Blut und Peitsche
Es war im vergangenen Sommer, als der Marquis de Sade in ihr Leben trat, 13 Jahre nachdem das Kraftwerk Vockerode die letzte Schicht fuhr und Eva K. zum letzten Mal herabstieg von ihrem Kran.
Seltsam war es, ein finsterer Reiz, es war, Eva K. sucht nach Worten, es war »bisschen blutrünstig«, sagt sie, »bisschen schweinisch«. Es war »schön«. Es war Stöhnen im Kraftwerk, zwischen Kesseln, Leitstand und Maschinenhalle, das Werk wurde zur Bühne für ein »Cross-Genre-Spektakel«, für das Leben des Donatien Alphonse François, Marquis de Sade, Gelehrter der Philosophie und Pornografie, getanzt in drei Akten, mit Blut und Peitsche, und Eva K. sah es sich an und sprach tagelang von nichts anderem mehr.
Eva K., 57, hatte Bauschlosser gelernt und war im Jahr 1986 aufgestiegen zum Kranführer in Vockerode; Vockerode, das war: ein Braunkohlekraftwerk mit 15 000 Tonnen Kohleverbrauch jeden Tag, 2500 Gigawattstunden Stromproduktion jedes Jahr, Energiespender für die Chemiewerke in Priesteritz und Bitterfeld, Wärmespender für das örtliche Gurkenkombinat. Eva K. saß auf ihrem Kran und machte den Dreck weg, kippte Asche in Waggons, im Dreischichtbetrieb, morgens, mittags, nachts.
Wie automatisch wischt ihre Hand über rostige Schweißnähte, Eva K., klein, robust, rothaarig, zeigt das Werk, das von diesem Tag an wieder mit Wispern, Schreien und Klagen erfüllt ist, de Sade ist zurück, und Eva K. schaut diesmal nicht nur zu.
In den Kesseln, wo früher die Braunkohle glühte, sind jetzt Gruselvorführungen als Rahmenprogramm, schwarze Kisten mit Löchern, in denen es Sonderbares zu Ertasten gilt, oder Glaskästen, in denen sich lebende Menschen mit Tätowierungen und Piercings ausstellen werden, wie Tiere.
Das schwere große Rad vor Kessel neun hat nichts mit dem Kraftwerk zu tun. Das ist für den Marquis, darin sperrt er seine Geliebte, zum Peitschen.
In Arbeitshose und Arbeitshemd steht Eva K. in ihrem Kraftwerk und redet sehr faktisch über Gewalttaten aller Art und dann über 1994, als das Werk verstummte, das fünf Jahre davor noch den »1. Platz für hervorragende Leistungen im sozialistischen Wettbewerb der Kraftwerke der DDR« errang.
Das Leben wurde sauberer, leiser und leer. Ihr hat man damals eine Umschulung verschafft zur »Fachfrau für Organisation und Kommunikation im Handwerk«. Sie sagt: »Das heißt Lagerist.«
Aber es gab keine Stelle für eine Fachfrau für Organisation und Kommunikation im Handwerk, es gab nur ABM. Und dann Hartz IV.
Ein stilles Land, dort hinter Dessau an der Elbe, es ist, als ob Gras darüber wüchse, seit das Dröhnen des Kraftwerks nicht mehr ist, die Jungen wandern ab, eine leere Gegend, aber jetzt, einen Sommer lang, ist wieder Leben im Kraftwerk, auch wenn es von Blut und Tod erzählt, die Dessauer Gregor-Seyffert-Compagnie spielt wieder ihren »Marquis de Sade«. Die »dunkle Seite seiner und unserer Seele« soll ausgeleuchtet werden, so ist von der Compagnie zu erfahren. Also die Abgründe von Macht und Machtmissbrauch.
In Vockerode sagen manche, dass die Abgründe heutzutage eher auf der Agentur für Arbeit zu finden seien, und was ein Hartz-IV-Empfänger mit sich machen lassen müsse, um Hartz IV zu empfangen, das sei die wahre Quälerei. Eva K. sagt das nicht. Sie sagt: »So isses ehmt. Jammern hat kein Zweck.«
Sie steht abseits, als der Marquis im ersten Akt kopfüber, gefesselt, an einer Kette vom Himmel her niederfährt in das Irrenhaus von Charenton, von wo aus er zurückblickt auf sein Leben. Auf Herrscher und Beherrschte, auf den Papst und Ludwig XVI. und Robespierre und Napoleon in all ihrer Grausamkeit, Menschenquäler, allesamt seien die Herrscher Menschenquäler, und nur er allein, brüllt der Marquis, quäle ohne Heuchelei. Voller Abscheu werfen Robespierre, Napoleon und Ludwig XVI. in Akt eins die Schriften de Sades in die Tiefe. Eva K. sammelt sie auf und bringt sie wieder hoch. Viel weibliche Unschuld wird gequält in Akt zwei und Akt drei. Auch das macht viel Arbeit, viel Sauerei.
Der Mensch, wispert der Marquis, ist ein schönes, böses Tier.
Der Mensch ist ein Tier, das Arbeit braucht, um zu leben, der eine tanzt sich blutig und schmutzig dafür, der andere kommt mit Besen, Schaufel, Kehrblech und Wischlappen und schafft den Schmutz weg, wie Eva K., das ist ihr Job. Ein bisschen wie früher, schlechter bezahlt, aber besser als Hartz IV.
Sie wischt, und es geht um ihre Zukunft und die des Kraftwerks und der Region. Das Gurkenkombinat gibt es nicht mehr. Die Chemiewerke sind nicht mehr das, was sie mal waren. Dem Kraftwerk wurden vor sechs Jahren die Schornsteine gesprengt, vor einem Jahr verlor es seinen Denkmalstatus, und jetzt bleibt nur die Hoffnung auf Tourismus, auf Spektakel, auf die Neugier von Fremden. Hoffnung, das ist der Rohstoff, den man heute zum Glühen bringt, es wird schon weitergehen, sagt Eva K., irgendwie wird es weitergehen.
Es denkt ja keiner dran. Aber wenn mal einer dran denken würde, würde er begreifen: Es geht nicht ohne jemand, der den Dreck wegmacht. Die Asche, den Schmutz, das Blut.
Es geht nicht ohne sie. BARBARA SUPP