach einer Umfrage denken sowieso alle Verliebten, daß ihre eigene Ehe ewig halten werde - selbst angehende Juristen erliegen diesem Irrglauben.
Kaum ein Paar werde deshalb vor der Hochzeit an den Ernstfall denken und sicherheitshalber die alte Ehe light wählen, glaubt Barbara Dafoe Whitehead, Autorin des Scheidungsbuches »The Divorce Culture": »Es ist unmöglich, sie zum Nachdenken zu bewegen - besonders, wenn es ihre erste Heirat ist und sie noch jung sind.«
»Das ist ein wirkliches Bekenntnis«, begeistert sich dagegen Mark McDonald, 27, für das neue Gesetz. Der junge Mann aus Baton Rouge in Louisiana will im Oktober seine Verlobte Pamela LeBlanc, 25, ehelichen, natürlich ohne Vorbehalt: »Das wird ein Schwur«, tönt er, während seine Künftige still am Verlobungsring dreht.
Derart blindes Wüten läßt die Juraprofessorin Amy Wax von der University of Virginia schaudern: Viele würden sich nun »massiv binden und es dann lange bedauern, wenn Dr. Jekyll sich auf einmal in Mr. Hyde verwandelt«, der liebevolle Partner zum Ungeheuer wird.